das andere salzburg

Garantiert nichts für Sensibelchen

Jedes Jahr im Sommer lockt Salzburg den Theaterfreund mit den Festspielen. In diesem Jahr steht u.a. eine Performance von SIGNA auf dem Programm. Da ich durch „Germania Song“ zum SIGNA-Junkie geworden bin, kann ich mir das nicht entgehen lassen. Also Salzburg. Eine schöne, eine zu schöne Stadt: zu hübsch, zu puppenstubenhaft, zu viele reiche und schöne Menschen (die meisten von ihnen sicher Touristen), zu sauber, zu viele barocke Kirchen, zu viel Mozart. Wenn ich nicht wegen der Festspiele dort gewesen wäre, wäre die Stadt sicher nicht unbedingt mein Ziel gewesen. Ursprünglich wollte ich nur wegen der SIGNA-Performance hinfahren, am Ende waren es dann doch drei „Stücke“ in zwei Tagen.

Seit einigen Jahren gibt es bei den Festspielen eine Reihe, die sich Young Director’s Project nennt. Nun ist es vielleicht etwas vermessen, SIGNA dort einzuordnen. Signa und Arthur Köstler und Thomas Bo Nilsson, die den künstlerischen Kopf von SIGNA bilden, sind seit Jahren in der Szene aktiv, also keineswegs die Newcomer, die es zu entdecken gilt. In Salzburg zeigen sie nun „Das ehemalige Haus“. Grundidee der Performance: Darstellung der Problematik Zwangsprostitution mit SIGNA-spezifischen Mitteln.

Ein Ort des Grauens – SIGNAS „Das ehemalige Haus“

Der Besucher wird von einer Erinnye begrüßt und erfährt, dass dieses Haus im August 2010 abgebrannt ist und alle Bewohner umgekommen sind. In der Performance werden sie noch einmal zum Leben erweckt. Und was sind das für Schicksale: Wally Keßler, geboren 1930, von russischen Soldaten in Leipzig 1945 vergewaltigt. Joseph, „Joe“, das dabei gezeugte Kind, wird zu Verwandten nach Wien gegeben und entwickelt sich dort zum Kriminellen. Seine Profession: Nachtlokal- und Bordellbetreiber. Carlo und Rocco, die für ihn arbeiten, holen die Frauen aus Osteuropa, hier im Haus in der Teisenberggasse werden sie „zugeritten“ und das erlebt der Besucher live mit.

Dann gibt es noch die zurückgebliebenen jüngeren Söhne Wallys, die die Frauen im Keller für sprechende Hasen halten, sowie Joes Frau Tatjana und deren Freundin Nicole, die sich um die „Ausbildung“ der Frauen kümmern. Viele Szenen erinnerten an das, was ich im Winter 2010 in der Kopenhagener Villa Sàlo erlebt habe, als SIGNA Pasolinis „120 Tage von Sodom“ verarbeiteten. Doch ist es jetzt intensiver, schon weil es in den engen Räumen keine Rückzugsmöglichkeiten für den Besucher gibt, und andererseits auch ungewöhnlich kurz (knappe 3 Stunden) für eine SIGNA-Performance.

Frösteln trotz Sonnenschein – Willkommen in der Wirklichkeit

Ein Kritiker schrieb, am Ende wäre man überrascht, wieder ins Freie zu kommen und dort herrsche weiterhin ein friedlicher Sommertag. Das ist nicht ganz richtig. Nach zweieinhalb Stunden in den dunklen, von Grausamkeit geprägten Räumen des Hauses finden die letzten Minuten der Aufführung zwar im Freien statt. Aber Umgebung und Geschehen bleiben fürchterlich, trotz Sonnenschein. Die Zuschauer sind um eine Grube versammelt, die ein Massengrab sein könnte. Darauf hocken die drei Frauen, die hier im Haus zur Zwangsprostitution abgerichtet werden: nackt, zitternd, weinend. Im Kopfhörer läuft dazu ein Text, der eine Vergewaltigung in einer Kriegsszenerie beschreibt. Dann verlässt man den Schauplatz, tritt hinaus auf die sonnenüberflutete Straße und weiß doch, dass der friedliche Sonnenschein täuschen und dass sich hinter jeder Fassade das Grauen verbergen kann.

Die Realität emotional erfassen

Am Tag nach meiner Rückkehr aus Salzburg höre ich im Radio über einen neuen Fall von Inzest. Ein Mann, nun schon 80, hat seine zwei Töchter 40 Jahre lang in seinem Haus gefangen gehalten, die meiste Zeit davon in nur einem Zimmer. Es werden Nachbarn gefragt, die nichts bemerkt haben. Natürlich kann man einwenden, das wisse man doch, auch wisse man von Massenvergewaltigungen im Krieg, von Zwangsprostitution, man müsse sich das nicht im Theater anschauen. Nein, man muss es nicht und wie auch nach Kopenhagen kann ich nicht in wenigen Worten sagen, warum ich genau das trotzdem tue. Vielleicht um sagen zu können, nichts Menschliches ist mir fremd, ohne all das Menschliche wirklich erlebt haben zu müssen. Aber es geht nicht um die Abbildung der Wirklichkeit in der Kunst, um die Wirklichkeit scheinbar zu erleben, sondern um sie nicht nur rational wie beim Zeitunglesen oder Nachrichtenhören, sondern emotional zu erfassen. Und nicht nur zu erfassen, sondern zu verabscheuen, hassen zu lernen, angewidert zu sein.

SIGNA Das ehemalige Haus. Salzburger Festspiele. (c) Arthur Köstler

Im Anschluss werden Broschüren verteilt von terre des femmes, die über Zwangsprostitution aufklären. Ein Kritiker schreibt, das wäre nicht nötig gewesen, die Botschaft habe man verstanden. Ja, die Leute, die drin waren, wahrscheinlich schon. Aber in der Broschüre kann man lesen, dass täglich geschätzte 1,2 Mio Männer (in Deutschland!) eine Prostituierte aufsuchen, und auch, wie viele als Sextouristen ins Ausland reisen. Weckt der Markt die Bedürfnisse oder entsteht er aufgrund vorhandener Bedürfnisse? Ein Bordellbesucher wird zitiert: Er sei bei einer Prostituierten gewesen, die offensichtlich nicht aus Deutschland stammte. Obwohl er nur das „Normale“ verlangt habe, habe er den Eindruck gehabt, die Frau wirke lustlos und hätte ihm nicht in die Augen blicken wollen. Kann man so denken? Kann man glauben, dass eine Prostituierte Spaß bei der Arbeit hat? Sicher, man kann fragen, ob man Zwangsprostitution künstlerisch so darstellen muss. Ob einer der Besucher seine Meinung zu dem Thema ändert. Männer wie der oben zitierte Freier werden hier nicht gewesen sein. Ja, es ist Theater, und man kann sich das ständig vor Augen halten und es lächerlich finden, wenn Leute eingreifen und die Situation zu beeinflussen versuchen. Wer aber so über den Dingen stehen will, sollte sich keine SIGNA-Performance antun.

Aus Raum und Zeit – eine ganz spezielle Museums-Führung

Am nächsten Tag war ich zunächst als ganz normaler Besucher im Museum der Moderne. Dann begann dort die Performance „Symphony Of A Missing Room“ eines in London lebenden schwedischen Künstlerpaars, ebenfalls ein Beitrag des Young Director’s Project. Man nahm zunächst auf einer Bank Platz, bekam Kopfhörer und war von da ab akustisch von der Umwelt isoliert. Wirklich? Glaubte man doch gerade eine Frau in Absatzschuhen hinter sich von links nach rechts gehen zu hören. Man dreht sich um: da ist niemand. Aber jetzt kommt jemand die Treppe hoch, biegt um die Ecke: nein, wieder nichts, nur akustische Täuschung. Ein perfekter Sound, der Dir einen Raum vorgaukelt, den es so nicht gibt. Als nächstes wird man gebeten, die Augen zu schließen und bekommt eine Brille aufgesetzt. Ein Kritiker hat schrieb, die wäre für hell und dunkel durchlässig. Ich glaube, das ist falsch, denn die Hell-Dunkel-Effekte, die wirklich stattfinden, sind simuliert. High-Tech also an Ohr und Auge und zugleich visuelle Isolation. Nun sagt einem die Stimme im Ohr, man solle vorwärts gehen. Aber wie weit geht man in einem unbekannten Raum, wenn man nichts sieht und hört? Man könnte die Arme ausstrecken, um etwas zu fühlen, um nicht vielleicht gegen eine Skulptur zu laufen, schließlich ist das hier ein Museum.

Symphony Of A Living Room. Salzburger Festspiele (c) Andreas Karpery

Doch was passiert jetzt? Zarte Frauenhände greifen nach meinen Händen, man könnte glauben, eine Fee tanze um mich. Mal ergreift sie die rechte, mal die linke Hand, mal beide, dann wieder ist sie hinter mir, hält mich an den Schultern fest. Den Bewegungen der Hände folgend, lässt sich auch der Körper darauf ein. Hier soll es einen schmalen Gang geben, man duckt sich, um nicht anzustoßen. Dann scheint sich die Höhe der Hände zu ändern, man glaubt nach oben zu steigen, oder doch nach unten? Man vertraut den Händen, die seltsam körperlos scheinen und bewegt sich erstaunlich sicher im Raum (was vielleicht von außen betrachtet ganz anders aussieht). Irgendwann sagt die Stimme wieder „Close your eyes“ und man spürt, wie die Brille entfernt wird: „Keep your eyes closed“ – dann: „Open your eyes“: man blickt auf eine Wand, sieht den eigenen Schatten, die „Fee“ ist entschwunden.

Ein Selbsterfahrungsprogramm für Ultrasensibelchen?

Sicher ist die Veranstaltung nicht in jedem Moment überzeugend, aber es ist eine vollkommen neue sinnliche Erfahrung, spannend und ungewöhnlich. „Symphony Of A Missing Room“ bekommt am Ende den 1. Preis der fünf Young Director’s Projekte. Ein bissiger Kritiker hält die Performance für „ein Selbsterfahrungsprogramm für die Ultrasensibelchen“. Ja natürlich, man muss nur nüchtern genug bleiben und sich die ganz Zeit vorstellen, wie albern man aussieht, weil man sich vielleicht nur auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern und unsichtbaren Händen vorführen lässt und dabei glaubt, man durchwandere ein Museum. Das ist ein Standpunkt, aber warum glaubt jemand, der auf diesem Standpunkt steht, er müsse darüber als Theaterkritiker schreiben? Immer öfter möchte ich es mit Hermann Hesse halten, der nur Bücher besprach, die ihm gefielen. Das sollte sich vielleicht mancher Kritiker zu Herzen nehmen, ehe er sich über Dinge hämisch äußert oder sie verreißt, zu denen er einfach nur keinen Zugang gefunden hat.

Und dann: Slowenische Großmütter im Konfettiregen

Das dritte Stück war dann ein Peter-Handke-Text: „Immer noch Sturm“, inszeniert von Dimiter Gottscheff in Kooperation mit dem Thalia Theater Hamburg. Eine Reise in die Welt und die Geschichte der slowenischen Vorfahren Handkes. Viereinhalb Stunden, viel Text, kaum Interaktionen. Die „Ich“ Figur lässt seine Vorfahren auf der Bühne lebendig werden, hält aber auch selbst lange Monologe.

Immer noch Sturm 2011. Salzburger Festspiele © Ruth Walz

Die Ahnen, Großeltern, Mutter, Onkel und Tante erscheinen seltsam isoliert. Und das während die gesamte Zeit über grünes Konfetti auf die Bühne rieselt und diese am Ende zentimeterhoch bedeckt. Ein anstrengender Abend, gewiss, zumal es unter dem Dach der ehemaligen Salinenhalle ziemlich warm ist und es wegen des Konfettiregens keine Belüftung gibt. Aber trotzdem ein spannendes Stück, das man sicher mehrmals sehen müsste, um den Text wirklich vollständig und bewusst aufzunehmen.