atlas | Philipp Preuss | Schauspiel Leipzig

delay am drehkreuz der geschichte(n) – philipp preuss & team gelingen bezwingende klangbilder in der diskothek

Der Blick in der dusteren Diskothek des Leipziger Schauspiel fällt zuallererst nach draußen, denn die Fenster sind an diesem Abend nicht verhangen. Auf dem Innenstadtring fahren am Sonntagabend einige wenige Autos und eine Straßenbahn vorbei, entfernt erkennt man ein paar einzelne Passanten. Der Theaterraum erweitert in die Stadt, schön, das fängt gut an. War da grad ein blauer Trabi? Doch schon holt uns der Hörsinn – und der wird an diesem Abend noch ganz wunderbar beschäftigt werden – wieder nach drinnen.

atlas, schauspiel leipzig © Rolf Arnold

Drinnen sein, draußen sein – Sophie Hottinger und Denis Petković in atlas © Rolf Arnold

Entferntes Stimmengewirr, dann ein Glucksen, Klirren, Sprudeln, Schlucken, Gurgeln: Die vier Spieler hantieren mit Wasserflaschen und eiswürfelgefüllten Gläsern am Mikrophon. Viel später erzählt die alte Frau (Ellen Hellwig) vom steigenden Wasser im Flüchtlingsboot 40 Jahre zuvor, vom warmen Meer und den Händen der Ertrinkenden und davon, dass sie die ihrer kleinen Tochter nicht finden kann.

hãy nhìn đây
-sieh hier her

Während sie zurückblickt nach Vietnam und in ihren Schmerz, schaut die zweite Frau (Sophie Hottinger) aus dem Fenster auf den grauen Plattenbau gegenüber und hört die Stimmen der Montagsdemonstranten auf dem Ring. Und die dritte (Marie Rathscheck) hängt im Heute auf dem Flughafen von Ho-Chi-Minh-Stadt fest. Delay zwischen dutyfree-Tobleronegebirgen, gefangen in diesem unwirklichen Transitraum.

atlas, schauspiel leipzig © Rolf Arnold

Durch die Zeit getrennt und doch zusammen – atlas von Thomas Köck © Rolf Arnold

Und ist nicht auch das Theater ein solcher Zwischenort? Überall finden sich hier Bezüge und Berührungspunkte und genauso funktionieren der neue Text von Thomas Köck (paradies fluten (verirrte sinfonie)) und dieser Uraufführungsabend: Er erzählt Geschichten, deren Zusammenhänge erst nach und nach aufscheinen und immer ein wenig vage bleiben, lässt verschiedene Stimmen erklingen und wieder verstummen, legt kunstvoll Erzählschleifen, die sich hin und wieder berühren und unvermutete Parallelen aufzeigen – zwischen philosophischen Gedanken, poetischen Sätzen und sehr konkreter Geschichte.

zeit, überhaupt
wenn man darüber erstmal nachdenkt

Es geht um Flucht, ums Weg- und Woanders-hin-Wollen, um Liebe und Verlust, um ein Kind, dass es nicht geben dürfte: in atlas sind die Schicksale dreier Frauen und damit die dreier Generationen unauflöslich miteinander verwoben: Von den Boatpeople Ende der 70er auf Pulau Bidong; über die Schicksale der vietnamesischen Gastarbeiterinnen im sich Ende der 80er Jahre auflösenden, sozialistischen Bruderstaat, der sich so gar nicht brüderlich zeigte; bis in die Jetzt-Zeit, in der sich die Tochter und Enkelin auf die Suche nach ihren Wurzeln macht. Es geht um die Zeit, die gleichgültig einfach passiert und um die Geschichte, die hinterher das Geschehene ordnen muss. Gleichzeitig löst schon die Machart des Textes das Konsrukt „Zeit“ auf, lässt uns aus der, oder besser: durch die Zeiten fallen und erzählt so klug und subtil mit dem Gestern vom Heute.

Regisseur Philipp Preuss nähert sich diesem Text-Fluss sehr achtsam und reduziert. Behutsam kanalisiert er ihn dort, wo sich die mäandernden Stimmen, Geschichten und Zeiten treffen, verlässt sich ganz auf seine Spieler und auf die Bilder, die allein durch Sprache, Blicke und das kluge Setting in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Ramallah Aubrechts Bühne kommt mit einem Stuhl, drei Kleiderständern und unzähligen Drahtbügeln aus; ihre Kostüme – mal schlicht: weiß, mal konkret: Jeans – scheinen genau wie die Figuren durch die Zeit zu fallen. Das Licht lenkt den Blick sachte, den Spielern folgend, von drinnen nach draußen: vors Fenster in die Kälte, wo das ostdeutsch-vietnamesische, verbotene Liebespaar gemeinsam einsam hockt, während der Ring selbst das demonstrierende Wir-sind-das-Volk auferstehen lässt.

Heimweh heißt auf serbisch носталгија

Marie Rathscheck, Sophie Hottinger, Ellen Hellwig und Denis Petković spielen wunderbar zurückgenommen, zart, warmherzig und mit großer Kraft und Genauigkeit. Bestimmte Textparts sprechen sie in den Sprachen, in denen sie selbst zuhause sind und schaffen so auf Schweizerdeutsch, Serbisch, Französisch und Norwegisch eine noch größere Intensität. Plus die Frage, was die Sprache an sich eigentlich mit dem Erzähltem, mit der Zeit, mit der Geschichte macht.

atlas, schauspiel leipzig © Rolf Arnold

Wir sind die anderen.  © Rolf Arnold

Vor allem aber lebt der Abend von seinem ganz besonderen Sound. Eindrückliche, fein abgestimmte Klang-Bilder malt Tonmeister Alexander Nemitz da in Ohren und Herz, fängt laute, leise, nahe, ferne Stimmen ein, verdoppelt, loopt, reduziert; verwebt Töne und Geräusche mit berückender Musik zu einer unglaublichen Dichte und gleichzeitig zu einer weiteren, überaus sinnlichen Assoziationsebene.

Ein Kleinod ist hier entstanden, in dem nichts Beiwerk oder bloße Kulisse ist, sondern alles – sei es Ton, Raum, Text, Spieler – eine ureigene Rolle hat. Ein Abend, dessen Sätze sich immer wieder im Zuschauerhirn verhaken, an dem sich unerwartete Einsichten ins Wiederholungspotential der Zeitläufte auftun. Der schemenhaft leicht ist und zugleich verdammt schwer. Hart und ehrlich und dabei von großer Poesie und feinem Humor. Einer, der leuchtet, der schwingt und klingt. Und klingt und klingt … und … klingt.


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UA. Von Thomas Köck. Regie Philipp Preuss. Bühne und Kostüme Ramallah Aubrecht. Ton Alexander Nemitz. Licht Carsten Rüger. Dramaturgie Katja Herlemann. Regieassistenz Kristina Seebruch. Mit Ellen Hellwig, Sophie Hottinger, Denis Petković und Marie Rathscheck.

NEXT SHOWS: 10. und 23. Februar sowie am 10. und 27. März 2019, Schauspiel Leipzig, Diskothek