der amerikanische (sommernachts)traum

Obwohl Shakespeares 450. Geburtstag auch schon wieder sieben Monate zurückliegt, ist selbiger für Bochum Anlass genug, um herbstliche Shakespeare-Wochen auszurufen. Zu deren Abschluss traf sich die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft und auf dem Programm standen gleich zwei „Sommernachtsträume“ – einer in Bochum und einer in Düsseldorf. Es bot sich also Gelegenheit zu einem interessanten Vergleich.

Und die Inszenierungen zeigen ganz unerwartete Ähnlichkeiten. Dass beide die gleiche moderne Übersetzung verwendeten, ist da noch der geringste Punkt. Sowohl Christina Paulhofer (Bochum) als auch Álex Rigola (Düsseldorf) versetzen das Stück vom antiken Athen ins moderne New York. Ganz konkret wird es dabei in Düsseldorf, wo vom Athener Herrscherpaar Hippolyta gestrichen ist und für Theseus nur ein paar kurze Auftritte bleiben. Oberon hingegen wird zu Andy Warhol, den man auch ohne Blick ins Programmheft sofort identifizieren kann.

Sommernachtstraum in Düsseldorf. © Sebastian Hoppe

Sommernachtstraum in Düsseldorf. © Sebastian Hoppe

Kein Athener Wald sondern Warhols Factory, eine Elfe – gespielt von Klara Deutschmann – wird zu Edie Sedgwick und – das wohl der überraschendste Regieeinfall – Titania -Edgar Eckert – ist der männliche Partner von Andy W. Für Puck (gespielt von Moritz Führmann, der auch in Leipzig Schauspiel studiert hat) ist Andy ganz offensichtlich ein Vorbild, denn im Laufe des Abends wird er ihm immer ähnlicher – zumindest, was die Kleidung betrifft. Die schauspielernden Handwerker sind hier Künstlern, die tatsächlich mit Warhol gearbeitet haben. Ihr „Spiel im Spiel“ studieren sie hier für diesen und nicht, wie bei Shakespeare vorgesehen, für eine Aufführung zur Hochzeit von Theseus und Hippolyta ein – und am Ende wird es natürlich ein Film und kein Theaterstück. Dass bei dessen Aufführung dann nicht nur die Athener, sondern eben auch Oberon, Titania und Puck zuschauen, ergibt sich logischerweise. Trotz großer Komik ist es kein durchweg lustiger Abend. Dafür sorgen zum einen die melancholische Edie, zum anderen das Paar Zettel (der hier zu John Giorno wird) und Titania – nicht romantische Verzauberung, sondern Missbrauch der Macht zur Manipulation von Menschen werden hier thematisiert.

Wahrscheinlich wird mancher Shakespeare-Purist die Nase rümpfen: Das wäre doch nicht mehr Shakespeare! Aber bekanntlich steht Shakespeare bis heute so oft auf dem Spielplan, weil seine Stücke Bearbeitungen aushalten. Shakespeare selbst nahm es auch nicht so genau: Ganz allgemein wimmelt es in seinen Stücken von Anachronismen und im Sommernachtstraum werden das antike Athen, die Sagen von Elfen und Handwerker der Shakespeare-Zeit zu einer Geschichte vermischt. Da ist es nur konsequent, wenn man 400 Jahre später die Handlung in die Gegenwart holt. Und weit hergeholt ist es nicht, wenn die im Athener Zauberwald durch den Saft einer Blume induzierte (oder besser: zum Vorschein gebrachte) Austauschbarkeit der Liebesobjekte mit dem Geschehen in einer anarchischen Künstlerkommune und dem Drogengenuss dort verglichen wird.

Weniger konkret als in Düsseldorf ist die personelle Zuordnung in Bochum. Die Kostüme sind modern, der Zauberwald ist von Nachtklub-Atmosphäre geprägt und die Handwerker sind eine Gruppe arbeitsloser Banker, die darauf hoffen, durch ihr Theaterstück Aufmerksamkeit zu erwecken und so vielleicht wieder einen Job zu bekommen..

Der Bochumer Sommernachtstraum  © Diana Küster

Der Bochumer Sommernachtstraum © Diana Küster

Dass die Szene in New York spielt, erfährt man entweder aus dem Programmheft oder man weiß, dass es im Central Park ein John-Lennon-Memorial gibt – denn dort wollen sich Lysander und Hermia nach ihrer Flucht aus der Stadt treffen. Im Publikumsgespräch nennt die Dramaturgin dann auch den Namen Donald Trump, der Pate für die Figur des Theseus bzw. Oberon (beide gespielt vom ehemaligen Leipziger Michael Schütz) gestanden haben könnte, aber wie gesagt, all das ist nicht so eindeutig wie in Düsseldorf. Was dem Abend aber keinen Abbruch tut, auch hier gelingt der Ansatz, Shakespeare in die Gegenwart zu holen, auch hier ist es komisch und melancholisch-ernst zugleich, wofür vor allem ein Puck sorgt, der sich als Freak und Dealer unters Partyvolk der Nachtclubs mischt und dabei sehr einsam zu sein scheint.

Ein wenig kokett aber sicher nicht falsch ist die Bemerkung der Regisseurin im Publikumsgespräch, sie kenne sich mit Nachtklubs und Bankern eben besser aus als mit Wäldern und Handwerkern – und daraus wäre die Idee zur Inszenierung entstanden. So einfach lassen sich manche Dinge erklären. Insgesamt zwei sehenswerte Neuinterpretationen des Sommernachtstraums, die den Ausflug an Ruhr und Rhein zu einer gelungenen Unternehmung machen.