der hinterbühnen-könich – roman kanoniks hinreißendes gogol-solo tagebuch eines wahnsinnigen

Schade, dass sich am Sonntagnachmittag nur so wenige Zuschauer auf der Hinterbühne versammelt haben, über die eigentlich eine Vorstellung von „89/90“ gehen sollte. Dann aber auch irgendwie wieder nicht. Denn der große, weitgehend leere Raum passt ganz und gar wunderbar zur Solo-Show des kleinen Beamten mit den übergroßen Phantasien aus Gogols Tagebuch eines Wahnsinnigen – der Inszenierung von Kristina Seebruch mit Roman Kanonik, die dankenswerterweise und nicht zum ersten Mal als Ersatzvorstellung einspringt.

Roman Kanonik, der auf der großen Bühne gerade unter anderem in » König Ubu/Ubus Prozess glänzt, macht aus der Not eine Tugend und begrüßt jeden Zuschauer persönlich –Aksenti Iwanow Poprischtschin, angenehm! – mit Handschlag und Vorstellung (und kann sich eine knappe Stunde später auch tatsächlich noch an die Namen erinnern ;)).

Was als gewöhnlicher Bericht eines frustrierten und unglücklich verliebten Beamten – öder Job, arrogante Vorgesetzte, die Dame des Herzens aufgrund der gesellschaftlichen Stellung des dennoch Hoffenden unerreichbar – beginnt, endet im beinah kafkaesken Wahn, mitnichten ein kleines Licht, sondern eigentlich Ferdinand der 8. und somit der rechtmäßige König von Spanien zu sein.

Roman Kanonik mit blondem Schopf und im eierschalenweißen Anzug über schwarzem Hemd nimmt uns mit auf diese Tour de Folie und mitten hinein in die immer abenteuerlicher werdenden Gedankengänge. Anfangs noch jovial-plaudernd wandert er bald immer unruhiger und erregter über die große, leere Bühne, die von drei Seiten von Zuschauerblöcken und an der vierten vom Eisernen begrenzt wird. Sein Poprischtschin setzt sich bald hierhin, bald dahin, spricht diesen, dann jene direkt an, versucht, von dem zu überzeugen, was ihm so natürlich scheint, dass es doch jeder erkennen muss. Da können Hunde sprechen und sogar schriftlich korrespondieren, da wird aus dem Sinnieren über den vakanten spanischen Thron fast naturgemäß die feste Überzeugung, selbst der Thronfolger zu sein und aus der unvermeidlich folgenden Einweisung ins Irrenhaus ein Komplott der spanischen Inquistition.

Dabei verrät er seine Figur in keiner Sekunde, stellt den Wahnsinn nicht bloß, ist neben komisch immer auch ehrlich anrührend und liebenswert. Ganz herzergreifend wie er seine Herzdame zum Tanze auffordert und immer wieder abblitzt oder die fiesen Methoden der Inquisitoren – ähm – Nervenärzte schildert. Am liebsten möchte man mitspielen und diese verrückte, poprischtschinsche Traumwelt real werden lassen. Ein wunderbar intimes Ein-Personen-Kammerspiel. Dass an diesem Sonntag aber ausnahmsweise in einer ziemlich großen Kammer stattfindet und dort eine ganz überraschend starke Wirkung entfaltet, denn:

Die Inszenierung nämlich läuft am Schauspiel Leipzig schon etwas länger – zunächst in der Baustelle, aktuell regulär im Rangfoyer. Ein kleiner, ein feiner, ein im positiven Sinne netter Abend. Was aber daraus auf der Hinterbühne wird, ist schier der WahnSinn. Genau diesen (Resonanz)Raum haben Text und Spieler gebraucht. In der Baustelle eher verhalten, setzt Kanonik hier eine im doppelten Wortsinn irre Energie frei, lässt seinen Poprischtschin poltern, leiden, lachen, dröhnen, flüstern. Er vermisst den Bühnenraum wie einen Thronsaal, füllt jede Ecke mit Präsenz und dirigiert seine eigene Phantasie-Sinfonie unter einem einsamen hellen Scheinwerfer. Bald scheint es sogar, als materialisierte sich auf den leeren Zuschauerstühlen ringsum tatsächlich das Gefolge des Königs.

Eingesperrt, einsam und gequält, aber dennoch lässt er nicht ab von seiner Wahnidee, die ja auch um so vieles schöner, größer ist, als dieses öde, kleine, unwichtige Leben. Trotz aller Widrigkeiten bis zum Schluss nicht, dann hebt sich langsam der Eiserne Vorhang und im leeren, erleuchteten Saal … Nee, das wäre jetzt gespoilert. Den hinreißenden, inszenatorischen Paukenschlag, in dem der Abend endet, müsst ihr selber sehen. Momentan sind keine weiteren Vorstellungen angesetzt, wir hoffen aber sehr, dass es noch ein paar Termine geben wird. Die dann aber auch auf der Hinterbühne, bitte. Und ganz regulär am besten, nicht nur als Ausputzer. Lässt sich da was machen, liebes Schauspiel Leipzig?

UPDATE: Wunscherfüllung!
Next show am 1. Juni 2018 auf der Hinterbühne. Yeah!


» Tagebuch eines Wahnsinnigen
Regie Kristina Seebruch. Ausstattung Marianne Heide. Dramatugie Katja Herlemann. Mit König Roman Kanonik