Adams Äpfel | Sommertheater der Cammerspiele, Galerie KUB

der teufel prüft uns alle …
den cammerspielen gelingt ein furioser sommertheater-aufschlag

Als der heftige Gewitterregenguss die Vorstellung in der Galerie KUB 20 Minuten vor Schluss dann doch noch unterbricht, scheint das nur die nächste in der endlosen Reihe von Prüfungen, die der Teufel für Pfarrer Ivan bereithält. In Adams Äpfel, dem Kultfilm von Anders Thomas Jensen, versucht jener, durch konsequente Leugnung aller Schicksalsschläge eine Truppe belehrungsresistenter Straftäter zu resozialisieren. Und nicht zuletzt sich selbst zu retten. Aber der Reihe nach …

Adams Äpfel - Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Adams Äpfel – Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Die Cammerspiele haben sich für ihr diesjähriges Sommertheater die rabenschwarze Filmkomödie aus dem Jahr 2005 (in der Hauptrolle dort Mads Mikkelsen) vorgenommen. Als Regisseur konnte Danilo Riedl (u.a. Mercedes, Blondi) gewonnen werden und unter die Spieler hat sich unser Leipziger Lieblings-DJ Donis gemischt.

Ich male mir die Welt, widdewidde wie …

Während das Publikum links und rechts der Spielfläche Platz nimmt, hockt die illustre Runde, zu der als frischer Resozialisierungsfall Neonazi Adam stößt, schon hübsch debil auf zwei Holzbänken. Als da wären: der pädophile Kleptomane Gunnar, Tankstellenräuber Khalid, die schwangere Ex-Alkoholikerin Sarah und der halbsenile Ex-SS-Mann Poul. Irgendwelche Fortschritte sind selbst bei freundlichster Betrachtung bei keinem auszumachen und der unerschütterliche Optimismus, mit dem Pfarrer Ivan die mannigfachen Misserfolge leugnet, treibt den ausgewiesenen schlechten Menschen Adam bald fast in den Wahnsinn.

Während im Film vor allem Adam und Ivan und damit zwei entgegengesetzte Weltbilder im psychologischen Duell aufeinander treffen und die absurdesten Szenen mit großer Lakonie erzählt sind, ist es Regisseur Danilo Riedl und seinen Cammerspielern mitnichten an einem bloßen Nach-Spiel gelegen. Im Gegenteil, sie drehen das Ding noch einen ganzen Schlag weiter, verpassen der Story einen aktuellen und durchaus provokanten Dreh und fahren so einiges an lachtränentreibenden Einfällen, herrlichem Wortwitz und gnadenloser Situationskomik auf.

Aus so einer Einstellung heraus entstehen Kuchen!

Da werden die Apfelkuchen-Rezepte – Adams selbstgewähltes Resozialisierungsziel ist ein Kuchen aus den Äpfeln des Pfarrgartens – schon mal zu solchen für die Zukunft Deutschlands – zumindest so, wie sich das eine einschlägig bekannte, sogenannte Alternative in ihrem Wahlprogramm vorstellt. Da macht das linksgrünversiffte Gutmenschentum Bauchtanz und Holger, du Apfel! animiert das Publikum zur gemeinsamen, eindeutigen Armgymnastik. Ein bisschen derbe? Ja, aber schon passend. Und vor allem hat’s die nötige Fallhöhe. Denn so manches Lachen will einem im Halse stecken bleiben und immer wieder durchsetzen leisere, nachdenklichere Szenen den absurd-komödiantischen Grundton des Abends.

Adams Äpfel - Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Adams Äpfel – Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Karoline Günst als Sarah ist für einige solche Momente verantwortlich – etwa wenn sie nach der Pause Sophie Hungers Walzer für niemand singt, auf der Bratsche den Filmsong improvisiert oder auch schon – gleich zu Beginn – leeren Blickes als erbarmungswürdiges Häufchen Elend auf der Bank hockt. Überhaupt zeigt die Schauspielerin ein ganz beeindruckendes Spektrum zwischen heulender Not, rotzig-grölendem Bier-Junkie und tougher Tigerrettungsaktivistin.

Groß auch Falko Köpp, der seinen Landpfarrer immer reichlich nah am Abgrund tanzen lässt. Der hochnotkomisch sein kann, dabei aber dem eigentlich doch recht liebenswerten Optimismus seiner Figur schon auch totalitäre Züge verleiht. Mit einem irren immer-weiter-Fatalismus singt er da Howie Carpendales Fremde oder Freunde, während Adam die verbalen Argumente ausgehen und er zuschlägt. Einen brutalen und gleichzeitig fragilen Tanz führen die beiden da auf. Hinreißend!

Paul Becker gibt dem Adam einen bewundernswert starren, immer ein wenig naiv-erstaunten das-kann-doch-nicht-wahr-sein-Blick und eine gute Portion Sturheit mit. Sehr schön, seine Züge dann gen Ende langsam weicher werden zu sehen: Dann nämlich, wenn doch irgendwie zusammenwächst, was nie zusammengehören wollte. Fabian Trott mimt souverän und kernig den verfluch-mich-nochmal-Araber, Christian Feist ist an Flüstertüte und Mikrofon ein veritabel verpeilter Hilfsnazi und Donis kassiert für seinen bierseligen Gunnar mit Zwinkertick, Katzenjammer und akrobatischen Einlagen gefühlt die meisten Lacher. Last but überhaupt nicht least: Dietmar Voigt ist ein ganz wunderbar anrührend-tattriger Poul und im fliegenden Wechsel ein herrlich schnoddrig-trockener Arzt.

Adams Äpfel - Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Adams Äpfel – Sommertheater der Cammerspiele © Jens Dörre

Schwerter zu Pflugscharen?
Krähen zu Friedenstauben!

Klug sind die Szenen auf die kompakte Galerie-KUB-Spielfläche gebaut und pfiffig miteinander verwoben. Eine gewisse Kleinteiligkeit nach der Pause (der Abend wird natürlich trotz Wetter-Prüfung zu Ende gespielt!) ist tatsächlich der Vorlage geschuldet und beim zu Herzen gehenden Ende und einem ebenfalls gänsehautträchtigen, musikalischen Nachsetzer auch schon wieder vergessen.

Wach sollte man sein für dieses Sommertheater und mit offenem Herzen schauen. Da passiert was – mit den Menschen auf der Bühne und denen im Publikum. Da hat jemand etwas zu erzählen. Und dazu ist’s ein herrlich schräger Spaß. Haltet euch ran, die Tickets gehen weg wie geschnitten … Apfelkuchen.


» Adams Äpfel
Sommertheater der Cammerspiele Leipzig
Nach dem gleichnamigen Film von Anders Thomas Jensen. Regie und Bühne Danilo Riedl. Musikalische Einstudierung/Choreographie Kristin Nicolai. Kostüm Zäzilie Schilling. Regieassistenz Victoria Weber. Mit Karoline Günst, Paul Becker, Ralf Donis, Christian Feist, Falko Köpp, Fabian Trott und Dietmar Voigt.

Wieder vom 24. bis 27. Juli und vom 31. Juli bis 3. August 2019, 19:30 Uhr, Galerie KUB