„Der Zauberberg“ | Alexander Eisenach am Schauspiel Graz

Und diese Stunden ein Traum im Traum – Alexander Eisenach hat – mal boulevardesk-komisch, mal surreal-verzerrt – einen besonders illustren Haufen der Der-Welt-abhanden-Gekommenen in der eisig-frischen Zauberberg-Luft versammelt – zu einer Liegekur, bei der die Weltkriegsrealität immer wieder so penetrant wie bedrohlich vorbeischaut. 

Der Zauberberg am Schauspiel Graz Regie Alex Eisenach © Lupi Spuma

© Lupi Spuma

Und was Eisenach hier vorhat, wird gleich in der ersten Szene nach einem sehr komischen, verfrorenen Husten-Prolog vor dem Vorhang klar: Im dem Zug, der den Protagonisten Hans Castorp auf den Zauberberg bringt, hocken die Soldaten des heraufziehenden Weltkrieges mit im Abteil. Der Tod sitzt hier also nicht nur als drohende Folge unheilbarer Lungenkrankheit, sondern auch als graugesichtiger Rekrut und somit gleich zwiefach immer mit am Tisch.

Üben Sie sich in Demenz!

1924 schildert Thomas Mann die Geschichte eben jenes Hans Castorps, der als Kurzzeitbesucher kommt und den die Zauberberg’sche Sanatoriumswelt unter Vorspiegelung oder Entdeckung immer neuer Krankheitssymptome nicht mehr aus ihren Fängen lassen will. Und zeichnet damit ein Bild der (Vorkriegs)Gesellschaft, die auf dem Gipfelpfad, auf dem die Luft immer dünner wird, eigentlich den Abzweig suchen müsste, stattdessen aber wie paralysiert in eine Scheinwelt flieht. Klingt aktuell? Ist es auch.

Daniel Wollenzin hat vordergründig den mondänen Salon des Sanatoriums auf die Bühne gestellt. Vor dessen Fenster ziehen freilich dunkle Schatten auf. Auf diesem Zauberberg ist nicht nur die Zeit extrem ge-, sondern auch der Raum merkwürdig ver-zerrt – wie die Verhältnisse in der Lungenheilanstalt. Denn der Berg ist ständig – manches Mal sogar ein bisschen too much – in Bewegung: da dreht die Bühne, da rollt ein Zug auf Gleisen ins Nirgendwo, da heben und senken sich Podeste, da verschwinden die Spieler, um nach einer erneuten Bühnendrehung wieder aufzutauchen, da fährt ein Pferdegerippe Bühnenkarussell, da erscheinen Gesichter riesenhaft auf den bühnenfüllenden Gazevorhang, während man durch selbigen hindurch die Szene ganz klein im Hintergrund beobachten kann.

Der Zauberberg am Schauspiel Graz Regie Alex Eisenach © Lupi Spuma

© Lupi Spuma

In und auf diesem kreißenden, Zerrbilder gebärenden Berg tummeln sich die todgeweihten Mann’schen Gestalten. Hier fechten ein Settembrini und ein Naphta ihre ideologischen Grabenkämpfe aus, hier hofft Vetter Joachim auf Gesundung und es lockt das Weib in Gestalt der russischen Mitpatientin Chauchat. Hier finden die Ärzte noch auf jeder Lunge einen Schatten und in jedem Menschen den Patienten.

Wie, Sie wollen abreisen?
Noch vor dem Dessert?
Das ist dann Dessertion!

Durch diese fremde, skurrile Welt stolpert Raphael Muff als Castorp im Matrosenanzug: so blond wie unbedarft und im doppelten Sinne ungläubig. Da boulevardierts und kalauerts dann schön – manchmal auch ein wenig zu arg, vor allem im ersten Teil und bei Florian Köhlers Settembrini, der da doch einiges Facetten der Figur an eine überdrehte (zugebenermaßen aber äußerst gekonnte und unterhaltsame) Komik verschenkt.

Alexander Eisenach setzt aber immer wieder klug seine Störelemente in diese grotesken Gesellschaft – Kriegstexte werden eingeflochten, Flüchtlinge strömen und feldgrauuniformierte Weltkriegsrekruten marschieren. Das geht bis zum ziemlich großartigem Schluss, der aus der Séance-Szene direkt aufs Schlachtfeld überblendet, auf dem der tote Joachim Ziemßen im Büßerhemd seine Mitspieler zum Leichenberg aufhäuft.

Warum sollte jemand, der in einem aufgeklärten Land lebt, dem Terror anheimfallen?

Nach der Pause geht es im zweiten Teil ohnehin viel konzentrierter zu, intensiver, fordernder und durchaus auch anstrengender. Der Abend findet zu sich, er setzt mehr auf die Sprache, auf große Monologe. Nico Link findet jetzt zu seinem Naphta, der sich mit einem schweren Holzkreuz auf dem Rücken durch Kommunismus und Kapital in fortschrittsfeindlichen Fanatismus philosophiert. Hans und die Chauchat (schön ambivalent zwischen oberflächlich-kühl kokettierend und wissend-tiefgründig: Sarah Sophia Meyer) singen gemeinsam ein letztes Hochlied auf die Menschenkörper, die der kommende Krieg nicht an einem Stück lassen wird.

Der Zauberberg am Schauspiel Graz Regie Alex Eisenach © Lupi Spuma

© Lupi Spuma

Gleich einem Röntgenbild schaut der Abend jetzt durch Oberfläche und findet da erstaunlicherweise und allen Widrigkeiten und Menscheneigenheiten zum Trotz noch ein schlagendes Herz. Und warnt auf kluge, charmante und sehr bestimmte Weise und mit reichlich Theatermagie und unverdrossenem (Galgen)Humor vorn dem, was passieren kann, wenn im anno dazumal wie im Hier und Jetzt jeder sein individueller Zauberberg bleibt, statt gemeinsam nach dem gangbarsten Weg zurück ins Tal zu suchen.

Am Schluss noch erwähnenswert: Ein volles Haus in Graz an einem Donnerstagabend trotz besten Frühsommerwetters. Und vor allem: Ein tolles, buntgemischtes Grazer Publikum, dass nach 3 ½ fordernden Stunden seine Spieler feiert und bejubelt und mit ganzem Herzen dabei ist. Da waren sichtbar nicht nur einige Wiederholungstäter darunter :-)!


„Der Zauberberg“ » am Schauspiel Graz
nach Thomas Mann. Regie Alexander Eisenach. Bühne Daniel Wollenzin. Kostüme Claudia Irro. Musik Benni Brachtel. Licht Thomas Trummer. Mit Vera Bommer, Raphael Muff, Clemens Maria Riegler, Fredrik Jan Hofmann, Evamaria Salcher, Florian Köhler, Nico Link, Sarah Sophia Meyer und Franz Xaver Zach

Voraussichtlich Wiederaufnahme in 2018/19