die kultur könnt ihr euch in die haare schmieren! alex eisenach macht frankfurt den fauser

Lange Zeit kannte ich von Frankfurt am Main nur den Bahnhof als Ort des Umsteigens. Doch die zu Ende gehende Spielzeit hat uns Centraltheaterfreunden diverse Gelegenheiten geboten, zu Theatern außerhalb Leipzigs zu reisen, und so kenne ich nun auch den Weg vom Frankfurter Hauptbahnhof zum dortigen Theater. Der führt an einigen Kneipen vorbei, die man aus Jörg Fausers Roman Rohstoff zu kennen glaubt. Und Jörg Fauser war auch der Anlaß für einen Frankfurt-Besuch am vergangenen Wochenende, aber der Reihe nach.

Das Schauspiel Frankfurt hat seit dieser Spielzeit ein Regie-Studio eingerichtet. Zu den jungen Regisseuren, die hier arbeiten, gehört Alexander Eisenach, dem Leipziger Publikum bekannt durch seine Arbeiten „Herz der Finsternis“, „Schwarztaxi inside“ und „Nostalghia“. Am vergangenen Wochenende gab es nun ein kleines Festival, auf dem alte und neue Arbeiten des Regie-Studios gezeigt wurden. So stand zu ungewöhnlicher Zeit, am Sonnabend 11 Uhr, Alexander Eisenachs Inszenierung „Fauser, mon amour“ auf dem Spielplan, die bereits im Januar Premiere hatte.

© Karolin Back

© Karolin Back

„Fauser, mon amour“ basiert auf Jörg Fausers wohl bekanntestem Werk, dem Kriminalroman „Der Schneemann“. Dieser Roman beschreibt, wie der Kleinkriminelle Siegfried Blum durch Zufall in den Besitz von fünf Pfund Kokain gerät und versucht, dieses zu Geld zu machen. Das große Geschäft misslingt, am Ende steht er mit leeren Händen da, hat aber auf jeden Fall die Sympathien der Leser gewonnen. Auf der Theaterbühne ist der Stoff erstmalig zu sehen. Allerdings belässt es Alexander Eisenach nicht dabei, den Roman zu dramatisieren und die Story zu erzählen. Die gemeinsam mit der Dramaturgin Rebecca Lang erstellte Textfassung bezieht andere Texte Fausers ein, u.a. auch ein Interview mit Hellmuth Karasek. Außerdem bekommt die Geschichte noch eine Metaebene, in der die Schauspieler verhandeln, was sie denn hier eigentlich tun. Fünf Schauspieler teilen sich die Rollen, mit dabei sind Linda Pöppel und Christian Kuchenbuch.

Bevor die Vorstellung beginnt, schaut man etwas erstaunt auf die Bühne, denn da ist zwischen der vordersten Zuschauerreihe und einer mit einer Leinwand bespannten Wand nicht viel Platz zum Spielen. Aber wie die Leinwand schon vermuten lässt – kommen hier Videoprojektionen zum Einsatz. Das Spiel beginnt hinter verschlossenen Türen in der Box und wird nach draußen übertragen. Ein Prinzip, das man von der Berliner Volksbühne kennt und das hier durchaus gelungen umgesetzt wird, weil sich Übertragung aus dem Innenraum und Spiel auf der „Vorderbühne“ ergänzend abwechseln. Nachdem die ersten Szenen der Geschichte gespielt und gefilmt sind, taucht jener ominöse Gepäckschein auf, den Blum durch Zufall in die Hände bekommt und mit dem er einen Koffer abholen kann, in dem er dann das Kokain findet. Hier ist die erste Gelegenheit, um die Sache einmal zu überdenken.

Fauser mon Amour © Karolin Back

Fauser mon Amour © Karolin Back

Können wir denn einen politischen Film drehen, wenn die Grundlage der weiteren Handlung etwas so profan Materielles wie ein Gepäckschein ist, fragt Linda Pöppel. Könnte man dann nicht gleich eine Tierdoku drehen, ergänzt Christian Erdt. Oder sollte doch lieber zuerst eine Kommune gegründet werden, wie Christoph Pütthoff meint. Diese Diskussionen erinnern ein wenig an die Diskurse, die man bei Stücken von Rene Pollesch erlebt. Die Inszenierung kommt immer besser in Schwung und erlebt in der Folge einige Höhepunkte. Da ist z.B. die Szene, in der Blum und seine Begleiterin Cora Zug fahren. Ein grotesk maskierter Mitfahrer nach dem anderen kommt ins Abteil und während Blum, der unter Verfolgungswahn leidet, sichtlich nervös wird, unterhalten sich die Mitfahrer darüber, in welchem Fernsehquiz sie sich gegenseitig schon gesehen haben. Eine wunderbar komische und absurde Szene. Noch eine Schippe wird dann draufgelegt, als das Kokain verkauft werden soll – eine Schippe Theaterschnee nämlich, der im Raum fleißig verteilt wird und den man sich auch als Zuschauer noch einige Zeit nach der Vorstellung aus den Haaren klauben kann.

Natürlich kann nicht jede Szene des Romans nachgespielt werden und ebenso natürlich soll hier nicht jede Szene der Inszenierung beschrieben werden. In der Schlussszene darf Linda Pöppel über den Kulturbetrieb und die Kulturbonzen herziehen, das hat durchaus Beziehung zu aktuellen kulturpolitischen Entscheidungen, aber wohl auch zu  Jörg Fauser, dessen Werke von der Literaturkritik lange Zeit unterschätzt wurden. Die Kultur könnt ihr euch in die Haar schmieren, ruft Linda Pöppel und man fühlt sich an ihren langen Monolog am Ende der Inszenierung „Pension Schöller“ erinnert, ihr erster großer Auftritt am Centraltheater.

DAS LEBEN DES JOYLESS PLEASURE © Edi Szekely

DAS LEBEN DES JOYLESS PLEASURE © Edi Szekely

Da es sich um ein Festival handelte, war bereits am frühen Nachmittag die nächste Inszenierung zu sehen: „Das Leben des Joyless Pleasure“, das am Abend zuvor Premiere hatte. Regie führte Alexander Eisenach, der Text stammt von ihm und Rebecca Lang und Linda Pöppel stand auch gleich wieder auf der Bühne. Berichtet wird von einer Schiffreise zu einer Insel der Nutzlosen. Atmosphärisch beeindruckend schon die Eröffnungsszene, in der die Reisenden beim Licht einer einzigen Kerze ohne Worte nach und nach auf die Bühne kommen. Diese Szene wird am Ende wieder aufgenommen, wenn die Schauspieler an die Rampe treten und die Zuschauer als die Bewohner der Insel der Nutzlosen identifizieren. Schließlich sitzt man ja als Publikum auch ziemlich nutzlos herum! Der Großteil der Reise spielt sich aber im Verborgenen ab und wird per Video fürs Publikum übertragen. Vielleicht ein bißchen viel Video, aber trotzdem bietet die Inszenierung viele gelungene Szenen und etliche amüsante und nachdenkenswerte Textpassagen zum „freudlosen Vergnügen“.
Zwei Inszenierungen also, die den Ausflug nach Frankfurt zu einem gelungenen Erlebnis werden lassen. Den Namen Alexander Eisenach sollte man sich merken.