dystopie in futur zwei – thomas köcks paradies fluten in der leipziger diskothek

Donnerstagabend, Diskothek: nach zweimaliger, krankheitsbedingter Verschiebung und ohne den Regisseur, der schon in seiner nächsten Produktion steckt, kann nun endlich das Paradies geflutet werden. Also erstmal Hut ab vor der Premierenenergie trotz aller Widrigkeiten ans Team von paradies fluten (verirrte sinfonie)!

Wir werden gewesen sein. Zwei wachstuchpinkverkleidete, blondgelockte Ladies – bei Köck heißen sie Die von der Prophezeihung Vergessene und Die von der Vorsehung Übersehene klären uns eingangs erstmal auf: Unsere Zukunft ist schon Geschichte, die Erde wird unweigerlich in der vollständigen Zerstörung enden. Und, nein nicht durch den Menschen, so sehr der sich auch müht, sondern weil die Sonne als roter Riese jeden und alles vernichtet. Keine Erinnerungen, keine Spuren, Nichts. Irgendwie klingt das ja fast tröstlich.

Frohgemute Untergangsbotinnen: Claudia Burckhardt und Dorothea Arnold in "Paradies fluten" © Rolf Arnold

Frohgemute Untergangsbotinnen: Claudia Burckhardt und Dorothea Arnold © Rolf Arnold

Am Ende werden die beiden als letzte Menschen eine letzte Zigarette geraucht haben. Und dann erstaunlich frohen Mutes und in die vollendete Zukunft philosophierend die Welt, äh, die Bühne verlassen. Schön werdet ihr gewesen sein.

Das setzt den Rahmen für eindreiviertel Stunden (Über)Flutung auf vielerlei Ebenen. Da wäre zunächst Thomas Köcks (gerade hat er für den dritten Teil seiner Klimatrilogie den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen) kluge, poetische und dennoch geerdete, genau beobachtende Text-Flut, die einen Menschenmaterialfluss kurz vor oder schon nach der Apokalypse beschreibt.

Kein Ufer mehr zu sehen vom Bühnenrand aus.

Einen Fluss, der sich immer wieder auf dem Theater verortet. Einen Fluss aus auftauchenden und untergehenden Generation-Smartphone-Menschen, falschen Erinnerungen, Weltgeschichte(n) und Piratenschiffen, Bootsflüchtlingen und Klimopfern, aus dem sich hier und da konkrete Bilder Geschichten lösen. Um nach einer Szene wieder zu versinken und andernzeits wiederaufzutauchen.

Zum Beispiel die Geschichte vom deutschen Architekten Felix Nachtigal, der im Kautschukboom-Kolonialzeitalter im Amazonas eine Oper bauen will und zum unverstandenen Robin Hood der Ureinwohner wird. Die Geschichte der Gummibarone und frühen Turbokapitalisten, die die Selbstregulierung der Märkte preisen und fragen, warum man kaufen soll, wo man doch ausbeuten kann. Die der teils brutal gefolterten Indios. Aber auch die vom Kfz-Mechaniker-Vater anno 1990, der sich mit der Gattin darüber streitet, ob seine Selbständigkeit nun Gewinn oder Verlust ist und sich darüber in die Demenz verliert. Und nicht zuletzt die der Tochter, die in ihrem gegenfinanzierten Leben als Tänzerin auf der bloß honorarbasierten Stelle dreht.

Dorothea Arnold und Thomas Braungardt in paradies fluteb © Rolf Arnold

Im Gummirad der sich verselbständigenden Familienstreitigkeiten © Rolf Arnold

Florian Steffens irrt als junger deutscher Architekt zunächst beherzt, später ungläubig-trotzig durch den Dschungel. Marie Rathscheck ist eine prima Ja,-Mamaokay-Mama-Tochter, in der man die Verzweiflung ob des vertanzten Lebensplans aber stetig brodeln sieht. Thomas Braungardt bleibt als deutscher Arzt mit Gummipickelhabe ein wenig zu sehr Karikatur, ist dafür dann aber um so eindringlicher als KfZ-Mechaniker-Vater, dem im Pflegeheim die letzten Erinnerungen ebenso entfallen wie die Deutschlandkuchenbrocken.

Claudia Burckhardt lässt ihre Oma hübsch verbissen die Pistole wienern, wo sie laut Text eigentlich die Wogen zu glätten und den Familienfrieden zu retten sucht. Last aber so gar nicht least glänzt hier Andreas Dyszewski – ob mit eiserner Miene als Opa mit drittem Ausgang, als abgebrühter Gummibaron oder als alles anzweifelnder Herr der Zeit am Metronom. Der prüft den Text beim Sprechen auf jede Nuance und verfällt gen Ende sogar in einen leichten RAP.

Die Bühne ist derweil für die optische Reizüberflutung zuständig. Im bonbonbunten Lichtwechsel findet ein wahres Fest der (Über)Ausstattung statt. Das sind stimmige, gute Bilder – etwa die Opernsängerin, die stumm aus dem Glashaus in den Gummidschungel blickt oder die Kulissen und Spieler-Papp-Puppen, die im Aquarium untergehen, aber auch solche, die – wie die Waschmaschine – nirgendwo hinzuführen scheinen. Und das ist dann auch ein Problem des Abends.

Definitiv kein Schonwaschgang. Florian Steffens in "paradies fluten" © Rolf Arnold

Definitiv kein Schonwaschgang. Florian Steffens in „paradies fluten“ © Rolf Arnold

Denn in hin- und hergeschobenen Gewächshäusern, Waschmaschine, Aquarium, Kunstpalmen und Gummireifen manifestiert sich ein Regieansatz, der den Raum für die Spieler enger statt weiter und den Text kleiner macht und die Gedanken-Bilder-Assoziationen im Zuschauerkopf allzu eindeutig aufs allzu Naheliegende kanalisiert. Das ist schade, denn so bleibt bei aller Sinnhaftigkeit, allem Witz und aller Energie von den machetenscharfen Gedanken Köcks zu oft nur die Wehrhaftigkeit eines Plastikbestecks übrig.

Nichtsdestotrotz ein Abend, den es anzusehen und über den nachzudenken lohnt, der Spaß macht und Lust auf mehr Thomas Köck auf dem Theater, so vom Bühnenrand aus.


» paradies fluten (verirrte sinfonie) am Schauspiel Leipzig/Diskothek
Von Thomas Köck. Regie + Bühne Alberto Villarreal. Kostüm Agathe MacQueen. Licht Thomas Kalz, Alberto Villarreal. Mit Marie Rathscheck. Florian Steffens, Andreas Dyszewski, Thomas Braungardt, Dorothea Arnold und Claudia Burckhardt.

Next shows am 10. und 28. Juni 2018