Faust | Seebühne Hiddensee

mit vollem einsatz: zwei teufel für einen insel-faust

Die Insel Hiddensee hat den Status einer Künstlerinsel. Wer sie besucht hat, kann die Spuren der Vergangenheit kaum übersehen. Gerhart Hauptmann, Walter Felsenstein oder Gret Palucca waren hier, um nur mal ein paar Namen zu nennen, die für den Theaterfreund von besonderem Interesse sind. Doch es gibt auch lebendiges Theater auf der Insel – die Seebühne Hiddensee.

Gegründet wurde es vor mehr als 20 Jahren von Karl Huck, der ein ansehnliches Repertoire von Stücken im Angebot hat, in denen er gemeinsam mit einer Vielzahl von Puppen auftritt. Im Verlag Theater der Zeit erscheint eine eigene Publikationsreihe über die Seebühne Hiddensee unter dem Titel „Logbuch“. Im letzten Jahr ist Heft 5 erschienen, in dem die Puppen im Bild vorgestellt werden. Wer sie im Original sehen möchte, kann die Figurensammlung Homunkulus besuchen, nur ein paar Schritte von der Seebühne in Vitte entfernt.

© Seebühne Hiddensee

© Seebühne Hiddensee

Bei meinem Besuch auf Hiddensee vor Ostern wurde in der Figurensammlung auch gespielt und zwar gab es „Faust“, in einer Fassung für Erwachsene und Kinder ab 10 Jahre. In der Inszenierung von Holger Teschke sind Karl Huck und eine Reihe von Puppen zu erleben. Die Bühne führt den Zuschauer zunächst in Fausts Studierzimmer. Mit einfachen, aber effektvollen Mitteln werden andere Spielorte daraus. Zur Darstellung der Hexenküche wird ein kleines Feuer entfacht (und das, obwohl kein Feuerwehrmann anwesend ist, zumindest nicht in Uniform), in anderen Szenen sieht man die Marionetten auf einer kleinen Puppenbühne. Man geht ja davon aus, dass Goethe bereits als Kind durch Puppenspieler mit dem Faust-Stoff in Berührung kam. Auch in die Inszenierung der Seebühne sind einige typische Elemente des Puppenspiels eingebracht. Zunächst sei da der Kasper genannt, dessen Part hier Fausts Schüler Wagner übernimmt, der sich auch Kasper Wagner nennt. Eine andere typische Puppenspielfigur ist der Teufel, der natürlich in Form von Mephistopheles nicht fehlen darf. Der ist hier ein kahlköpfiger, gut gekleideter Mann, dem man den Teufel nicht sofort ansieht.

Doch es gibt noch einen zweiten Teufel, der viel eher dem Bild aus dem Märchenbuch entspricht. Er heißt Fitzliputzli, ist nackt, gehörnt und trägt einen Dreizack. Während Mephisto und Faust die wichtigsten Szenen aus Goethes Faust I spielen, widmen sich Wagner und Fitzliputzli Faust II, allerdings nur einem Aspekt daraus – der Geschichte mit dem Homunkulus. Die beiden schließen einen Teufelspakt, der Wagner die Hilfe Fitzliputzlis bei der Erschaffung eines künstlichen Menschen garantiert. Und tatsächlich, wir sehen schon bald den Homunkulus einer Flasche entsteigen. Der aufmerksame Zuhörer muß schmunzeln, wenn Karl Huck wie nebenbei vor sich hin murmelt, dass man hier sehen könne, was aus Stammzellen im Rahmen von „Jugend forscht“ werden kann. Fitzliputzli zeigt sich als bodenständiger Schauspieler, der nach getaner Arbeit erstmal in die Kantine gehen will.

Auch in der Haupthandlung, dem Liebesdrama Faust-Gretchen, zieht Huck so manchen doppelten Boden ein, wenn er Gespräche von Bühnenarbeitern oder die Aufrufe der Schauspieler für den nächsten Auftritt hörbar macht. Sinngemäß heißt es bei Goethe, man müsse einen Zauberspruch mehrmals sagen, damit er wirkt. Karl Huck entlarvt das als Trick – er diene nämlich nur dazu, die Stücke länger zu machen.

Bei dieser Faust-Inszenierung wurde dieser Trick nicht angewendet. Nur lediglich eine Stunde hat sich der Schauspieler Zeit genommen, um mit seinen Puppen und eigenem Körpereinsatz Goethes Drama in einer Kurzfassung auf die Bühne zu bringen. Wer von der Faust-Geschichte noch nichts weiß, bekommt eine grundlegende Einführung, mit der er wahrscheinlich eine Deutsch-Leistungskontrolle bestehen könnte. Wer den Faust gut kennt und schon oft gesehen hat, hat umso mehr Vergnügen am Entdecken  der vorgenommenen  kleinen Änderungen und der eingestreuten Anspielungen. Hucks Spiel und die wunderbar gestalteten Puppen (nicht nur die auf der Bühne, sondern die Vielzahl der Puppen in der Homunkulus-Figurensammlung) sind ein lohnendes Ziel und eine Bereicherung für jeden Hiddensee-Urlaub.


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