fluss, stromaufwärts | Diskothek, Schauspiel Leipzig

woher wohin warum – gordon kämmerer feiert in der disko eine rumänisch-globale party

Die Übersetzerin des berühmtesten rumänischen Autors ist ein Mann … Ziemlich früh am Abend fällt dieser Satz. Einer, über den man stolpert, der ahnen lässt, dass da noch was lauert hinter den Worten. Einige solcher Widerhaken hat Alexandra Pâzgu da in ihren Text gestreut. An denen kann man durchaus schön hängenbleiben – so richtig weh tut das allerdings meistens nicht. Aber erstmal zurück auf Anfang.

fluss, stromaufwärts © Rolf Arnold

fluss, stromaufwärts © Rolf Arnold

In fluss, stromaufwärts begegnen wir dem in Deutschland lebenden rumänischen Übersetzer Tino-oder-Toni – temporär und ganz passend gehbehindert und somit rollend unterwegs zwischen Ost und West, Heimatsehnsucht und Jetsetleben: Thomas Braungardt. Des weiteren einer schicken Dame, rumänische Großmutter und erste Liebe, blutjung und zugleich sehr alt: Marie Rathscheck. Und als drittem im Bunde einem Lachs. Später ein geräucherter Lachs. (Das aber bleibt, wie so einiges, charmante Behauptung: dieser Lachs hier raucht selbst). Ein Fisch, der qua genetischer Bestimmung lebenslang gegen den Strom unterwegs ist zu einer Heimat, die er nicht mal kennt und doch im Blut hat und der bei Michael Pempelforth ein bisschen ausschaut wie Gregor Samsas Käfer-Ich. Für die sehr phantasievollen, sprechenden Kostüme ist übrigens einmal mehr Josa Marx verantwortlich.

Ziemlich bunt-schräge Typen sind in diesem Theatertext versammelt und erzählen zwischen International Airport und altrumänischen Osterfest-Ritualen von Heimatlosigkeit und Traditionen, Identität und Migration, von Bindungsangst, Sehnsucht und Lebenstrotz. Schade nur, dass der Text dabei zu oft an der (gut gemachten) Fassade bleibt, hinter die man zu gern geblickt hätte und die Geschichte einfach aufhört, wo sie gerade erst dabei war, von den Allgemeinplätzen in die spannenderen Nebenstraßen zu finden.

fluss, stromaufwärts © Rolf Arnold

fluss, stromaufwärts © Rolf Arnold

Dasselbe gilt irgendwie auch für Gordon Kämmerers Uraufführung in der Diskothek des Schauspiels Leipzig. Die beginnt als schwarz-weiße Wasserglaslesung, setzt sich – und das Publikum – dann aber schnell raumgreifend in Bewegung, wird bunter und schwirrender, platziert geschickt skurrile Nebenfiguren und gipfelt am Schluss in einem rauschenden Fest unterm Fischskelett – zwischen Gestern und Heute und mit rumänischem Dosenbier und Linsensuppe. Das alles kommt schön stylisch und launig daher, ist mal witzig, mal poetisch und oft durchsetzt mit einer feinen Melancholie. Aber auch hier ist mehr schillernde Fassade anstelle von Zwischentönen, doppelten Böden und wirklicher Fallhöhe.

Was bleibt? Auf jeden Fall Marie Rathschecks wunderbar-trotzige Ode an das Rauchen und geräucherten Lachs, ein Zigarette rauchender ebensolcher, ein Caprisonne verteilender Wolf, ein linsensuppenaussschenkender Requisiteur – kurz ein turbulentes Bühnentreiben mit viel Lust an Spiel und am Phantastischen. Und echtes Lese-Reise-Interesse an diesem Rumänien. Eigentlich gar nicht mal so wenig.


» Fluss, stromaufwärts
Von Alexandra Pâzgu. Regie und Bühne Gordon Kämmerer. Mitarbeit Bühne Louisa Robin. Kostüme Josa Marx. Video Katharina Merten. Musik Max Thommes.  Dramaturgie Matthias Döpke. Licht Jörn Langkabel. Mit Thomas Braungardt, Michael Pempelforth und Marie Rathscheck.

Next shows: 5. und 19. Dezember 2019