bericht aus baalin: geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt

Es war zu erwarten, dass der Ansturm auf die Karten enorm sein würde. Da kann man von Glück reden, wenn man einen Theaterenthusiasten wie Werner Mattke kennt. Der fährt dann mitten in der Nacht nach Berlin, ist zwei Uhr morgens der erste an der Kasse und bekommt natürlich acht Stunden später auch Karten. Hier nun ein Bericht von der Derniere des Castorfschen Baal.

Am vergangenen Wochenende ist das diesjährige Berliner Theatertreffen zu Ende gegangen, das neben den zehn eingeladenen Inszenierungen auch mit einem umfangreichen Begleitprogramm aufwartete. Unter anderem wurde Volker Schlöndorffs Film „Baal“ aus dem Jahr 1969 mit Rainer Werner Fassbinder in der Titelrolle gezeigt. Als der Film damals im „Westfernsehen“ lief, hat ihn nicht nur der junge Frank Castorf, sondern auch Helene Weigel gesehen. Sie soll gesagt haben, es würde nicht reichen, sich eine Lederjacke anzuziehen und eine Kippe in den Mund zu stecken, um Brecht zu sein. Die Folge ihres negativen Urteils war ein jahrzehntelanges Aufführungsverbot für den Film, das erst 2014 endete.

Gründe für die Aufnahme des Films ins Programm des Theatertreffens gab es verschiedene: Fassbinder wäre in diesem Jahr 70 geworden, er war 1972 selbst mit einer Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen und auch in diesem Jahr war ein Stück nach einem Fassbinder-Film dabei („Warum läuft Herr R. Amok“ von den den Münchner Kammerspielen). Im Martin-Gropius-Bau wird derzeit die Ausstellung „Fassbinder – Jetzt“ gezeigt und schließlich haben die Brecht-Erben kürzlich wiederum einen „Baal“ verbieten lassen – die Inszenierung von Frank Castorf am Münchner Residenztheater.

Aus Sicht der Brecht-Erben ist dieses Verbot sicher besser zu begründen als das des Schlöndorffschen Films, hat doch Frank Castorf in der für ihn typischen Art die Inszenierung mit diversen Fremdtexten angereichert und sie zeitlich in einen neuen Zusammenhang gestellt: Baal wird hier mit dem Film „Apocalypse Now“ gemixt. Offensichtlich war die Theatertreffen-Jury davon so beeindruckt, daß sie die Inszenierung schon wenige Tage nach der Premiere nach Berlin einlud. Im Ergebnis der juristischen Auseinandersetzungen aber durfte der Münchner Baal nur noch zweimal gezeigt werden – deshalb: letzte Vorstellung beim Theatertreffen.

Beim Betreten des Zuschauerraums ist man schon zum ersten Mal überwältigt vom Bühnenbild (Bühne: Aleksandar Denic). Auf der Drehbühne, die später häufig zum Einsatz kommt, sieht man unter wabernden Nebelschwaden einen Hubschrauber, ein Armeezelt, eine Pagode, eine Seilbrücke, die über ein Wasserbassin führt, eine Leuchtreklame, die auf den ersten Blick an eine Fast-Food-Kette aus Kentucky erinnert, beim zweiten Hinschauen aber Ho Chi Minh zeigt, sowie zwei Leinwände, auf die wie so oft bei Castorf im Laufe des Abends Videos projiziert werden.

Militärisches und Asiatisches dominieren die Bühne und damit wird klar, wo uns Baal begegnet: Als Soldat in Südostasien. Wobei es gar nicht ganz klar ist, dass es der Krieg der USA gegen Vietnam ist, um den es geht, denn auch der Indochinakrieg Frankreichs oder der Koreakrieg werden erwähnt.

Überhaupt spielt Frankreich eine wichtige Rolle: Da werden mal Luftbilder von Paris gezeigt, da gibt es eine französische Version von „Hey Joe“ und es wird die Szene aus der Redux-Version von „Apocalypse Now“ gezeigt und nachgespielt, in der Captain Willard im Dschungel auf französische Plantagenbesitzer trifft. Überhaupt „Apocalypse Now“ – die Inszenierung zitiert den Film vor allem vor der Pause ausgiebig, da wird die Surf-Szene gezeigt, da fällt der Satz vom Geruch des Napalms am Morgen und wenn es auch keine Hubschrauiberangriffe zu Wagner-Klängen gibt, so immerhin gesungene Opernarien aus „Madame Butterfly“ (Gesang: Hong Mei).

Jedoch wird der Film nicht einfach nachgespielt. Aurel Manthei ist eben Baal und nicht Captain Willard oder Captain Kurtz. Es geht nicht um die Suche nach einem durchgedrehten Offizier in den Tiefen des Dschungels, sondern um die Suche Baals nach dem Vergnügen, bei der er keine moralischen Grenzen kennt. Was Baal denn mit dem Vietnamkrieg zu tun hätte, könnte man fragen. Brecht hat die erste Version seines „Baal“ 1918 unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges geschrieben. Den Gedanken durchzuspielen, wie sich ein Baal verhält, der nicht nur der sich gegen die Gesellschaft stellende Genußmensch, sondern der auch Kriegsteilnehmer ist, scheint mir durchaus legitim.

Worin bestünde denn die Daseinsberechtigung der Kunst, wenn nicht darin, den Menschen zum Denken zu zwingen, ihn zu fordern, ja zu überfordern.

Irgendwann heißt es auf der Bühne „Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.“ Nach dieser Definition ist Frank Castorf ein sehr guter Erzähler. In seinen Geschichten spielt das Verständnis der Handlung nur eine Nebenrolle, es geht bei ihm vor allem um die Assoziationen, die er selbst hat und die der Zuschauer hat und die durchaus nicht übereinstimmen müssen. Worin bestünde denn die Daseinsberechtigung der Kunst, wenn nicht darin, den Menschen zum Denken zu zwingen, ihn zu fordern, ja zu überfordern.

Man kann durchaus kritisieren, die Bilder der napalmverbrannten vietnamesischen Kinder hätten nichts mit dem Brechtschen Baal zu tun – und doch sind es diese Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Und mancher findet es vielleicht nicht besonders ästhetisch, wenn in einer Filmsequenz Andrea Wenzl, die eigentlich Baals Geliebte Sophie spielt, zur Mutter Baals wird und ihn gebiert – ein blutiger Klumpen ist er da, der Baal. Natürlich geht die Überforderung damit einher, dass man müde wird in diesen Stunden, dass man nicht alles aufnehmen und verarbeiten kann, dass man noch mehrfach wiederkommen müsste, um immer wieder neue Facetten zu entdecken (dank der Brecht-Erben bleibt einem diese Mühsal erspart).

Dass es die letzte Vorstellung ist, wird immer mal wieder thematisiert. Gleich zu Beginn fragt Ekart Baal, wie lange denn die Vorstellung heute dauern werde. Keine Ahnung, entgegnet der, es ist auf jeden Fall die allerletzte. Später wird eine großer Karton mit Zetteln auf den Tisch gewuchtet. Das seien die 500 Seiten Fremdtexte, die im Stück vorkommen und damit die Ursache, daß die Inszenierung verboten wurde.

In einem Interview hat Frank Castorf geäußert, dass Verbote das Schönste seien, was man sich als Künstler vorstellen könne und dass es das Einzige sei, was er an der DDR vermisse. In diesem Interview ging es auch um Schlöndorffs Film, für den das Verbot nach 44 Jahren aufgehoben wurde. Ein Schicksal, dass einer Theaterinszenierung leider nicht widerfahren wird. Umso dankbarer kann man sein, diese denkwürdige Inszenierung erlebt zu haben.