hartmanns schulden, lübbes ärger? es geht weiter

7. Dezember / Update: Dem Kreuzer liegen Unterlagen aus der Sitzung des Betriebsausschuss Kulturstätten vor, die ein wesentlich geringeres Minus zum Ende der Intendanz Hartmann, nämlich 156.000 €, ausweisen. (Auch das wird von Volker Ballweg und Sebastian Hartmann bestritten). Das Stadtmagazin zieht daraus den Schluss, dass Enrico Lübbe wohl mit einem deutlichen Überschuss des Centraltheaters kalkuliert hat, der aber laut Hartmann und Ballweg nie vereinbart war. Ballweg bezieht sich dabei auf einen Brief des Oberbürgermeisters, der diese Sicht stützt. Warum die Stadt aber nun die ganz offensichtlich falsche Zahl von 400.000 € wiederholt bestätigt, bleibt eine der vielen offenen Fragen. Es scheint, man hat im Rathaus noch unzerschlagenes Porzellan gefunden …
Das bisschen Haushalt … / Tobias Prüwer auf kreuzer-online.de


6. Dezember / Update:  Gestern meldete nachtkritik.de:  die Prüfung der Schauspielfinanzen durch die Stadt Leipzig habe ergeben, dass das Defizit von 400.000 Euro tatsächlich bestehe und  „doch bereits unter der Intendanz von Sebastian Hartmann entstanden“ sei. Weiter heißt es „Die alte Leitung habe eine ‚abweichende Sicht, vor allem zum künstlerischen Budget'“ … Dem widerspricht auf Nachfrage des Kreuzers die Ausschussmitglied Reik Hesselbarth mit einer eigenen Erklärung:

Nach dem uns gestern … vorgelegten Bericht der bbvl, (…) ist diese Zahl falsch. Die Richtigkeit der heute durch die Stadtverwaltung verbreiteten Nachrichten, das Defizit von 400.000 Euro habe sich bestätigt, ist auch deswegen mehr als zweifelhaft. Niemand in der gestrigen Runde konnte diesen Betrag glaubhaft belegen. Darüber hinaus ist die Prüfung bislang nicht abgeschlossen.

Defizit am Schauspiel bestätigt – Prüfung der Stadt attestiert Minus von 400.000 Euro / Kulturausschuss widerspricht – Zur aktuellen Situation auf kreuzer-online.de

Derweil gibt es eine sehr kluge Einschätzung der Leipziger Kulturpolitik und (fehlenden) Politikkultur von Matthias Weigel auf nachtkritik.de zu lesen. Herr Weigel empfiehlt, um Leipzig: Einen großen Bogen machen


Update 2 Sebastian Hartmann meldet sich zu Wort: Der ehemalige Intendant findet die Art und Weise der Anschuldigungen verständlicherweise inakzeptabel und bedrohlich, zumal er von den Vorwürfen ausschließlich über die Presse erfahren habe und bislang weder von Enrico Lübbe noch der Stadt Leipzig kontaktiert worden sei. Er spricht von einem Treffen der ehemaligen Führungsspitze, welches im Ergebnis die von Lübbe vorgelegten Zahlen nicht nachvollziehen könne. Das Wirtschaftsjahr, welches 2013 erstmalig dem Kalenderjahr angepasst wird, sei „auf Null gerechnet“. Das sei auch im Wirtschaftsplan ersichtlich. Auf Anfrage der Linken hätte man Ende März 2013 tatsächlich ein Plus zum Spielzeitende von 200.000 € für möglich gehalten, aber nie versprochen, selbiges dem neuen Intendanten zu hinterlassen, sondern – im Gegenteil – bis zum Schluss künstlerisch zu arbeiten. Es seine dennoch ca. 100.000 Euro für die neue Intendanz übrig geblieben.

Befremdlich, dass zunächst ein Defizit von 400.000 Euro beschrieben wurde, welches recht bald zumindest zum Teil zu einer nicht so eingetretenen Überschusserwartung schmolz und dass offensichtlich erst nach Veröffentlichung damit begonnen wurde, belastbare Zahlen zusammenzurechnen. Befremdlich auch, dass Volker Ballweg nicht dafür sorgen durfte, dass der Intendantenwechsel aus Wirtschafts- und Verwaltungssicht reibungslos über die Bühne ging, sondern bereits im Sommer beurlaubt wurde. Ein neuer Verwaltungsdirektor steht bereits fest, wird seine Arbeit aber dem Verlauten nach erst zu Beginn des neuen Jahres aufnehmen.

Der mdr figaro Beitrag zum Nachören (12. November 2013)
Sebastian Hartmann auf Uniradio Mephisto (13. November 2013)
Das Interview auf kreuzer-online.de (14. November 2013)
Eine profunde Einschätzung in der Süddeutschen Zeitung (14. November 2013)


Update 1: Fast dieselben Fragen wie wir uns, stellte sich auch mdr-figaro Theaterredakteur Stefan Petraschewsky, vertiefte sich in die Details von Etat und Rechnungsführung vertieft und stellte bedauernd fest:

Es ist was faul im Staate Dänemark. Und es ist dumm gelaufen. (…) Man könnte über Theater reden. Über Gastspiele, Tanz – über die Inhalte von Theater eben. Stattdessen ist das Theater selbst mal wieder Thema. Und Vorurteile, Neid-Debatten sind wieder da.

Hier könnt ihr seine vorläufige Einschätzung nachlesen (10. November 2013)


Gerüchte über einem verärgerten und zu Einsparungen gezwungenen Neu-Intendanten gab es schon eine Weile, gestern informierte dann das Schauspiel Leipzig Stadt in einer nichtöffentlichen Sitzung über ein – vom Vorgänger Sebastian Hartmann zu verantwortendes – Defizit von 400.000 Euro. Auf an die Presse durchgesickerte Informationen reagierte das Schauspiel mit einer entsprechenden Presseerklärung. Die Budgetüberziehung sei vor allem dem Abschiedsfest auf Schloss Beesenstedt und Bau und des Betrieb der Festspielarena geschuldet.

Sebastian Hartmann. Foto: Centraltheater

Sebastian Hartmann. Foto: Centraltheater

Was die BILD-Zeitung dazu veranlasste in gewohnter Skandal-Manier zu titeln Zum Abschied – Theater-Chef feiert Protz-Party für 100.000 Euro. Steuergelder, versteht sich. Die LVZ zog nach und fing entsetzte Stimmen der Linken und der CDU ein, die zwar zugaben, noch nicht en Detail informiert zu sein und auch sonst mit nicht allzuviel Kenntnis glänzten: Die Party (Beesenstedt) müsste ja irgendwo angekündigt worden sein. Mir war sie zumindest nicht bekannt, auch der Oberbürgermeister war nicht eingeladen; wohl aber schon mal vorsorglich Vorladung! und Regress! riefen.

Noch am Nachmittag widersprach Ex-Verwaltungsdirektor Volker Ballweg gegenüber LVZ-Online den Darstellungen des Schauspiels. Die Behauptungen entbehrten jeder sachlichen Grundlage, jegliche Produktionskosten seien zu 100 Prozent vom vorgegebenen Budget gedeckt gewesen.

Pressesprecher Matthias Schiffners rechnete ebenfalls heute nachmittag mdr figaro vor: Hartmann hätte noch im Frühjahr (für das Wirtschaftsjahr 2013?) ein deutliches, sechsstelliges Plus in Aussicht gestellt. Die Differenz dieser Summe und dessen, was tatsächlich in der Kasse fehlt (?), ergäbe jene 400.000. In der Bosestraße würde gerechnet und geprüft, genaue Zahlen sollen in der nächsten Woche vorliegen.

Da das Wirtschaftsjahr nach dem Kalenderjahr und nach nicht der Spielzeit geht und das Gesamtbudget des Schauspiels 14,4 Mio beträgt – hätte Sebi Hartmann dann für seine sieben Monate 2013 8,4 Mio ausgeben dürfen und hat 8,8 Mio verbraucht? Außerdem ist der Intendant doch sicher nicht verpflichtet, sich mit einem dicken Plus zu verabschieden? Und sollte beim Chef-Wechsel im August nicht auch eine Übergabe der Kassenbücher erfolgt sein, bei der offene Fragen geklärt hätten werden können?

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Weisse Nacht auf Schloss Beesenstedt. Foto: Rolf Arnold / CT

Ihr seht, wir sind keine Fachleute, was Bilanzen, Wirtschaftspläne und Jahresabschlüsse angeht. Was wir allerdings wissen (und gegen diese Darstellung hat sich auch Schiffner verwehrt) ist, dass die Weiße Nacht auf Beesenstedt keine Privatparty oder eine illustre Feier für Hartmann-Freunde und ausgewählte Zuschauer war. Es war ein rauschendes Fest, ja, aber ein offizielles Theaterfest mit Kartenverkauf, Zuschauern und Shuttlebussen, auf dem im ganzen Schloss eine Nacht lang Szenen aus verschiedenen Centraltheater-Inszenierungen gezeigt wurden. Ursprünglich war die Veranstaltung für die Arena geplant, dort sollten alle Inszenierungen russischer Autoren der Festspielzeit hintereinander präsentiert werden. Zum großen Glück für alle Beteiligten hat man sich dann für die wesentlich stimmungsvollere Variante entschieden ;)