Back to the Future | Theatrium Leipzig

#hausbesuch: das theatrium geht auf zeitreise und rettet die zukunft

Seit fast 25 Jahren versammelt das Theatrium Theaterspielbegeisterte aus der ganzen Stadt in den unterschiedlichsten Kinder-, Jugend- und Mehrgenerationenprojekten und schafft dabei neben der wichtigen sozialen Arbeit immer wieder künstlerisch beeindruckende Bühnenabende. Höchste Zeit also für einen #Hausbesuch in Leipzig-Grünau. Ich durfte vorab in die neue Produktion "Back to the future" hineinschauen - Premiere ist am 6. März - und bin auf viel Spielleidenschaft, eine Menge Herzenswärme aber auch auf große Professionalität getroffen.

Das Theatrium in Leipzig-Grünau.
Das Theatrium in Leipzig-Grünau.

Montag, 17 Uhr, Grünau, ein nassgrauer Abend Ende November. Gleich hinter der S-Bahn, zwischen zwei ostcharmanten Plattenbauten das einladend hellerleuchtete Theatrium-Foyer, in dem es schon kräftig herumwuselt. Spielleiter Falko Köpp, seines Zeichens Leipziger Regisseur und Schauspieler, muss in den verwinkelten Gängen zwischen Garderoben, Kulissen, Masken und Kostümen erstmal gesucht werden. Im Büro im ersten Stock werden wir dann fündig: eben noch schnell die gerade fertig geschriebene Szene ausdrucken und die Probe kurz mit seiner Co-Regie  Joachim Kern durchsprechen.

Das Theatrium wird vom gemeinnützigen Verein großstadtKINDER e.V. getragen. Neben der Theaterleiterin Almut Haunstein sind hier acht feste Mitarbeiter und regelmäßig drei bis vier Honorarkräfte als Projektleiter am Wirken. Hinzu kommen rund zehn bis fünfzehn Ehrenamtliche als Projektassistenten und zur Unterstützung – zum Beispiel für das jährliche Probenlager und in den Endprobenphasen. Es gibt technische Mitarbeiter, Theaterpädagogen und PR-Verantwortliche, vieles machen die Jugendlichen aber auch selbst – zum Beispiel in den Kostüm-, Masken- und Medienwerkstätten.

Wer spielt hier was? Jedes Jahr zum Spielzeitauftakt stellen die Theatrium-Crew und die Projektleiter ihre neuen Projekte vor, in die sich die Kinder und Jugendlichen (und natürlich auch die Erwachsenen) einschreiben können. Die einzelnen Produktionen haben über ein Schuljahr hinweg  wöchentlich eine Probe, in den Winterferien findet ein gemeinsames Probenlager aller Produktionen statt und von März bis zum Sommer werden dann nach und nach Premieren gefeiert. Inhaltlich und formal ist hier alles dabei: klassische Stücke, moderne Autoren, Kindertheater, Weihnachtsmärchen und Musical-Inszenierungen. Die meisten der Abende entwickeln die Teilnehmer dabei komplett selbst.

„Back to the Future“ ist so eine Stückentwicklung. Die Geschichte der beiden Zeitreisenden Bezo und Xamu, die in der Vergangenheit versuchen, die Weichen für die Zukunft der Menschheit ein wenig anders – und hoffentlich besser – zu stellen, ist eine Entwicklung von allen Beteiligten. Gerade ist man dabei, die verschiedenen Stationen und das, was dort passieren soll, gemeinsam zu erdenken und auszuprobieren. Dabei springt das Ensemble fröhlich hin und her zwischen Französischer Revolution und Mittelalter, Mayakultur und Mauerfall. Entscheidungen werden nach dem Mehrheitsprinzip getroffen, die Szenen entstehen zwar unter fachmännischer Anleitung aber zum Hauptteil eben aus Ideen und den Improvisationen der Spieler auf den Proben.

Wer macht mit? Die meisten der Spieler sind Kinder und Jugendliche, in den gemischten Projekten finden sich aber auch einige Erwachsene ganz unterschiedlicher Altersgruppen. Die Teilnehmer kommen dabei aus ganz Leipzig und sogar aus dem Umland, viele nehmen lange Anfahrtswege in Kauf. Und das über Jahre, geschätzt 80% der Kids sind Wiederholungstäter, erzählt Chefin Almut Haunstein. Viele würden quasi im Theatrium groß. Eine große Bestätigung des eigenen Tuns sei das, freut sich die Theaterleiterin, „denn wenn jemand acht bis zehn Jahre bei uns bleibt, kann es so schlecht nicht sein ;-)!“. Und die Grünauer? Das sei ein Phänomen, an dem gezielt gearbeitet würde, so Haunstein: „Die Kinder und Jugendliche aus Grünau ‚trauen‘ sich oft nicht zu uns, fürchten, dass ’sie das nicht können‘ oder haben schlicht kein Interesse an ‚klassischem‘ Sprechtheater.“ Ab April soll deswegen „bricks of(f) blocks“, ein musikalisches Kurzprojekt die Grünauer Kids mit Hip Hop und Rap ins Theatrium locken.

Eine sehr schöne Szene, um das Verlieben zu spielen, ist die französische Revolution.

Back to the Future
Back to the Future

Auch in Falko Köpps Truppe haben sich zu den Jugendlichen drei Erwachsene gesellt, auch hier sind die meisten nicht das erste Mal dabei und kommen aus allen Leipziger Ecken. Deshalb dauert es bis ein paar Minuten nach Ankunft der letzten S-Bahn, bis alle im Probenraum versammelt sind. Vier Jungs und sechs Mädels sind das heute: gleich soll die Maya-Szene probiert werden. Die Tinte auf den Textausdrucken ist nach der letzten Überarbeitung quasi noch warm. Doch zunächst holt Falko seine Leute mit ein Paar Übungen körperlich und mental aus ihren verschiedenen Alltagen rein ins Spiel und in die Gruppe. Das funktioniert über das Sich-selbst-Erspüren – Stellt euch vor, ihr seid Samen, aus denen Blumen werden – über das Erfahren des Raumes in der Bewegung und der Achtsamkeit gegenüber den Mitspielern bis zu kurzen Übungen, in denen es um Sprache, Rhythmik, Spontanität und Aufmerksamkeit geht.

Okay, das habe ich jetzt schlecht vorgespielt,
das kannst du besser!

In der Szenenarbeit selbst steckt der Teufel dann im Detail. Wer kommt von wo? Welche Haltung hat meine Figur noch mal? Und warum? Wäre es nicht besser, wenn …? Ich habe mir überlegt, dass …. Geduldig und ganz praktisch erklärt Falko dabei Spielprinzipien und Figuren – „Den König spielen immer die anderen“ – lobt, motiviert, rückt die Königin der Maya ein wenig nach links, korrigiert die unterwürfige Haltung der Untertanen, macht Vorschläge und greift dabei immer die Ideen der Spieler auf. Eine gute Stimmung herrscht im Team: locker, zugewandt, ernsthaft, aber mit der nötigen Portion Humor und Spaß ist man bei der Sache und hat den neugierigen Probengast schnell vergessen. Parallel zur Maya-Szene hat ein zweiter Truppenteil mit Joachim Kern eine Szene zu den mittelalterlichen Hexenverbrennungen weiterentwickelt. Ob man denn einen echten Scheiterhaufen haben könne, fragt halbernst einer der Jungs und wird abschlägig beschieden: Wohl eher nicht, meint Joachim und kalauert. „aber ihr seid doch selber ein sehr gescheiter Haufen!“

In der Pause tauscht man sich im Foyer bei Butterbroten aus. Draussen ist es mittlerweile dunkel geworden und das Theatrium liegt selbst wie ein kleines, helles Zeitreise-Raumschiff zwischen den grauen Wohnblöcken. Stadträumlich ist das hier nicht wirklich das Zentrum, gefühlt scheint das Theater aber auch zu oft an der Aufmerksamkeits-Peripherie zu liegen. Finden denn über die Familien und Freunde der Teilnehmer hinaus auch andere Zuschauer den Weg zu den Aufführungen? „Das ist tatsächlich schwer“, sagt Almut Haunstein, „Wir versuchen derzeit unser „Corporate Design“ optisch ansprechender zu machen und den Wiedererkennungswert zu erhöhen.“ Noch sei da nicht die gewünschte Wirkung  erzielt worden und auch in Sachen soziale Netzwerke wäre noch nicht das gesamte Potential ausgeschöpft. Dabei schätzt es das Team aber sehr, dass mit den Spielern ganz automatisch auch die Zuschauer aus dem ganzen Stadtgebiet nach Grünau kommen und „erleben, dass das nicht nur graue Platte zu bieten hat.“

Zeitsprung. Wenn auch nicht über Jahrhunderte, wie in der Inszenierung, so aber doch über ein paar Monate in die letzten Februartage 2020. Nasskalt und grau ist es immer noch, aber nun liegt ein halbes Jahr regelmäßiger Proben, ein einwöchiges Probenlager und ganz aktuell ein Wochenende hinter der Truppe, bei dem auch die Theaterchefin prüfend auf den Probenstand geguckt hat. Nicht mehr ganz zwei Wochen sind es bis zur Premiere: Die Proben sind jetzt Bühnenproben und die Jetzt-gilt-es-Anspannung ist nicht nur den beiden Spielleitern Falko und Joachim, sondern auch den Zeitreisenden Menelik, Wanda, Juni, Gaby, Caspar, Fine, Nina, Arthur, Steph und Alexander durchaus anzumerken. Spielspannung! ist die häufigste Forderung, Konzentration! Timing!

Statt zwischen Maya und Hexen finde ich mich diesmal im antiken Griechenland wieder, wo Platon, Sokrates, Euripides & Co. die Einführung der Demokratie beraten, wozu die beiden Zeitreisenden natürlich auch einen Verbesserungsvorschlag haben. Zusätzlich ist heute noch Katja Fischer bei der Probe. Das sei das Patenschafts-Prinzip am Haus, erklärt die Theaterpädagogin, die auch selbst Projekte leitet und auf der Bühne steht, dass immer noch jemand „von außen“ auf die Produktion guckt und „seinen Senf dazu gibt“. Und, bitte …! Wieder und wieder werden Auftritte und Abgänge probiert, Positionen gecheckt, Haltungen und Gestik probiert. Es wird am Timing gefeilt, denn, lobt und fordert Falko gleichzeitig: „Das Stück funktioniert! Es ist leicht und witzig – aber es kommt aufs Tempo an. Ihr müsst schnell sein, die Anschlüsse müssen stimmen.“

Stimmt der Anschluss in der Stadt?, wollen wir noch wissen, und: Wie ist das Haus da personell und finanziell aufgestellt? Personell gut, sagt Almut Haunstein, einen größeren Spielraum – etwa für neue Projekte oder weitere Kooperationen mit Schulen gäbe es aber nicht. Das Theatrium wird nicht nur vom Kulturamt, sondern zu großen Teilen über das Amt für Jugend, Familie und Bildung finanziert. Einerseits hätte man da schon eine gewisse Planungssicherheit, dennoch müssten die Förderungen wie überall jedes Jahr bzw. alle zwei Jahre neu beantragt werden. Dass das auch mal bedrohlich werden kann, zeigte sich Ende 2018, als das Jugendamt die Prioritäten neu justierte und die vorgesehene Mittelkürzung das Aus für den Theaterbetrieb hätte bedeuten können. Schlussendlich ist es damals, nicht zuletzt dank vieler engagierter und kreativer Kinder und Jugendlicher, gelungen, den Stadtrat sogar von einer Erhöhung der Fördermittel zu überzeugen. Allein, „all das kostet Nerven und Zeit“, meint Almut Haunstein, die sie lieber „in die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen stecken“ würde und wünscht sich eine verlässlichere, langfristige Förderung. Denn die Eintrittspreise sollen auch weiterhin niedrig gehalten und Teilnahmegebühren verlange man ebenfalls absichtlich nicht. Und das soll auch so bleiben. Die bürokratischen Hürden würden aber allemal davon aufgewogen, dass sie „mit einem tollen Team arbeiten darf, immer wieder Neues lerne und regelmäßig magische Theatermomente erlebe.“ sagt die Chefin.

Zur perfekten Theatermagie des Back-to-the-Future-Zeitreise-Abends fehlt es – das sehen die Jugendlichen mit Nachdruck so – noch an einer  gemeinsamen Choreographie für das große Finale. Und auch, wenn das dem Regisseur nicht so richtig ins Konzept passt: der Abend gehört seinen Spielern und wenn die tanzen wollen, werden zu Probenschluss eben die Tanzschritte geübt. Und auch die haben sich die Kids selbst ausgedacht und das Einüben ist geprägt von großer Kollegialität, Rücksichtnahme und gegenseitiger Unterstützung. Und von Spiel- und Bewegungsfreude pur.

Dass bei allem Spaß an der Sache und den unvermeidlichen Verpflichtungen des (Schul)Alltags das Textlernen nicht zu kurz kommen möge, gibt Spielleiter Falko seinen Jungs und Mädels noch mit auf den Weg in den Montagabend. Denn in der Endprobenwoche müsse der sitzen, schließlich ist dann mit diversen Durchläufen, Choreografie-Training, der technischer Einrichtung und und und noch mehr als genug zu tun. Ich schicke ein dickes Toitoitoi hinterher und natürlich großen Dank fürs Reinschauen dürfen – Wir sehen uns zur Premiere!


» Back to the Future
Spielleitung: Falko Köpp und Joachim Kern. Mit: Menelik Anton, Wanda Blunck, Juni Grzesiak, Gabriela Hamm, Mareili Jahr, Caspar Langer, Brigitte Pittner, Josefine Schmidt, Nina Schmidt, Arthur Schulz, Stephania Tag und Alexander Uta

Premiere am 6. März, weitere Vorstellungen am 7. und 13. März 2020 jeweils 20 Uhr, Theatrium

Tickets zu 8 (ermäßigt 5 €) unter 0341 /9413640 oder per Mail an tickets@theatrium-leipzig.de.

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