heimat im hotel-karussell – sascha hawemann eröffnet die spielzeit am schauspiel hannover

Schon beim Lesen kommen wir ins Schwärmen: Herzzerreißend und bildreich erzählt Joseph Roth vom Kriegsheimkehrer Gabriel Dan, der im zwielichtig-strahlenden Hotel Savoy irgendwo zwischen Ost und West strandet – Ruhelos-rastlos auf der Suche nach einem Platz zum Hingehören. Und dabei immer dieses Geld, und immer diese Liebe, und irgendwo draußen auch noch die Welt. Wer könnte derlei Geschichten besser auf der Bühne erzählen als Zwischen-den-Welten-Regisseur Sascha Hawemann? Wir waren bei der Premiere in Hannover und sind verzaubert.

Ein Ort, eine Welt, das Hotel "Savoy" © Karl-Bernd Karwasz

Ein Ort, eine Welt, das Hotel „Savoy“ © Karl-Bernd Karwasz

Alexander Wolf hat ein verschachteltes, mit Türen und Gängen und Koffern und Tapeten und Spiegeln und Lampen und Vorhängen gespicktes Häuslein gebaut, irgendwas zwischen Karussell, Zirkus, Auffangstation und Labor, zwischen eng und weit, beklemmend und befreiend, seine sieben Etagen durch die ständig ratternd-knarzende Drehbühnenautomatik präsentierend.

Diese Hotelwelt in Bewegung hält Henning Hartmann als Ignatz, der immer-und-überall-Portier im lila Seidenanzug. Unterstützt von der Pauken-und-Trompeten-Balkan-Blaskapelle um Musiker Xell, schiebt er sein Hotel-Karussell erst mühsam, später beschwingter an und nach und nach hüpfen springen schieben sich dessen Bewohner aus ihren Verstecken und gehen ihren täglichen Beschäftigungen nach.

Eine kleine große Welt ist das mit festen Regeln: Ganz oben hausen die Armen, die (Zirkus)künstler, die allabendlich Varieté-Vorstellungen geben für die Gutbetuchten, die in den unteren Stockwerken wohnen und unterhalten sein wollen. In diese Hotel-Halbwelt kommt Gabriel Dan (Günther Harder): zwei Jahre Ostfront, drei Jahre Kriegsgefangenschaft, nun auf Durchreise in den Westen und vorher Stopp bei den Verwandten in dieser Stadt, schließlich braucht jeder Reisende dann doch auch irgendwann mal Geld. Ignatz weist ihn beflissen in die Gepflogenheiten des Savoy ein und Gabriel beweist sich als aufmerksamer Beobachter: Ganz oben gehen die Uhren vor, unten ist es immer ein wenig früher – der geheimnisvolle Hotelbesitzer Kaleguropulus (dessen griechischen Namen man übrigens ganz hervorragend deklinieren kann) hat das extra so eingerichtet: Er lässt die Uhren absichtlich nachgehen, weil die Reichen Zeit haben.

Wohin führt diese Treppe? – Ins siebte Stockwerk aber dort haben Sie nichts zu suchen!

Natürlich freundet sich Gabriel – Ignatz‘ Anweisungen ignorierend – schnell mit den Gestalten im siebten Stock an. Am meisten mit der zarten und beständig tänzelnden Stasia, bezaubernd zerbrechlich, aber trotzdem selbstbewusst und klar gespielt von Klara Deutschmann. Dann sind da das Clownspaar Santschin (melancholisch-lebensfroh: Carolin Haupt und Rainer Frank) und der schräge Visionär und Teeverkäufer Hirsch Fisch (Sebastian Weiss). Die Reicheren trifft man im Variété: den Fabrikanten Neuner zum Beispiel, dessen Arbeiter gerade streiken, oder Gabriels Onkel Phöbus Böhlaug (beide: Wolf List), der ihm statt des erhofften Geldes nur einen alten blauen Anzug andreht. Und dann ist da noch Alexander Böhlaug (herrlich verzogener Möchtegern-Mann-von-Welt: nochmal Sebastian Weiss), Gabriels Vetter, der auch ziemlich auf die kleine Stasia abfährt …

Eigentlich wähnen sich hier alle auf dem Sprung in ein besseres Leben, bleiben aber doch im Hotel hängen. In dieser kleinen, behüteten Welt, in der man weiß, wo man hingehört und in der Heimat einfach eine Zimmernummer ist, ohne Familienerbstücke oder Fotoalben.

Dieses Hotel Savoy, wo die einen leben und die anderen sterben.

Auch Gabriel bleibt hängen, im Hotel und an Stasia. Er sieht den Clown Santschin sterben, stapft durch die schlammige Stadt, sucht Arbeit und weiß nicht, ob er es eigentlich liebt oder hasst, das Savoy, fragt sich, wo Heimat ist und was das so war die letzten Jahre und was jetzt eigentlich kommen soll. Einer, der kommt, ist Zwonimir Pansin (mitreißend kraftvoll-rotzig: Maximilian Grünewald), Gabriels Kriegskamerad und dann kommt noch einer, auf den sie hier alle warten wie auf den Messias: Henry Bloomfield heißt der Mann (Rainer Frenk), ein Millionär aus Amerika und nun auf Heimatbesuch.

Wir sind Heimkehrer, wir halten uns eigentlich nur zum Spaß hier auf.

Dass die Geschichte recht vielschichtig ist, dürfte sich erschlossen haben, und wer die Romanvorlage nicht kennt, mag möglicherweise etwas verwirrt sein. Tatsächlich weist die Inszenierung auch immer mal wieder ein paar dramaturgische-oder-so Längen auf, was uns freilich überhaupt nicht stört, denn selbst wenn der rote Faden mal ausfranst, ist da immer noch dieses großartige Ensemble, die bezaubernde Musik und des Regisseurs beständig sprühende Ideenschatzkiste. Überhaupt scheint der Draht des Regisseurs zum Ensemble mal wieder ein sehr guter zu sein – alle Figuren sind höchst liebevoll mit ihren jeweils ganz eigenen Schrullen und Besonderheiten ausgestattet, werden darüber aber niemals lächerlich oder unglaubwürdig, sondern strudeln sich auf sehr verfolgungswerte Weise durch ihre kleinen Leben.

© Karl-Bernd Karwasz

Günther Harder als Gabriel, Rainer Frank als Santschin © Karl-Bernd Karwasz

Günther Harders Gabriel hat eine bestechende wütender-Kobold-und-investigativer-Musterschüler-Gestik, Maximilian Grünewald cheerleadert als Zwonimir durchs Hotel, Sebastian Weiss wirft unbeholfen mit Teebeuteln und französischen Wortfetzen um sich, Henning Hartmann bewahrt als Ignatz immer verschrobene Fassung und setzt als Bittsteller Abel Glanz wunderbar altkluge Akzente und Carolin Haupt springt so rasend schnell von einer Rolle in die nächste und gibt jeder dermaßen viel Energie, dass man sich wundern muss, warum die Frau nicht platzt.

Dazu immer wieder der Musiker feinste Musik und man kann nicht umhin, mitzuwippen, während die da vorn auf der Bühne tanzen singen wuseln, Türen schlagen, balancieren, sinnieren, trinken, lieben, knutschen, freidrehen. Und je mehr Vorhänge herumfliegen, Bühnennebel wabert und der bislang noch nicht erwähnte, aber beständig über allen thronende Savoy-Schriftzug leuchtet, desto mehr meint man, sich in einer Zirkusmanege zu befinden, mit dem lila glänzenden Ignatz als Billeteur, Dompteur, und womöglich: Hypnotiseur.

© Karl-Bernd Karwasz

© Karl-Bernd Karwasz

Vielleicht ist das aber auch alles ganz anders … jeder kann sich aus der übersprühenden Inszenierung mitnehmen, was er möchte. Und auch die Längen machen Sinn: Im sogenannten wahren Leben geht’s auch nicht immer voran, aber schön ist es trotzdem. Man kann nicht immer nur durchweg unterhalten werden wie die reichen Fabrikanten im Variété. Denn dann verliert man den Blick fürs Kleine, für all die feinen Sachen, die so nebenbei passieren und für die man einfach ein bisschen Zeit braucht.

Und dann sieht man auch nicht den Arbeiteraufstand nahen, der am Schluss auch die heile Lilalaunewelt des Hotel Savoy erreicht und es final niederbrennt. Und ganz oben steht Lilalaune-Ignatz und präsentiert sich als Hotelbesitzer Kaleguropulus höchstselbst. Haben wir es doch geahnt! Die Blaskapelle spielt ihre letzten Töne und dann erlöschen auch des Savoys letzte Lichter. Übrig bleibt: die Welt.


» Hotel Savoy, Schauspiel Hannover
nach Joseph Roth von Koen Tachelet. Regie: Sascha Hawemann
Es spielen: Klara Deutschmann, Carolin Haupt, Rainer Frank, Maximilian Grünewald, Günther Harder, Henning Hartmann, Wolf List, Sebastian Weiss.
Musiker: Xell, Kristina van de Sand, Szilvia Csaranko, Daniel Zeinoun, Fiete Wachholtz