Container Paris | Studio Schauspiel Leipzig

höchstvergnügliches containern in der disko

In der Regie von Miguel Abrantes Ostrowski hatte am letzten Samstag die Studio-Inszenierung Premiere in der Diskothek. Es ging um nicht weniger als das verschwundene goldene Kalb, kollektiven Irrsinn und die Macht der Behauptung und hat – das vorab – ziemlich fett Spaß gemacht.

Container Paris © Rolf Arnold

Container Paris © Rolf Arnold

Einem Global Player ist ein Übersee-Container abhanden gekommen. Passiert schon mal, so was. Bei hohem Wellengang über Bord und so. Aber dieser hier scheint sehr wichtig zu sein. Vielleicht aber auch völlig unwichtig. In Container Paris wird nämlich zwar gleich ein Mitarbeiter mit der Suche betraut. Allerdings ist das jener, der in den öden Jahren hinter seinem Schreibtisch offenbar an Spießigkeit hinzugewonnen hat, was ihm an Motivation verloren ging: Gleich in einer der ersten Szenen bittet dieser Hans-Peter Grothe seinen Vorgesetzten Wolf Schaub nach einem Abendessen im heimischen Wohnzimmer mehr oder minder diskret zu Kasse – Die Getränke gehen aber natürlich auf uns!.

Hans-Peter? Wolf? Namen aus den frühen Siebzigern bevölkern die globale Story von heute. Widersprüche sind Programm in David Gieselmanns ein bisschen klamottigem aber fein pointierten Theatertext und lassen Plot und Personal immer ein wenig undurchschaubar wirken: Die Suche nach dem Container führt von Rotterdam über Paris nach Oslo und wird zunehmend abstruser. Ein KO-Tropfen-süchtiges Jetset-Society-Sternchen nebst persönlichem Assistenten kreuzt den Weg des Containersuchers und klebt bald wie Pech an ihm. Die Sekretärin der Konkurrenz macht mit vieldeutigen Äußerungen das Unternehmen zu einen gefährlichem (Wirtschafts)spionage-Fall, selbst ein unverdächtiger Apotheker steht im Auftrag von … ja wem, eigentlich? Das Risikokapital erklärt derweil im goldglänzenden Jackett seine Gewinnstrategie (eben nicht wissen, wie es ausgeht) und am Ende lockt die neutrale Schweiz die Container-Suchzentrale mit Käse und präzisestem Uhrwerk nach Zürich.

Alle scheinen hier zumindest irgendetwas zu wissen. Was aber keiner weiß: was in diesem ominösen Container eigentlich drin ist. Das ist am Ende aber auch egal, denn die Suche gerät schnell zum Selbstzweck, zum eigenständig vermarktbaren Produkt und führt ein Eigenleben – irgendwo zwischen Agententhriller, öffentlichkeitswirksamen Geocaching und und fast kafkaesker Groteske. Ein Fest der Behauptung: Solange ich nur sage, dass ich weiß, was ich tue, wird man mir schon glauben.

Container Paris © Rolf Arnold

Die Nase ganz weit vorn: Julian Kluge und Philipp Staschull in Container Paris © Rolf Arnold

Mit größter Spielfreude und ebensolcher Professionalität macht das Leipziger Schauspielstudio daraus einen herrlich absurden Tanz um das goldene … Nichts, einen vergnüglichen Mix aus …-wisst-ihr-wenn-das-Licht-angeht-80er-Jahre-Spielshow und cartoonesker Überzeichnung in Bild und Ton. Die Spieler stecken in Kostümen, die ihre Großeltern als junge Leute getragen haben mögen und die genau so anachronistisch sind wie ihre Namen.

Immer wieder winden sie sich zwischen den übergroßen Lettern C O N T A I N E R hindurch zum nächsten Auftritt – viel Platz für den Menschen an sich lässt das internationale Frachtgut auf dem globalen Markt nämlich nicht. Dafür durchaus Raum für bezeichnendes in den Lücken hängen, (durch)Rutschen, Klettern und Räkeln und zudem sieht man auch schön, wer gerade oben auf und wer in der Hierarchie unten ist.

Ein dolles Tempo legen die acht Spieler vor, sind mit Wortwitz à la Minute, schöner Figurenzeichnung und vollem Körpereinsatz unterwegs. Dabei immer exakt auf dem Punkt und – ohne jede Übertreibung – verdammt komisch. Und das ist bekanntermaßen nicht die leichteste Bühnenübung.

Ob Julian Kluge als dann-doch-ganz-ausgebuffter-Pünktchenschlipsträger Grothe mit hessischem Zungenschlag oder Nicole Widera als sein burschikos-schlaues Bobbele; ob Nina Wolf als hysterisches Starlett auf der Suche nach etwas Metaphysik oder Friedrich Steinleins Starlett-Assistent mit genauer Kenntnis der aktuellen Allürenlage; ob Ron Helbig als charrrmante Stimme des Großkapitals, Paul Trempnau als fleischgewordener Abteilungsleitertraum, Tobias Amoriello als zuvorkommender Apotheken-Automat oder Philipp Staschull als stimmgewaltige – Sie Schlawiner! – Sekretärin Petra – man kann und will hier gar keinen herausheben.

Alle acht sind starke Spiele, schon jetzt ganz unverwechselbare Typen und bilden dabei – und das ist gar nicht so selbstverständlich, aber ganz ganz wunderbar – zusammen ein tolles Ensemble. Eine Vielheit, sozusagen. Was im Container steckt, will am Ende keiner mehr wissen. Was alles im Schauspielstudio steckt, ist hier zu besichtigen. Saucool, Leute! Weitermachen!


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Von David Gieselmann. Regie: Miguel Abrantes Ostrowski. Bühne: Maximilian Lindner. Kostüme: Esther Hottenrott. Dramaturgie: Matthias Döpke. Licht: Thomas Kalz. Mit: Julian Kluge, Nicole Widera, Paul Trempnau, Nina Wolf, Tobias Amoriello, Friedrich Steinlein, Philipp Staschull und Ron Helbig

Next Shows: 28. März und 13. April 2019, Schauspiel Leipzig, Diskothek