Verdammte Herzenssache | Nato Leipzig

ich hätte das nicht gut gemacht mit der normalität

„Ich fass‘ es nicht“ sagt SIE, während sie eine Zigarette aus der Handtasche holt und gleich wieder wegsteckt. Die ersten vier Worte, nachdem ER sich vor 20 Jahren bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht hat. Alt sind sie beide geworden in dieser Zeit, das Leben hat Spuren hinterlassen – tiefere allemal als bei manch anderen. Als Sie und Er feierten Barbara Trommer und Burkhard Damrau am Donnerstag Wiedersehen und Premiere in der Nato.

Verdammte Herzenssache zwischen Barbara Trommer und Burkhard Damrau

Verdammte Herzenssache zwischen Barbara Trommer und Burkhard Damrau

Vor zwanzig Jahren ging er in die kanadische Wildnis, die gemeinsame Firma pleite und die Chefin wegen versuchten heißen Abrisses für fünf Jahre in den Bau. Wegen einer verdammten Herz(ens)sache ist er nun zurück in der Zivilisation und wartet vor der Klinik darauf, dass sie ihn abholt. Und sich kümmert. An der Schnittstelle dieser drei Leben – dem seinen, dem ihren und dem gemeinsamen vor so vielen Jahren – lässt Autorin Conny Molle nicht nur zwei recht eindrückliche Lebensgeschichten aufeinandertreffen, an alten Emotionen rühren und neue wecken, sondern verhandelt (meist hübsch wie nebenbei) die großen Fragen in Liebe und Leben gleich mit: Freiheit versus Verbindlichkeit, Selbstfindung gegen Verantwortung, Gegenwart oder Zukunft, Lebensmut und Lebensangst.

Der Tod kriegt mich nicht.
Ich werd ihm davonsterben!

Barbara Trommer gibt ihre Sie mit Herz und Schnauze und lässt bei aller Alltagskomik und Schlagfertigkeit immer auch Schmerz und Verletzlichkeit mitschwingen. Ihre Sie ist eine Frau, die resolut den Alltag meistert, aber nach den Jahren im Knast irgendwie nicht wieder richtig angekommen ist im eigenen Leben. Burkhard Damrau hält seinen Er fein austariert zwischen Ausbruch in die Freiheit und Flucht vor sich selbst. Einer, dessen Augen leuchten beim Erzählen von Kälte und Bären und Wölfen. Und der, spricht sie vom Morgen, hilflos hin und her wippt, die Hände tief in den Taschen wie ein großes Kind, weil er diese Frage nach all der Zeit vielleicht ein bisschen besser, aber noch immer nicht wirklich verstehen kann.

Nur eine Bank braucht es als Requisite für zwei Lebens- und eine Liebesgeschichte. Sie und Er umkreisen dieselbe, froh und traurig zugleich, etwas zwischen sich zu haben bei den unvermeidlichen Vorwürfen und Anklagen. Bald aber hocken sie doch wieder nebeneinander, erinnern sich verträumt an die alten Zeiten und wehmütig den vergebenen Chancen nachblicken:

– Wie kommst du drauf, dass es Söhne geworden wären?
– So kann ich sie mir besser als schlechte Menschen vorstellen.

Wird’s zu gefühlig, holt Frau Trommer ihren „Gegen“Mann liebevoll-rabiat zurück auf den Boden der Tatsachen und dabei ist die Bitterkeit hier nur eine Halbe, weil unten drunter so viel Herz wohnt. Mag sein, dass die Geschichte ab und an ein wenig überdeutlich wird und am Klischee entlang schrammt, dafür ist der Text an anderer Stelle glasklar wie kanadische Bergseen und macht überraschend-tragikomische Parallelen auf zwischen Zivilisation und Natur. Und immer ist das Ganze getragen von der großen Authentizität und der feinen Selbstironie der beiden Spieler. Findet sich am Schluss vielleicht doch ein Stückchen Zukunft? Wer weiß … Ein Abend wie’s Läb’m – zum Lachen, zum Weinen. Und zum Verlieben.


» Verdammte Herzenssache
Von Cornelia Molle. Regie Hansa Molle. Mit Barbara Trommer und Burkhard Damrau.
Premiere: 9. Mai 2019, Nato, Leipzig

Noch mal am 7. Juni 2019 im Laden auf Zeit