„ich mag ihn nicht, diesen hamlet“

… wiederholt Andreas Keller gleich mehrfach in einer Szene als Claudius, und leider geht es uns ebenso. Leipzig hat die Schauspielzeit eröffnet: Mit einem Hamlet, der zwar nicht so brav und farblos daherkommt, wie die Klassikerinszenierungen der letzten Saison, aber ärgerlich unschlüssig geraten ist und sein Publikum erst im Video-Nachklapp unsanft wieder aufweckt.

(c) Rolf Arnold

(c) Rolf Arnold

Das andere Wort hinter dem Wort.
Der andere Tod hinter dem Mord.
Das Unvereinbare in ein Gedicht:
Die Ordnung. Und der Riß, der sie zerbricht.
Thomas Brasch: Hamlet gegen Shakespeare

Soweit Brasch. Hier dagegen: Kein Wort hinter dem Wort, kein Drama hinter dem Drama. Nach dem – in einem gelungenen Bild – zu Beginn die gesamte Personage voller Angst vor dem Kommendem aus ihrem Glaskasten ins Dunkle starrt, kommt im Stück und auf der Bühne, was Horatio und Ophelia hier schon schwant – nichts Gutes nämlich.

Während im, mit raumteilenden gläsernen Schiebetüren und Blechbadewannen ausgestattetem, Bühnen-Aquarium die zwischenmenschlichen Dramen spielen, wird oben drauf das dünne-dunne-dännemarksche Staatsgeschehen und allerlei Leipziger Allerlei gegeben. Havel, Müller, Ceaușescu, Salfisten, 1989, Brasch: Was Regisseur Thomas Dannemann hier bunt mixt, wird weder irgendwohin geschweige denn zu einem Ende geführt, aber auch nicht lustvoll leichtfertig in irgendeine Debatte geworfen. Hamlet verliest das MDR Nachmittagsprogramm. Hamlet steht mit Proll-Frise außen vor und spricht Heiner Müller. Der Geist des toten Königs ist ein dementes Männlein auf einem Dreirad. OK, und weiter?

Auch ein wie immer kraftvoller und bühnen-raumergreifender Andreas Keller als Interimskönig Claudius kann ein solches Drama nur halbwegs zusammen halten. Nach drei Stunden verhaltenen Gähnens leitet dann doch ein schönes Bild das lustvoll-blutige Finale ein. Nur dass das leider nicht von Dannemann, sondern aus der SAW-Horrorfilmreihe stammt: Auf seinem Dreirad quert die Jigsaw-Masken-Puppe bedrohlich und lockend die Bühne und fährt hinein in einen saugut gemachten, letztlich aber überflüssigen Splatter-Movie, der sich so gar nicht aus dem zuvor Gesehenen ergeben will. Schade. Passt ja eigentlich gar nicht so schlecht zu Shakespeare. In Leipzig gerät’s zu Provokation und Tabubruch samt Türenschlagen, „Aufhören“-Rufen und jeder Menge Buhs, in die sich beinahe trotzige Jubelrufe mischen.