k. | Schauspiel Leipzig

im digitalen nirgendwo – ein internet-premieren-protokoll in verteilten rollen

Kein gestreamter Vorstellungs-Mitschnitt, kein Küchenbretter-Theater, sondern eine ganze Theaterproduktion macht aus der Not eine Tugend und zieht in den digitalen Raum. Philipp Preuss & Team hätten mit Kafkas "Schloss" am 25. April Premiere auf der großen Bühne gehabt, gestern nun gab es "k." Folge eins von vier im Netz. Wir haben uns zum Gucken verabredet: mit franzjakk, der ehemaligen reihesiebenmitte-Korrespondentin in Hamburg, die sich schon vorab ein paar unredigierte Sofagedanken macht. Für sie, für uns, für euch, für alle sicher vor allem eins: EIN EXPERIMENT!

Prolog

Ich war sehr lange nicht mehr bei einer Premiere vom Schauspiel Leipzig. Das liegt nicht an meinem Unwillen, schließlich ist dieses Theater das, an dem ich „groß“ geworden bin, nein, es liegt an Zeit und Distanz, denn ich bin vor ein paar Jahren weitergezogen.

© Jule Franzen
© Jule Franzen

Aber – heute! Hat Corona doch was Gutes, für mich, heute, so im kleinen Speziellen, schließlich konnte ich so nahezu spontan beschließen, an der Premiere teilzunehmen und tue das jetzt auch, nach persönlicher Einladung (also Linkverschickung) seitens der Regieassistenz – wie aufregend :-) Ich werde mich also in wenigen Minuten im virtuellen Zuschauerraum einloggen und mal gucken, was es da so zu sehen gibt. Sehen und gesehen werden, hm, das ist wohl hinfällig für heute. Dabei ist das doch immer besonders lustig an Premieren, neben dem Stück an sich, dass man gucken kann, wer so da ist aus der Branche und aus der Stadt und überhaupt. Dafür kann ich aber nebenbei meinen Apfelkuchen essen, mich aufs Sofa fläzen, nebenbei womöglich weggehen oder Krach machen, am Handy daddeln, all so Sachen, die man sonst nicht zu machen hat. Aber ich werd mich selbstverständlich benehmen.

Huch, da schreibt mein Date. Ich hab nämlich eine Premierenverabredung – reihesiebenleipzig mit (ja, doch nun schon ehemals) reihesiebenhamburg, das ist schön. Onlineexperiment im Onlinekritik schreiben, wenn man das, was ich hier mache, überhaupt so nennen kann. Aufregende Zeiten, da fällt das Kritiken schreiben schwer, geb ich zu. Ich find diese ganzen Onlinesachen eigentlich richtig nervig, selbst in Quarantänezeiten. Ich werfe regelmäßig all meine digitalen Endgeräte in die Ecke, weil sich meine Birne davon dreht. Aber sie sind auch gerade der, naja, einzige Zugang zur Menschenmasse, und Menschenmasse mag ich schon auch ab und zu, wohldosiert. Und der kulturdurstige Mensch nimmt eben, was er gerade kriegen kann und Theater ist Theater und die Leipziger Kolleg*innen sowieso, ich freu mich, die gleich in meinem Wohnzimmer zu haben. Hab ich ja auch nicht alle Tage.


Es ist 18:30 Uhr

Nach dem Download von zoom ist auf dem Monitor das leere Garderobenfoyer zu sehen. Dann ein ebenso leerer Zuschauerraum. Manchmal hört man Gesprächsfetzen, mal ein paar Klaviertöne. Von eventuell anwesenden anderen Zuschauern sieht und hört man: Nichts. Seltsam bis befremdlich. Ein etwas persönlicherer Einlass wäre ganz schön, aber wir sind sehr neugierig …

franzjakk Bist du schon da? Oder bist du cool und kommst knapp?

misslaine Gib mir noch fünf Minuten.

franzjakk Wir sind auf keinen Fall zu sehen, ne?
Ich hab vorsorglich meine Kamera abgeklebt.
Und ich geh jetzt schon mal rein …

misslaine Okay, halt mir einen Platz frei.

franzjakk Ich halte Dir nen Platz frei.
Haha.
Der gute alte Witz.

Oh, du musst reinkommen!
Das ist jetzt schon lustig.
„Wer nicht noch nachbessern muss,
der schaltet bitte seine Kamera aus“
„Ach, Die Leute sehen schon alles“

misslaine Mist, zu spät!
Ich installiere noch.

franzjakk Es war sozusagen technische Probe
während des Einlasses. Oder eine unglaubliche Regieidee.
Auch das ist möglich. Bei modernem Theater weißt man ja nie.

misslaine Jetzt stehe ich sehr alleine im Garderobenfoyer…
Und links oben blinkt recording
Die nehmen uns doch heimlich auf.

Der Host hat den Zuschauer-Chat deaktiviert.
😕 Mei, das is jetzt schad!
Dachte uns stünden Standards wie
Husten, starker Husten oder
Hustenbonbonpapierrascheln zur Verfügung

Was wohl bei „Hand heben passiert?🤔

franzjakk Mach doch mal

misslaine Ich trau mich nicht.

franzjakk Vielleicht ist das das Aufbegehren des Proletariats.

misslaine Es passiert nix.

franzjakk Alles Regiekonzept!


19:00 Uhr


Auf dem Bildschirm erscheint eine verschneite, einsame Landschaft, eine Straße, gesäumt von kahlen Baumstämmen. Ein Pianist spielt verlorene Töne. Dann wechseln die Screens, mal sehen wir einen, mal mehrere, darauf die Spieler*innen: k. mit rosa Jacke und Pelzkragen gegen die Kälte, seine Gehilfen, den seltsam-goldigen Boten Barnabas, die Wirtin, Frieda, einen geschäftigen Klamm … jede Figur hockt in ihrem Kästchen vor einer Kamera. Aus dem Nebel auftauchende und sich wieder auflösende Gesichter, übermalt, fragmentiert, schemenhaft unwirklich. Ein Gewirr von Stimmen. Die Geschichte beginnt mit k., dem Landvermesser (Felix Axel Preißler), der ankommt in einem mehr als merkwürdigen Dorf, dessen Geschicke von einem noch merkwürdigeren, offenbar allmächtigen Schloss gelenkt werden.  Wohin? 

franzjakk Es geht looooos!
Ich sehe Klamm.

misslaine Das ist Klamm?
Ich sehe Kornelius.

franzjakk Steht da.
Versinkend im Nebel.
Das Dorf.
Es schneit.

Ich fühle mich wie eine Sportmoderatorin.

misslaine Hat was Meditatives, das Klavier und der Schnee.

franzjakk Feeeeelix!

misslaine Wie er guckt!

franzjakk Er liest den Text.

Ich finds schön, wie der Nebel immer alle aufisst.

misslaine Hm
Nee, ich denke, er sieht die Mitspieler.

franzjakk *innen.

misslaine jaja

franzjakk Oh, ist das Leben einsam!
Ich muss bei dem Stück auch immer an Dracula denken.
Es ist halt nicht dasselbe wie im Theatersaal.

misslaine Du musst Dich schon ein wenig EINLASSEN 😉

franzjakk Mach ich doch.
Aber in der Metaebene rattern die Gedanken
darüber, was digitale Formate mit uns machen.

Ich glaub, für die nächste Folge muss ich mir
Premierenklamotten anziehen und das Zimmer
abdunkeln …

misslaine Oh, der Pianist verliert
von Zeit zu Zeit den Kopf.

franzjakk Ja, das ist hübsch.
Und Markus seine Augen.

misslaine Der trägt wieder schwarze
Kontaktlinsen, oder?
Spooky!

Ästhetisch sehr eindrucksvoll, aber
alles in allem ne szenische Lesung, oder?

franzjakk Ich weiß gerade noch nicht.


19 Uhr, 36 Minuten


Alle Spieler sind via Splitscreen zu sehen, die Gesichter nun wie hinter verregneten Fenstern fratzenhaft verzerrt, ihre Stimmen vereint zu einem atonalen Gekläff und Geknurre, in dem sich die latente Spannung, die in der vergangenen halben Stunde über bzw. unter allem lag, zu entladen scheint. Droht hier Gefahr? Wem? Aus welcher Richtung? Mit welchem Sinn? k. scheint im Dorfe als Fremder ähnlich isoliert, wie wir daheim beim Zuschauen. Isolation. Isolation. Isolation … singen fast schon zu passend Joy Division. Dann Blende. Leerer Saal. Foyer.

misslaine Wie, schon aus?

franzjakk Pause?
Sektchen?
Ooh

Zu Ende 😭

misslaine Das war aber kurz.
Dann gehe ich jetzt auf meinen Balkon und applaudiere??

franzjakk Nee, Balkon ist für Krankenhauspersonal reserviert.
35 Minuten
40 waren angekündigt
Da ist das Garderobenanstehen mit eingerechnet

misslaine Ist doch überhaupt nichts los an der Garderobe!

franzjakk Quarantäne.
Draußen scheint Apokalypse zu sein.
Die Türen sind auch zu.

Bist du noch drin?
Ich warte, bis man mich rauswirft.

misslaine Dann ist ja alles wie immer 😆
Ich warte auf die Zugangsdaten für
die Premierenparty …

franzjakk Nein! Sie treffen sich jetzt woanders!
Nix da mit „Wir wissen, wo es zur Kantine geht“

Ich habe so  viele Gedanken dazu!
Und es ist seltsam jetzt nicht damit in die
Skala zu gehen oder so.
ich schreib dir was.

misslaine Okay, bis gleich.
Bin mal kurz virtuelle Freundeskreis-Premieren-
Blümchen überreichen …
💐💐💐💐💐
💐💐💐💐
💐💐

 


Epilog

Direkt nach der „Vorstellung“ fühl ich mich ganz irritiert und seltsam, weil ich aus der zoom-Gemeinschaft wieder in mein einsames Wohnzimmer katapultiert werde, mit der lieblosen System-Nachricht „Der Host hat das Meeting beendet“. Und jetzt? Kantine? Skala? Irgendwas? Drüber schnacken, was wir da gerade erlebt haben? Ist per Messenger langweilig. Theater ist halt doch nicht nur das, was man sich da anschaut, sondern auch das ganze soziale Drumherum, endlich haben wir den Beweis. In diesen Gedanken werd ich unterbrochen, weil ich einen Anruf bekomme, dem erzähl ich: „Ich war gerade im Theaaaaater! Das war fast ein bisschen Gemeinschaftsgefühl! Fast ein bisschen schön!“ So viel zur Ambivalenz der Gefühle.

Fast ein bisschen schön war es tatsächlich. Sowohl „Einlass“ und „Schluss“, als sich die Schauspielies versehentlich enttarnten und als Produktionsteam miteinander sprachen statt in ihren Rollen, im Unwissen darüber, dass das unsichtbare Publikum schon anwesend war. Und auch das Event an sich und zwar vor allem erstmal ästhetisch. Ich hab die Tage schon oft in diese Zoom-App geguckt und immer hatte ich da komische Wohnzimmer und Stimmendurcheinander, ja, vor allem Durcheinander. Jetzt hab ich hier einen Nebelhintergrund, der sich in die gegreenscreenten Konferenzteilnehmer schiebt, einen Pianisten, der sanft im Hintergrund klimpert, eine Videokünstlerin, die all das moderiert – mal als Komplettscreen, dann in exponentieller Einzelkachel-Zuschaltung aller offiziellen Konferenzteilnehmer*innen bis hin zum (durchkomponierten) Stimmengewirr .. und ja: Menschen, die sprechen können, die nicht in ihren Bart nuscheln, die mit der Kamera spielen und nicht die ganze Zeit nur ihre Frisur richten. Wilde Kamerafahrten im Greenscreen und also, im Großen und Ganzen irgendwie: die Kafka’sche verwirrend-verstörende Magie, ein kleines Zuhause-Fühlen in mysteriöser Theaterästhetik. Schön. Inhaltlich, geb ich ganz ehrlich zu, hab ich wenig aufgepasst. Ich hab mich so daran gefreut, dass Zoom nicht nur rumhängen und rumlabern ist, sondern dass in diesen digitalen Livemomenten auch eine liebevolle, theatral-heilende Kraft liegen kann.

Aber: Lasst das bloß nicht zur Gewohnheit werden! Ich werde mich auch weiterhin (beziehungsweise hoffentlich bald wieder) liebend gern und viel lieber in den analogen Raum begeben, um Menschen, Inhalt und Ästhetik zu erleben! Dennoch: Liebevollsten Dank für diese Möglichkeit zur Teilnahme an der Leipziger Premiere. Und herzlichst-wehmütige Grüße aus Hamburg. Bis nächste Woche.


» k. Ein Internetprojekt nach Texten von Franz Kafka
Regie: Philipp Preuss. Kostüme: Eva Karobath. Video/Moderation: Konny Keller. Musik: Kornelius Heidebrecht. Dramaturgie: Georg Mellert. Mit Alina-Katharin Heipe, Roman Kanonik, Anna Keil, Andreas Keller, Markus Lerch, Marie Rathscheck, Felix Axel Preißler und Annett Sawallisch.

Next shows:
Folge 1 Mo, 6. bis Mi, 8. April 2020
Folge 2 Premiere Sa, 11. April, dann Mo, 13. bis Mi, 15. April 2020
Folge 3 Premiere Sa, 18. April, dann Mo, 20. bis Mi, 22. April 2020
Folge 4 Premiere Sa, 25. April, dann Mo, 27. bis Mi, 29. April 2020, jeweils 19 Uhr online auf zoom.com

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