im wald da sind die räuhäuber – gordon kämmerer diplomiert mit schiller

Hinter dem Eisernen steppt ganz offensichtlich schon der Räu-Bär: Nebel, flackerndes Diskolicht und hämmernde Bässe dringen nach draußen. Im Saal wird das Publikum erstmal nach allen Regeln der Kunst von Skala-Wirt Jens zusammengefaltet. Schillersche Rebellion rückwärts: hier lümmelt die „Jugend von heute“ in der Komfortzone resp. dem Theatersessel und das ältere Semester revoltiert – Ein hübscher Einstieg zur großen Räuberparty, die in den nächsten drei Stunden auf der großen Bühne steigt.

Holliholla ... Die bunt zusammengewürfelte Bande, noch ohne Hauptmann © Rolf Arnold

Holliholla … Die Bande, noch ohne Hauptmann © Rolf Arnold

Zuerst will – quasi in der Raucherpause vor der (Schauhaus)Disco – die Bandengründung erledigt und Moor – ohne bessere Idee und sich dem Gruppendruck beugend – zum Hauptmann gemacht sein. Und dann fährt er hoch, der Eiserne und was Jung-Regisseur Gordon Kämmerer hernach auffährt, ist eine ziemlich fette Räuberpistole.

Tolles Licht, tolle Kostüme; einen groovy Soundtrack von Friederike Bernhard, der – berückend, schreibt Herr Prüwer in seiner » nachtkritik und besser können wir es auch nicht sagen – viel mehr ist als schnöde Untermalung des Geschehens. Eine äußerst feine Bühne: Vor das dreh- und umbaubare Moor’sche Schloss(gerüst) mit viel Treppauf und -ab schieben sich alsbald zweidimensionale Theater-Prospekte und machen auf Böhmerwald. Was nicht ohne entzückendes Pappbaumkulissenballett abgeht.

Dazu eine Regie, die auf (Gruppen)dynamik setzt, sich für keine Albernheit zu schade ist, aber doch einen Blick hat fürs große Ganze, für starke Bilder – und tatsächlich ein Händchen für die große Bühne. Und ein Ensemble, dass sich (wie viel zu selten an diesem Spielorte) mit großer Lust famos freispielt. Einen Theaterbilderbogen mit viel Atmosphäre gibt das.

Und auch wenn Szene für Szene ein wahres Ideen- und Gagfeuerwerk abgebrannt wird, sollte man der schrägen Überzeichnung nicht gänzlich auf den Leim gehen. Die Figuren sind schon ziemlich genau gesetzt und ihre Geschichte, die interessiert. Katharina Schmidt reißt ihren Karl Moor großartig zwischen Zerbrechlichkeit und Härte hin- und her und am Ende kaputt. Wie ein kleines aschgraues, gar nicht böse sein wollendes Rotkäppchen steht er da im Wald: Ein Hauptmann, der zu seiner Räubertruppe kam, wie die Jungfrau zum Kinde.

Die Räuber. Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold

Grau-Käppchen in der Zerreißprobe: Katharina Schmidts Karl Moor © Rolf Arnold

Als Kontrapunkt zur Räuberchefin ist Andreas Herrmann eine sensationelle Amalia, die mit Grandezza ihrem umfänglichen Reifrock entsteigt, wenn die Situation es erfordert und mit herrlich lakonischer Ungerührtheit die Avancen Franzens abwehrt. Jenen stattet Michael Pempelforth mit lila Perücke und trotziger Und-bist-du-nicht-willig-Buben-Attitüde aus.

Dirk Lange gibt als alter Moor allen Affen Zucker, die nicht bei drei auf den böhmischen Bäumen sind und ist am Ende, dem Verlies entronnen und nur mit einem bodenlangen Barte bekleidet, eine sehr einprägsame Erscheinung. Andreas Keller kreist mit dem Gabelstapler über die Bühne, als wolle er die Hummer aus Die Nacht, die Lichter noch einmal einsammeln. Und die Bande? Die gibt sich saucool: Wie eine wilde Mischung aus Hulk und Rammstein – allen voran Anna Keil und Denis Petkovic – frevelt, schlägt und brandschatzt man sich da durch … nunja … böhmische Dörfer.

Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum lasst uns heute lustig sein.

Dem Abend gelingen berührende Szenen – herausragend der Räuberchor im Dunkel am Beginn des zweiten Teiles. An anderen Stellen – und auch das vor allem nach der Pause – hat der Text doch eine Prise zu viel Pathos abbekommen. Die Poesie steht gleich neben dem Klamauk Gewehr bei Fuß. Dann ist wieder mancher gespielter Witz so blöd, dass er schon wieder gut ist. Mancher auch nicht.

Hohe Perücke, große Kunst ... Friederike Bernhardt © Rolf Arnold

Hohe Perücke, große Kunst … Friederike Bernhardt © Rolf Arnold

In der Hauptsache aber macht das Zuschauen einen Heidenspaß und ist sehr erfrischend – und das nicht nur deshalb, weil man die zwei vorhergehenden so gar nicht schillern-wollenden Schiller-Zyklanten noch im Kopf hat. Durch den geistert einem nach dem Schlussapplaus dieser Karl Moor noch eine ganze Weile. Hätten wir jetzt gar nicht so erwartet von Schillers Sturm- und Drang-Stück. Herzliche Gratulation zur Diplom-Inszenierung, Gordon!


» Die Räuber
Regie: Gordon Kämmerer. Mit: Andreas Dyszewski, Andreas Herrmann, Roman Kanonik, Anna Keil, Andreas Keller, Tilo Krügel, Dirk Lange, Michael Pempelforth, Denis Petković, Runa Pernoda Schaefer, Katharina Schmidt, Brian Völkner
Musik Friederike Bernhardt. Bühne: Jana Wassong. Kostüme: Josa Marx.

In dieser Spielzeit noch einmal am 9. und 17. Juni. Dann wieder ab 6. Oktober am Schauspiel Leipzig