Lear & Hamlet | Lindenfels Westflügel

zweimal shakespeare magisch und figürlich im westflügel

Zu den Orten, die nur selten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, an denen aber die Magie des Theaters immer wieder erlebt werden kann, gehört der Lindenfels Westflügel. Im Januar bot sich dort die Gelegenheit, zwei Produktionen des Figurentheaters Wilde & Vogel zu erleben, die schon seit einiger Zeit im Repertoire sind. Es sind zwei Inszenierungen, die auf Stücken von Shakespeare beruhen, mit diesen Texten aber auf eine ganz eigene Art umgehen.

Exit. Eine Hamletfantasie © Wilde & Vogel/Westflügel Leipzig
Exit. Eine Hamletfantasie © Wilde & Vogel/Westflügel Leipzig

Es gab Zeiten, da konnte der Westflügel mangels Heizung im Winter nicht bespielt werden. Das hat sich zwar geändert, aber es ist frisch im Saal an diesem Januarabend, an dem ich „[Exit. Eine Hamletfantasie“ besuche. Die Produktion hatte bereits 1997 Premiere und ist seitdem viel unterwegs gewesen, ich habe sie vor etlichen Jahren bei den Shakespeare-Tagen in Weimar gesehen. Der Saal im Westflügel erlaubt den Zuschauern, ganz nah an der Bühne zu sitzen, das ist auch bei einigen kleinen Figuren durchaus von Vorteil. Michael Vogel erschafft auf einer Bühne, die nur aus ein paar Brettern besteht, eine phantastische Welt, untermalt von den Gitarrenklängen Charlotte Wildes. Man erwarte keine Handlung, die eng am Shakespeareschen Plot klebt, es soll ja eine Fantasie sein. Trotzdem, die Personen erkennt man wieder – Hamlet, Ophelia, Getrud, Claudius … Zumeist bestehen die Puppen aus einem individuell gestalteten Kopf, an dem Stoffteile hängen, die zugleich Körper und Kleidung darstellen. Sieht simpel aus, aber wie virtuos Michael Wilde damit umgeht ist sehenswert. Die Puppen werden zu seinen Mitspielern, mal als konventionelle Handpuppe, mal als lebensgroße Partnerin, mal verschmelzen Mensch und Puppe zu einem Wesen. Und auch der berühmte Totenkopf darf nicht fehlen, unter dem Bühnenboden finden sich einige Knochen. Einzelne Szenen aus dem Shakespeare-Text sind zu hören, mal englisch, mal deutsch – ein Abend, der die Möglichkeiten des Figurentheaters auslotet und die Phantasie der Zuschauer fordert.

Lear © Wilde & Vogel/Westflügel Leipzig
Lear © Wilde & Vogel/Westflügel Leipzig

Eine Woche später, gleicher Ort, etwas gestiegene Temperaturen. Wieder Shakespeare, diesmal LEAR. Es sind zwei Schauspieler auf der Bühne (neben Michael Vogel noch Frank Schneider), dazu auch zwei Musiker (Charlotte Wilde und Johannes Frisch). Der Abend beginnt mit einer kleinen Marionette, die mit der Tücke des Objekts kämpft. Das Objekt ist Lears Krone. Der greift sie sich schließlich und ergreift auch das Wort. Seine Töchter sollen ihm ihre Liebe beschreiben, Regan, Goneril und Cordelia treten als Puppen auf. Danach aber löst sich der Abend von der literarischen Vorlage und konzentriert sich auf zwei Personen: Lear und den Narren. Der Programmzettel zitiert Becketts „Mercier und Camier“, sicher nicht ohne Hintergedanken. Denn die Konstellation, daß sich zwei nicht mehr ganz junge Männer in apokalyptischer Umgebung über das Leben (oder Gott und die Welt) unterhalten, findet sich nicht nur einmal bei Beckett: Wladimir und Estragon, Hamm und Clov fallen einem sofort ein. Natürlich begegnet uns Lear auf der Heide, aber auch andere Szenen des Stücks werden eingeflochten – z.B. der blinde Gloucester auf den Klippen von Dover. Ergreifend die Szene, in der die beiden Schauspieler mit Maske eng aneinandergedrängt auf der Bühne stehen. Verbündet gegen eine feindliche Umgebung, die ihnen unverständlich erscheint. Lear und der Narr werden hier bildlich zu Beckettschen Figuren.

Dazu bereiten die beiden Musiker einen Klangteppich, der die Handlung trägt, nur manchmal etwas anstrengend wird. Aber das tut dem Zauber des Abends keinen Abbruch. Das Publikum folgt dem Geschehen auf der Bühne gebannt und spendet wie schon bei der Hamletfantasie reichlich Beifall. Wer noch denkt, Figurentheater sei doch keine ernsthafte Angelegenheit, der lasse sich im Westflügel eines Besseren belehren. Shakespeare steht zwar vorläufig nicht auf dem Programm, aber ab 20.2. „Staub“, eine Koproduktion von Wilde & Vogel mit dem Theater Golden Delicious.


» Exit. Eine Hamletfantasie  
Wilde & Vogel. Ausstattung & Spiel: Michael Vogel. Musik: Charlotte Wilde. Regie: Frank Soehnle

» Lear
Figurentheater Wilde & Vogel
in Koproduktion mit dem FITZ Zentrum für Figurentheater Stuttgart und dem Lindenfels Westflügel Leipzig. Spiel: Frank Schneider, Michael Vogel
Musik: Johannes Frisch, Charlotte Wilde. Ausstattung: Michael Vogel. Regie: Hendrik Mannes. Regie-Mitarbeit: Antonia Christl

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