Losers Cirque Company | Iggy Lond Malmborg

zwei aus elf: furioses lofft-eröffnungsprogramm auf der spinnerei

Ein nigelnagelneues Theater: Das LOFFT hat in Halle Sieben der Spinnerei ein neues Zuhause gefunden und feiert das noch bis Ende des Monats mit OPEN! NOW!, einem internationalen Eröffnungsfestival. Wir haben uns zu zwei der elf Shows tief in den Westen begeben und ein sehr lohnendes Kontrastprogramm erlebt: Zwei Abende, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Einer (fast) ohne Worte und viel Bewegung (Losers Cirque Company, Prag) und einer nur aus Sprache im leeren Raum der Imagination (Iggy Lond Malmborg, Malmö).

Walls and Handbags © Krupik & Viky

Walls And Handbags © Krupik & Viky

Walls and Handbags

In Walls and Handbags bringen fünf Herren und ein kleiner Junge nicht nur ganz erstaunliche Akrobatik auf die Bühne, sondern erzählen damit gleichzeitig eine phantasievolle Geschichte voller Augenzwinkern und Herzenswärme.

Zunächst steht da nichts als eine hohe Mauer, wie in einem x-beliebigem Hinterhof, auf die der Kleine seine Kreidefantasien zeichnet. Doch natürlich erwachen die – lasst das Abenteuer beginnen! – recht fix zum Leben und aus der Mauer werden neun mannslange Holzbänke, die hernach immer wieder neu und überraschend in unterschiedlichsten Gebilden verräumt, zusammengesetzt, zu schwindelerregenden Höhen gestapelt, besessen, bespielt und erklettert werden. Und das in einer furiosen, rhythmischen Choreographie irgendwo zwischen Zirkus, Tanz und Wild-West-Show, in der der kleine Nachwuchsakrobat hoch durch die Luft geworfen (und zum Glück auch immer wieder sicher aufgefangen) wird.

Die sechs haben sichtlich Spaß daran, sich zu necken, miteinander zu spielen oder sich zum 12-Uhr-Mittags-Duell um das fantastischste Kunststück zu fordern. Und wenn die Großen zähnefletschend wie Zirkuslöwen um den kleinen Menschen herumschleichen, ist trotz der eindeutigen Kräfteverhältnisse nie ganz klar, wer hier gerade wen dressiert. Immer ist da neben der großen Energie auch ganz viel feiner Humor im Spiel und bei aller Kraft und Bärenstärke eine große Zärtlichkeit.

Federleicht sieht das aus und ist wegen der großen Professionalität, der perfekten, heimelig-warmen Ausleuchtung, den rhythmischen, tiefen Klängen und dem wohldosierten Einsatz von Theaternebel der pure ästhetische Genuss. Am Ende finden sich die Holzbänke wieder zur Hofmauer vom Beginn zusammen. Und hinter der verbergen sich gefühlt noch viel mehr Abenteuer – man muss eben bloß mal drüber gucken.


» Walls & Handbags
Losers Cirque Company (Prag). Konzept Marija Pavlovic. Performer Petr Hornícek, Lukáš Machácek, Matyáš Ramba, Vítêzslav Ramba, Jindrich Panský und Kryštof Unger. Regie und Choreographie Jana Burkiewiczová, SKUTR. Design Adriana Cerná. Musik Petr Kaláb. Konzeption Akrobatik Petr Hornícek, Zdenêk Moravec. Licht Michal Bláha. Sound Marián Starý.


Physics and Phantasma

Geradezu gegensätzlich, aber mindestens ebenso abenteuerlich ist das, was Iggy Lond Malmborg allein mit Worten und sparsamem Spiel in unserer Phantasie anrichtet. Physics and Phantasma heißt das Programm des jungen Schweden, der hier Parallelen zieht zwischen physikalische Gesetzmäßigkeiten und jenen in Phantasie und Vorstellung.

Physics & Phantasma © Renee Altrov

Physics And Phantasma © Renee Altrov

Eigentlich tut er nichts anderes, als zu beschreiben. Zunächst sich selbst – 1,80 groß, braunes Haar, graue skinny Jeans … hören wir, bevor wir ihn das erste Mal sehen. Oder das, was gerade geschehen ist. Ihr steht im Foyer des LOFFT, habt ein Bier in der Hand … setzt er wieder und wieder an, als würde er sich selbst ein Stück zurückspulen, um dann mit jeder neuen Version kleine Details zu ändern, noch mal und doch anders und vor allem verflucht schnell zu erzählen.

And again …

Malmborg bezieht das Hier und Jetzt, die Wirklichkeit ein – sei es den frischeröffneten Konsum im Westwerk oder den letzten Zug nach Dresden, der heute von Gleis 14 statt von Gleis 4 abfährt (Ohne nachsehen: Wir sind sicher, dem war an jenem Abend tatsächlich so.). Er macht rhetorische Ausflüge in Physik und Metaphysik, legt geschickt gedankliche Schlingen aus, die sich erst viel später zusammenziehen und vermischt Realität und Phantasie subtil und rasant zu einem klugen Verwirrspiel, bei dem es schnell auch mal recht ungemütlich werden kann in der Komfortzone.

Ein wenig kommt es einem vor, als wäre man Teil eines Experiments, wenn nicht sogar das Versuchskaninchen persönlich. Dabei ist dieser Kerl da fast schon einen Tick zu sympathisch. Mit Charme und Witz lässt er so einige gedankliche und dann eine echte Bombe hochgehen, bevor steter Schneefall vom Bühnenhimmel alle Spuren auslöscht und er uns mit seiner Phantasie von uns in der Plagwitzer Nacht in selbige hinausschickt. Erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sich das Manipulative hier einschleicht! Da ist ein Sprachmeister am Werke, dessen Tricks man nicht auf die Schliche kommt, obwohl man ihm doch die ganze Zeit an den Lippen hängt.

Ein toller Abend über die Kraft der Suggestion – Minimal invasiv sozusagen, aber ungemein wirkungsvoll. Obwohl sicher keiner der Zuschauer auf dem Heimweg tatsächlich einen Molly in die Scheiben der neuen Konsumfiliale geworfen hat. Oder?


» Physics and Phantasma
Performance in englischer Sprache. Von und mit Iggy Lond Malmborg, Malmö, Schweden. Dramaturgie Erik Berg, Johan Jönson, Maike Lond Malmborg. Technik Maike Lond Malmborg, Kalle Tikas. Assistenz Kaie Olmre. Eine Produktion von Iggy Lond Malmborg in Koproduktion mit Kanuti Gildi SAAL (Tallinn) und Teaterhuset Avant Garden (Trondheim). In Zusammenarbeit mit Inkonst (Malmö), MIMstuudio (Tallinn).


Halle Sieben ... © LOFFT - Das Theater

Halle Sieben … verpflichtet  © LOFFT – Das Theater

» LOFFT – Das Theater

Das neue LOFFT ist übrigens sehr hübsch geworden. Ganz am Ende der Spinnerei (Fahrradfahrer besser außen rum). Ganz oben unterm Dach. Mit großen, gläsernen Dachschrägen mit Blick weit in den Westen, mit Sitzgelegenheiten und einer Bar, an der man nach der Vorstellung auf einen Gin Tonic oder ein Beer verweilen kann. Die Bühne eine Blackbox mit nach Laien-Auge feinster Technik. Und die wird in den kommenden zwei Wochen noch mit folgenden OPEN NOW-Shows gefüllt (und auch danach bleibt’s mit Sicherheit spannend):

17. und 18. April
» The Way You Look (At Me) Tonight
JESS CURTIS AND CLAIRE CUNNINGHAM (GLASGOW/SAN FRANCISCO)OPEN! NOW!
Wie sehen wir einander an? Wie bestimmen unsere Körper die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen? Können wir lernen, über Grenzen der Andersartigkeit hinwegzusehen?

26. und 27. April
» Cowboys
SEBASTIAN WEBER DANCE COMPANY (LEIPZIG)
COWBOYS ist ein brodelndes, aufgetakeltes, heiseres Tanzspektakel über Populisten an der Macht.