macbeth – ein nachruf

„Dank für Wein und Zigaretten“ war im ct-Gästebuch zu lesen. Hm. Was war da los, letzten Donnerstag Abend im Centraltheater? Stammtisch-Mitglied Thomas Pannicke war vor Ort und schildert sein Dernieren-Erlebnis:

Gemeinhin wird einer Derniere im Gegensatz zu einer Premiere kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Nach der letzten Vorstellung von „Macbeth“ kann man Leipziger Theaterfreunden zwei Dinge ans Herz legen: Warte nie auf die letzte Vorstellung, um eine Inszenierung überhaupt zu sehen, und wenn Dir eine Vorstellung gefällt, dann verpaß die Derniere nicht.

Macbeth gehörte zum Eröffnungsreigen der Hartmannschen Intendanz im Herbst 2008, die Inszenierung stammte allerdings aus Magdeburg und war für Leipzig neu eingerichtet worden. Neben der Matthäuspassion war sie wohl die Inszenierung, die die Meinung über das Hartmannsche Theater prägte und das Publikum spaltete. Blut, Nebel, Lärm und Nacktheit  – Theatermittel, die man bei Macbeth durchaus verwenden darf und die trotzdem einen Aufschrei bei Teilen des Leipziger Publikums provozierten. Aber eben auch Begeisterung und eine richtige Fangemeinde, die sich möglichst keine Vorstellung entgehen ließ.
Eine der Besonderheiten der Inszenierung ist gewiß das Ersetzen der Hexen durch einen Dunkelsprecher. Der wird gespielt von einer Bulldogge namens Uschi, die wohl schon bei der Premiere nicht mehr die jüngste war. Nach anderthalb Jahren auf Leipzigs Bühnenbrettern wurde es nun Zeit, Uschi in den Ruhestand zu schicken, sonst hätte es vielleicht noch Protestaktionen des Tierschutzbundes gegeben, wenn einer aus dieser Gilde den blinden, einäugigen, zitternden und inkontinenten Hund auf der Bühne gesehen hätte.  Aber Uschi hat tapfer durchgehalten, wobei man sich fast fragt, ob es nicht die Erlösung und der Höhepunkt ihres Lebens gewesen wäre, wenn sie wie einst Moliere direkt von der Bühne in den Theaterhimmel eingegangen wäre.

Ich bin sonst kein Erste-Reihe-Sitzer, am letzten Donnerstag hatte mich meine Begleiterin trotz meiner Warnung darum gebeten, dort zu sitzen. Wer die Inszenierung gesehen hat, weiß, warum in einer Szene ein Eimer voll Schokoladensoße auf der Bühne auftaucht. Aus eben diesem Eimer fischt Malcolm und Donalbain die Krone Schottlands, was natürlich nicht ohne Spritzer abgeht. Und wenn der Eimer so nahe an der Rampe zum Publikum steht wie diesmal, dann ist man eben in der ersten Reihe von Schokoladenflecken übersät – eine Warnung an alle Besucherinnen, die im Abendkleid ins Theater gehen: Meiden Sie die erste Reihe.

Rene-Peter Lüdicke und Thomas Lawinky in MACBETH. Photo: Rolf Arnold/CT

Lawinky / Lüdicke in MACBETH. Photo: Rolf Arnold/CT

Vor der zweiten Begegnung Macbeth‘ mit den Hexen (oder eben dem Dunkelsprecher) gibt es in Hartmanns Inszenierung eine Art Pause, in der aber das Publikum den Saal nicht verläßt (bis auf die Handvoll, die türenknallend ihrem Mißfallen Ausdruck geben wollen), sondern zusieht, wie Macbeth und Banquo aus ihren Rollen tretend improvisieren. Auch heute verlassen wieder einige Zuschauer den Saal, ich frage mich, ob sie wirklich noch nicht gehört oder gelesen hatten, was sie erwarten würde. „Shakespeare hat heute verloren.“ ruft einer der Gehenden erbost. „Ja, 2:0“, erwidert Thomas Lawinky. Fragt sich nur, wer gegen wen gespielt oder verloren hat. Die Vermutung, Shakespeare würde sich angesichts heutiger Inszenierungen im Grabe herumdrehen, ist eine gern gemachte Aussage von seiten der Verfechter des sogenannten werktreuen Theaters. Ich war an Shakespeares Grab in Stratford und konnte keinen Hinweis darauf erhalten, daß sich dort jemand drehen würde.

Die Improvisationsszene ist an diesem Abend der Knackpunkt, die Stelle, an dem die Vorstellung aus dem Ruder läuft. Lawinky und Lüdicke beginnen Wein zu trinken und zu rauchen (man fühlt sich an die Publikumsbeschimpfung erinnert), und das endet darin, daß Becher und Wein aus der Kantine geholt und im Publikum verteilt werden, zudem wird das Publikum aufgefordert, die Bühne zu betreten und dort nach Herzenslust etwas zu tun, was dem Zuschauer im Theater sonst streng untersagt ist – zu rauchen. So endet diese Macbeth-Derniere in einer Art Happening oder anders gesagt in einer Verbrüderung von Schauspielern und Zuschauern. Sebastian Hartmann, der weit hinten im Zuschauerraum die Aufführung verfolgt hat, scheint es zu gefallen. Etwas schade sicher für alle, die diesen Macbeth noch nicht gesehen haben, daß sie nun den Auftritt von Lady Macduff und die endgültige Niederlage von Macbeth verpassen, und auch der versierte Macbeth-Besucher ist ein bißchen traurig, daß er nicht noch einmal Henrike von Kuicks Schrei, die wahnsinnige Lady Macbeth, das Marschieren von Birnams Wald, das Feuer-und Nebelspiel der vorletzten Szenen oder den abschließenden Film mit den springenden Walen erleben darf. Freilich, auch dieses ungewöhnliche Ende der Vorstellung wird im Gedächtnis bleiben.

Vielen Dank ans Centraltheater für diesen Macbeth, der nun leider Geschichte ist.