mit brennendem herzen in finsteren zeiten – sascha hawemann inszeniert brecht im dortmunder megastore

Das Dortmunder Schauspiel spielt zur Zeit in einer Megastore getauften Halle irgendwo zwischen Großgewerbe und Kleingärten. Die Zuschauer kommen trotzdem und irgendwie scheint die Halle als Spielort einen neuen Blick zu ermöglichen – einen demokratischeren, un-diktierteren. Auf jeden Fall ist der Raum wie gemacht für die Brecht’sche Versuchsanordnung Furcht und Elend des Dritten Reiches. Und für Sascha Hawemanns verlorene Seelen.

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

In mehr als 30 Szenen führt der Dichter nationalsozialistischen, deutschen Alltag vor. Sascha Hawemann nimmt aus der Fülle des Materials – das im englischen den sprechenderen Titel Private Life of the Master Race trägt – vor allem die Szenen, die tatsächlich im private life spielen: Im janz normalen Alltach von de janz normale Leute. Und bringt den Grusel damit genau dorthin: zum Zuschauer.

Die Bühne, die Wolf Gutjahr in den Megastore gebaut hat, macht aber erstmal auf Distanz. Ein Graben zieht sich quer durch die Halle – gefüllt mit ledernen Koffern und zerfledderten Papieren. Dahinter: Ein weiter Spiel-Raum. Noch dahinter: ein kleines Kino mit Leinwand. Daneben: ein Klavier, daran der Musiker Xell.

Die Kunst muss da einsetzen,
wo der Defekt liegt

Brecht persönlich erklärt gleich zu Beginn, wie das nochmal mit der Verfremdung und dem Erkenntnisgewinn in seinem Theater funktioniert – mit dicker Brille und Zigarre ist Uwe Schmieder agitierender Conferencier, quirliger Szenen-Arrangeur und antreibender Regisseur in Personalunion. Später wird er mit Brechts Worten » An die Nachgeborenen vorm Spiegel am Bühnenrand müde seine Maske ablegen – ein eindrücklicher, trauriger Abschied – in Großbild übertragen auf die Leinwand des Bühnen-Kinos.

Aber zunächst dirigiert er sieben Schauspieler, einen Musiker und drei gleichgroße Zimmer auf Rollen über die Bühne – sie werden von den Spielern hin- und her und aus dem Bild geschoben, wiedergeholt, neu sortiert. Und wie die Räume sortieren sich auch die Szenen und Figuren ständig neu zu- und wieder auseinander: Der Ehemann, der unabsichtlich? den Nachbarn denunziert, das Zimmermädchen, dass den SS-Freund anhimmelt, das SS-Arschloch, das den arbeitslosen Arbeiter zu kompromittieren sucht, der Richter, der nicht weiß, wie er urteilen soll, wenn ihm das keiner sagt.

Die SS trägt Adidas

Diese ersten Szenen kommen mit pointiertem Spiel und parodierender Ausstattung – das Personal steckt in schrägen Baumwoll-, Samt- und Dederon-Trainigsanzügen – geradezu verdächtig harmlos-unterhaltsam daher. Doch im Hintergrund lauert Brecht himself und lässt seine Spieler wiederholen, neu spielen, intensivieren und die Zuschauer keine Sekunde im Glauben, mit dem Ganzen könne nichts weiter bezweckt sein und es käme nicht noch ganz dicke.

© Birgit Hupfeld

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Den Spielern zuzusehen, ist aber durchweg eine große Freude. Wie schon in Hawemanns letzter Dortmunder Inszenierung Eine Familie im vergangenem Jahr spürt man in jeder Szene, wie gut Team und Regie zusammen funktionieren. Ein Schauspieler und Seelen-Regisseur ist der Sascha Hawemann. Da gibt es kein pures als-ob auf der Bühne – das Vor-spielen wird immer auch mitgespielt. Und dennoch – oder deswegen? – sind die Schauspieler ganz nah an den Figuren und diese Bühnenmenschen von großer Wahrhaftigkeit.

Kaum merklich werden die Wechsel rascher, die Bilder und Szenen verschränken sich mehr und mehr, legen an Intensität zu. Die Figuren tauchen in neuen Zusammenhängen auf und schreiben so in unterbrochenen Linien ihre Geschichten in den Abend. Und je fröhlicher Xell an Piano, Akkordeon, Klarinette musiziert, desto böser wird’s. In der allerfröhlichsten Stimmung erzählt ein jungvermähltes Paar (Bettina Lieder und Frank Genser) vom grausamen Massenmord in Babij Jar, als beschrieben sie ihre gelungene Mega-Hochzeitsparty.

© Birgit Hupfeld

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Dieser schreiende Kontrast ist kaum auszuhalten – genau wie der folgende, aber eher stumme: wenn der – wie die ukrainischen Juden kurz vor ihrer Erschießung nur noch weiß beunterhoste – Brecht einen hell strahlenden Christbaum in den Lärm einer Bombennacht schiebt. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus – zu nah beieinander liegen Schein und Sein, Hass und Liebe, Gewalt und die Sehnsucht nach Frieden. Und ganz nah am Zuschauer das Geschehen auf der anderen Seite des Grabens.

Hawemann wäre nicht Hawemann, lägen unter der Oberfläche nicht noch viele weitere Schichten verborgen. Großartig die Szene, in der sich Carlos Lobo vom Familienvater, der fürchtet, der eigene Sohn könne ihn denunzieren, in den gründgens’schen Mephisto verwandelt. Zutiefst berührend jene, in der sich der arische Arzt (Andreas Beck) und seine jüdische Frau (Friederike Tiefenbacher) eine ewige Minute lang stumm NICHT voneinander verabschieden. Und Brecht zählt die Sekunden … achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig … und (ein ganzes Leben): aus.

© Birgit Hupfeld

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Die Geschichte der beiden zieht sich wie die Musik Xells als roter Faden durch diesen Abends. Und da steckt alles drin: die Furcht und die Verzweiflung genauso wie die Absurdität und das das-wird-schon-nicht-so-schlimm und das das-ist-bald-wieder-vorbei. Das ganz große Grauen und das kleine Elend.

Ein zutiefst pessimistischer Abend? Ja, der Fall scheint hoffnungslos. Manche Lehren wollen einfach nicht gezogen werden. Aber – und auch hier wäre Hawemann sonst nicht Hawemann – ist da eine mindestens genauso große Liebe zum Leben und – trotz alledem oder deswegen – zu den Menschen. In diesen finsteren Zeiten braucht es genau solche brennende Herzen.


» Furcht und Elend des Dritten Reiches
Bertholt Brecht. Regie: Sascha Hawemann. Schauspiel Dortmund
Mit: Andreas Beck, Raafat Daboul, Frank Genser, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Uwe Schmieder, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Alexander Xell Dafov

Die nächsten Vorstellungen am 16. und 21. Dezember sind schon ausverkauft, für Januar und Februar gibt es noch Tickets ;)