Niklolaus Habjan | Böhm, euro-scene Leipzig

ich bin’s nicht! ein künstlerleben zwischen musik und nazis als grandioses puppenspiel aus graz

„Saagst den Leuden, sie soll’n wäggeeehn, biiidte …“ fleht der alte Mann im Rollstuhl seinen rumänischen Tagespfleger im schönsten Grazer Dialekt an. „Ich bin’s nicht!“, jammert er weiter. Der Puppenführer in der Rolle des Pflegers ist der Grazer Künstler Nikolaus Habjan, und der, mit dem der Alte keinesfalls verwechselt werden möchte, ist der Dirigent und Generalmusikdirektor Karl Böhm – das Sujet von Habjans aktuellem Stück, mit dem er vor ausverkauftem Schauspielhaus bei der euro-scene gastierte.

 

Böhm © Lupi Spuma Fine Photography

Böhm © Lupi Spuma Fine Photography

Karl wer? In Österreich und unter Kennern der klassischen Musik ist Böhm kein Unbekannter. Der Grazer Dirigent leitete von 1934 bis 43 die Dresdner Semperoper und bis 1945 die Oper in Wien – bevor er wegen zu großer Nähe zum Naziregime seinen Posten – vorerst – räumen musste. Ein leidenschaftlicher und begnadeter Musiker, ein gefürchteter Orchesterleiter, aber eben auch ein berechnender Karrierist, der seine Kunst ohne mit der Wimper zu zucken in den Dienst der Nazis stellte, wo immer er davon profitieren konnte.

Der Musik muss das Politische egal sein

Eine schillernde, zwiespältige Figur, der sich Autor Paulus Hochgatterer und Regisseur und Spieler Nikolaus Habjan in einem an Graustufen und Schattierungen reichen und überaus virtuosen Abend nähern.

Aber ist der Alte, der einsam im Rollstuhl in seinem 50er-Jahre-Arbeitszimmer hockt und nur noch dem Schallplattenspieler den Einsatz gibt nun der Karl Böhm? Ist er eine Art Alter-Ego des 1981 Verstorbenen? Oder doch nur ein in die Jahre gekommener, von Böhm besessener Fan, der gern selbst in die Musik gegangen wäre, aber die Umstände … ? Das bleibt hier, wie vieles andere auch, klug in der Schwebe.

Bevor es nicht dasteht, haben Sie nicht zu crescendieren!“

Jedenfalls faltet der alte Böhm selbst die unsichtbaren Musiker auf Vinyl so despotisch und pointiert zusammen, dass man zwar keinesfalls unter ihm die zweite Geige oder gar die Oboe hätte spielen wollen, sich als Zuschauer aber herrlich amüsiert. Wenn auch nicht ganz ohne schlechtes Gewissen. An anderen Stellen läuft es einem hingegen direkt kalt den Rücken hinunter. Etwa wenn Böhm seinem Konzertmeister rät, was zu tun sei, wenn das Politische auf ihn zukommt:

… Schauen’S in die Noten! Und sehen, was Sie von den Leuten kriegen können.

… während draussen schon die Synagogen brennen. Oder, wenn im Surround-Sound das Juden raus durch die Dresdner Semperoper anno Paarunddreißig resp. das Leipziger Schauspiel 2108 schallt. Oder wenn der schon greise Dirigent im silbrigen Lichtspot den Stab hebt. Nur einen Böhm-Puppenkopf führt Habjan jetzt noch, gespenstisch hält er ihn mit der Linken vor das eigene Gesicht.

 

Böhm © Lupi Spuma Fine Photography

Böhm © Lupi Spuma Fine Photography

Insgesamt 15 Figuren erweckt Nikolaus Habjan in den knapp 2 Stunden Spiel zum Leben – im fliegenden Wechsel zwischen verschiedensten Puppen (die er alle selber baut) und den unterschiedlichsten Tonlagen und Dialekten. Jeder Musikeinsatz, die Auswahl jedes Musikstücks, die Größe und Art der Puppen – alles ist genau durchdacht und wirkt trotzdem so leicht, als wolle sich alles ganz von selbst ineinander fügen.

In Wahrheit kannst du dir gar nichts aussuchen.

Selbstverleugnung und Zweifel, Vorwürfe und Ausreden, Eitelkeit und Selbstmitleid, Zerbrechlich- und Einsamkeit – Hier ist nichts Schwarz/Weiss, nicht ausschließlich gut oder nur böse. Neben der Aversion ob des widerlichen Opportunismus Böhms ist immer noch Platz für eine Sympathie, trotz – oder eben wegen – seiner Schwächen. Eine Sympathie, bei der man sich aber auch gleich wieder fragt – geht denn das jetzt? Darf man da Mitleid haben?

Welch Dunkel hier, welch grauenvolle Stille …

Am Ende trägt der Puppenspieler sein Geschöpf mit großer Sorgsam-, wenn nicht gar Zärtlichkeit von der Bühne. Dass dann noch eine Böhm-Büste mit lautem Knall vom Sockel gestoßen wird, dafür hätte sich der sonst so kluge und subtile Abend der Zwischentöne eigentlich zu schade sein müssen. Das ist aber auch wirklich der einzige Kritikpunkt. Lauter Beifall und Standing Ovations. Wenn ihr den Habjan irgendwo sehen könnt, geht’s hin!

Aktuelle Termine findet ihr hier.


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Von Paulus Hochgatterer. Regie und Spiel: Nikolaus Habjan.
Ein Gastspiel des Schauspiels Graz zur euro-scene Leipzig