nordkurve #7: phantasie befähigt – die unendliche geschichte am thalia theater

Phantasién ist in Not. Die Kindliche Kaiserin ist krank und wenn kein Menschenkind kommt, um ihr einen neuen Namen zu geben, wird das Nichts alles verschlingen. Dann steht’s nicht nur schlecht um das Reich der Phantasie, sondern zugleich auch um die Menschenwelt, denn die Bewohner Phantasiéns werden dann nicht, wie sonst üblich, zu Wundern und Geheimnissen werden, sondern zu Lügen und Wahnvorstellungen in den Köpfen der Menschen.
Auf den großen Bühnen ist endlich wieder Märchen-(und so)-Zeit und das Thalia Theater hat sich dieses Jahr wagemutig Die Unendliche Geschichte von Michael Ende vorgenommen – Regie führt Rüdiger Pape.

In der hiesigen Bühnenfassung des vielgeliebten Romans weiß der Antiquar mit den drei K’s – Karl Konrad Koreander (Marina Wandruszka) – um das Geheimnis Phantasiéns und stiftet den in der Menschenwelt eher nicht so erfolgreichen, dafür aber sehr Phantasie-affinen Schüler mit den drei B’s – Bastian Balthasar Bux (Steffen Siegmund) – dazu an, in die Unendliche Geschichte einzutauchen und mit Atréju (Pascal Houdus) auf die große Suche zu gehen. Ziel: Die Rettung des phantasischen Reiches und also auch die Menschenwelt.

Ich möchte doch wissen, was in so einem Buch los ist, wenn es zu ist.

Die phantasischen Doktoren. (c) Krafft Angerer

Die phantasischen Doktoren. (c) Krafft Angerer

Welch phantas(t)ischer Reigen ergießt sich da über die berühmten Bretter, die heute einmal mehr die Welt bedeuten! Die acht Spieler heizen durch insgesamt 27 Rollen – mit aberwitzigen Kostümen von Fatsuit bis Bambusstock (Kostüme: Andy Besuch) und mit eleganten Übersetzungen der scheinbar unmöglich zu inszenierenden Bewohner Phantasiéns. So zeigt sich Morla, die uralte Sumpfschildkröte (Herrlich vital: Christina Geiße), als verschlagenes Schicki-Micki-Weib am Rollator. Ygramul, die Viele, tritt als dreifach besetzter Giftrohr-Dschungel-Kämpfer (oder so) in einem großen, als Wabe anmutendem Rund auf. Atréju und sein Pferd Artax (Paul Grote) tollen als abenteuerlustige, mitunter dem Slapstick verfallene Raufbrüder mit großem Herzen durch die Gegend und Bastian stützt mitlesend, mitfiebernd und voller Schaffensdrang die ganze Geschichte, bevor er schlussendlich selbst zum phantasischen Akteur wird. Und natürlich fegt da auch noch Gmork, der Werwolf (Paul Schröder), im schwarz-blauen Mantel, mit gegeltem Haar und glänzenden Stiefeln beständig schnüffelnd und recht cholerisch dem Atréju hinterher, um seinen Auftrag zu vereiteln – freilich ohne Erfolg, wenn auch knapp.

Das Bühnenbild von Constanze Kümmel unterstreicht dabei sehr logisch Bastians Übergang ins phantasische Reich. Anfangs dominiert das aus Büchern zusammengestapelte Antiquariat, über dem sich mit Lesebeginn in zweiter Ebene der Haulewald, anschließend dann eine Kammer des Elfenbeinturms öffnen. Später sitzt Bastian nur noch auf einem Bücherstapel am Rande des Geschehens, bevor er dann Atréju in einer herzzerreißenden Pantomime am Zauberspiegel im Südlichen Orakel begegnet und anschließend ganz ins phantasische Reich eintaucht.

Sowohl Bühnenbild als auch die liebevoll-zeichnerisch gearbeiteten Videosequenzen Sami Bills geben gerade genug Anregung, um sich in Ort und Vorgehen einzufühlen, der Rest sei der hier besungenen Phantasie überlassen.

Und so verhält es sich auch mit der Handlung, denn die so herrlich ausufernde und wirklich fast unendliche Geschichte Michael Endes ist in der Bühnenfassung großzügig, aber glücklicherweise recht klug zusammengestrichen.

Begegnung im Zauberspiegel: Bastian und Atréju. (c) Krafft Angerer

Begegnung im Zauberspiegel: Bastian und Atréju. (c) Krafft Angerer

Los, komm, Atréju, nur noch ein paar Seiten!

ruft Bastian gegen Ende und ein wenig scheint es, als hätte dies auch die Regie in den letzten Proben rufen müssen, denn die liebevolle Kleinteiligkeit, die im Stück anfangs dominiert und zu begeistern weiß, weicht später einer leichten Hast, die sich auch im Bühnenbild niederschlägt. So gerät die inhaltlich so wichtige Begegnung zwischen Atréju und Gmork in der Spukstadt zum schnell hingeworfenen Informationsaustausch und auch die Kindliche Kaiserin (Marie Jung) ist dann eher locker-lässige Kumpelina vom Sportplatz denn sanft-wissender Mittelpunkt Phantasiéns.

Dies kann und soll die Qualität der Inszenierung jedoch nicht wirklich schmälern – die starke Schlussszene, in der Bastian in kraftvollen, gerade-aus-der-Handlungsunfähigkeit-erwachten Bewegungen sein neues Phantasién an die Wand zaubert, entschuldigt vorangegangene Holprigkeiten.

„Phantasie befähigt – hab Mut, dich ihrer zu bedienen“ mag nun das Fazit dieser Inszenierung sein: Eine zauberhaft großartige Botschaft für die vielen Kinder (und womöglich noch mehr für die Erwachsenen), die die nächsten Wochen dieses Stück besuchen werden – nur, wie klug ist erst der zweite, leider gestrichene Teil: Der Realitätsverlust, den Bastian in Phantasién erleidet und das Ringen um die Verbindung (und Gesundung) beider Welten – der phantasischen und der der Menschen.

Demjenigen, der die vollständige Unendliche Geschichte sucht (sofern dies denn möglich ist), der komplett abtauchen will in die phantasischen Weiten – dem sei dringend die Lektüre des Romans empfohlen. Allen anderen sei herzlichst angeraten, sich in den nächsten Wochen ins Thalia Theater aufzumachen und sich dieses bunte Zauberspektakel anzuschauen – es lohnt sich!


Die Unendliche Geschichte
Regie: Rüdiger Pape.
Mit: Christina Geiße, Paul Grote, Pascal Houdus, Marie Jung, Paul Schröder, Steffen Siegmund, Milena Straube, Marina Wandruszka
Nächste Vorstellungen am 11., 29. November, 2., 3. Dezember, Thalia Theater Hamburg


Unsere frischgebackene Autorin franzjakk hat bis vor kurzem noch in Leipzig gelebt und die dortige Theaterwelt ergründet und bereichert. Aufgrund nötigem Tapetenwechsels und neuer Perspektiven wohnt sie nun aber in Hamburg und bleibt uns fortan über die Nordkurve verbunden. „Nicht nur über die Nordkurve, auch über jede Menge wärmste Gedanken und so!“ ruft sie, bevor sie mit ihrem Schiff den Lindenauer Hafen verlässt. „Und sag den Lesern, ich mach das hier zum ersten Mal, also sollen die mal nachsichtig mit mir sein!“ schallt es noch hinterher.

Was franzjakk neben Theatergeschichten schreiben noch so macht, könnt ihr auf ihrer Website erkunden: www.franzjakk.com