nüscht und alles und alles und nüscht – sebi hartmanns revisor am schauspiel frankfurt

Irgendwie staunt man ja jedesmal aufs Neue, wie der Hartmann es schafft, sich mit einer Überdosis des schönsten Klamauks inklusive selbstreferentieller Ironisierung dem Geschichten-Erzählen konsequent zu verweigern, um dann trotzalledem oder genaudeswegen mitten in des Stückes Kern punktzulanden und damit auch noch so manchen wunden Punkt zu treffen. So auch am letzten Samstag am Schauspiel Frankfurt.

Also vorweg: Gogols Komödie findet hier – erwartungsgemäß – nicht (mehr) statt. Um den schönen Schein geht es, um Lug und Trug und Beschiss, aber mehr noch um die Erwartungen des Publikums an das Theater und immer wieder werden die unterlaufen, gebrochen und wieder gebrochen.

In diesem Sinne hat Hartmann ein herrliches Durcheinander auf der Frankfurter Bühne angerichtet. Ein Eulenspiegelkabinett ohne Spiegel, einen „LSD-Palast“ in dem sich schwarzweiße und blaugolden gestreifte, gezickzackte Wände gegeneinander verschieben und ständig neue Räume entstehen lassen. Und wie der Raum so schön morpht, so wechseln hier auch die Kostüme und die Rollen: Im großartigen, spiellustigen Ensemble ist jeder ist jeder, einer ist alle und alle sind einer und sie selbst sind alle sowieso auch immer.

Der Revisor macht sich .. nicht nackig. © Birgit Hupfeld

Der Revisor macht sich hier … nicht ganz nackig. Max Mayer und Ensemble. © Birgit Hupfeld

Vor allem aber sind die Szenen so kunterbunt durcheinandergewürfelt, wie die Revisor-Buchstaben-Würfel in der Schlussszene. Gogols Geschichte? Kennen wir doch alle! Kein Geheimnis, dass der falsche Revisor am Ende brieflich die feine Gesellschaft schmählich verhöhnt, die ihm bereitwillig auf den Leim ging und ihm neben reichlich Schmiergeld sogar die höhere Tochter nachgeworfen hat. Kann man den Schluss also auch schon mal eben in der Mitte spielen, weil …

… das ist erst im fünften Akt, aber den spielen wir nicht. Haben wir ja jetzt auch schon.

Wir versuchen’s trotzdem mal der Reihe nach. Noch bevor es aber überhaupt losgeht und Sascha Nathan souverän das Gewirr aus Ljapkin-Tjapkins, Dobtschinskis und Bobtschinskis, Schpekins und Chlopows in Gogols Personage noch verwirrender macht, ist die janze Jesellschaft in Frack und Zylinder bereits sinnbildlich mehrmals zu Fall gekommen. Und flüchtet vor der drohenden Revision erstmal von der Bühne.

Ein Lügenlied für die Welt © Birgit Hupfeld

Ein Lügenlied für die Welt © Birgit Hupfeld

Auf welcher Holger Stockhaus dann Stadthauptmann, Spitalsdirektor, stille-Postmeister, Gutsbesitzer und Richter in wechselnden Dialekten als hochkomische One-Comedian-Show mimt. Da ist der Herr Stockhaus natürlich in seinem Element – egal, ob er den Schulinspektor blasiert näseln lässt, die sterbende Stubenfliege gibt, als Mr. Money über die Bühne schleicht oder mit der vierten Wand spielt. Oder gen Ende das Theater aus dem „Nüscht“ erschafft, in dem dann natürlich – Wie herrlich! Dit is Theata! – nüscht passiert. Kennt man, stimmt schon. Ist aber jedesmal großartig.

Und überhaupt (Vergesst die Chronologie ;): Diese tollen Schauspieler! Geben allesamt dem Affen Zucker. Ganz groß, wie z.B. Max Mayer vom Revisor zum Autor selbst wird – „klar, den Revisor von Gogol hab‘ ich auch geschrieben. Die Bibel? Jaa …“ und dabei – Oh nein! Nacktheit auf der Bühne! – eine Hülle nach der anderen fallen lässt und nie ist es die letzte. Oder wie Katharina Bach, Linda Pöppel und Franziska Junge sich im wilden Bart-an-Bart-ab Wechsel um Kopf und Kragen improvisieren und dabei – „ich brauch ein bisschen mehr Struktur, ich bin aus dem Osten!“ –  die Improvisation selbst persiflieren. Und dann mit Ansage aus dem vierten zack! zurück in den dritten Aufzug springen.

Eindringlich, wie Jan Breustedt verzweifelt, nackt und mit den Buchstaben „Frankfurt“ in Fraktur auf dem Kreuz über die Bühne rennt – in panischer Angst „nicht lesbar zu sein“. Oder wie Sascha Nathan sich in der revisorischen Leidenschaft für Rumkugeln … na, was wohl? Rumkugelt. Oder, oder, oder … Hier wird jede An-Spielung aus-gespielt. Gnadenlos. Wort-Spiele im Wort-Sinn. Und dazu klampft Steve Binetti als Ruhepol im Farbenrollenwortspieldurcheinander mal vom Bühnenrand, mal in der Mitte, mal mit allen an der Rampe, aber immer schön melancholisch.

Ein Lügenlied für den Himmel © Birgit Hupfeld

Und ein Lügenlied für den Himmel © Birgit Hupfeld

Wir halten uns doch für jemand anders als wir sind

Das macht Heidenspaß und ist dabei doch nie nur eitel Jux und Dollerei. Im Gegenteil: Eine Eulenspiegelei. Immer wieder blitzt auf, dass es hier um etwas geht: Um Schein und Sein, um Spiel und Ernst. Das ganz und gar ernsthaft gerungen wird um eine Haltung zum Theater und damit zur Welt, auch wenn Hopfen und Malz fast verloren scheint:

Denn wenn sich am Ende die Revisor-Kapelle When the Saints go marchin‘ in bluest und die Schauspieler sich mit Heiner Müllers Hamletmaschine – etwas überstrapaziert grad, aber hier doch überaus passend – eindrücklich weigern, noch länger eine Rolle zu spielen, findet am Bühnenrand eine Beisetzung statt. Und es ist vermutlich nicht nur der fünfte Akt, dort begraben wird.


» Der Revisor
Schauspiel Frankfurt, Regie: Sebastian Hartmann
Mit: Katharina Bach, Franziska Junge, Linda Pöppel, Jan Breustedt, Isaak Dentler, Max Mayer, Sascha Nathan, Holger Stockhaus und Steve Binetti.
Nächste Termine: 6. März (Um 16 Uhr = Rückfahrt nach Leipzig: check!), 9., 11., 14. und 31. März sowie am 6. April.