L’Africaine Teil 2 | Oper Halle

oper goes performance, europa nach afrika

Nach einer eher originalgetreuen Inszenierung der Meyerbeerschen Oper Anfang der Spielzeit folgt nun der zweite von vier Teilen bzw. Überschreibungen und dieser macht aus der Grand Opera einen anregenden Performance-Abend.

Im Oktober hatte ich hier über ein Projekt an der Oper Halle berichtet, das den etwas sperrigen Titel » I like Africa and Africa likes me – I like Europe and Europe likes me“ trägt. Dabei geht es darum, Giacomo Meyerbeers Oper „L’Africaine“ im Laufe der Spielzeit in vier unterschiedlichen Versionen auf die Bühne zu bringen und diese dabei einer zunehmenden Befragung und Dekonstruktion auszusetzen. Dies soll nach dem Schema eines afrikanischen Reinigungsrituals ablaufen, das folgende Stufen umfasst: Auseinandersetzung mit den Ahnen, Versöhnung, Reinigung, Verwandlung. Die Auseinandersetzung mit den Ahnen zu Beginn der Spielzeit war eine über weite Strecken originalgetreue Aufführung der Meyerbeer-Oper.

L'Africaine II © Falk Wenzel

L’Africaine II © Falk Wenzel

Nun folgte also Teil 2 –Versöhnung. Die fünf Performer, die ja schon angekündigt hatten, dass es um „Entkolonialisierung“ gehen soll, bekommen nun deutlich mehr Raum in der Aufführung. Von der eigentlichen Oper bleibt an dem knapp anderthalbstündigen Abend nicht sehr viel übrig. Die Handlung wird über Videoprojektion noch einmal als Text in Kurzfassung eingeblendet, auch alle Figuren sind in den aus dem Herbst bekannten Kostümen auf der Bühne anwesend, Musik und Gesang aber werden nur bruchstückhaft dargeboten, so wie es den Performern in ihr Konzept passt.

Bereits in der ersten Version war ein „Akephalisch reguliertes anarchistisches Komitee zur Entkolonialisierung des Geistes“ auf der Bühne, das nun eine tragende Rolle bekommt. Es beschäftigt sich ausgiebig mit verschiedenen Aspekten des europäisch-afrikanischen Verhältnisses. Hier besteht eine gewollte Ähnlichkeit zur Wahrheits- und Versöhnungskommission, die es in den 1990er Jahren in Südafrika gab. Es geht nicht um Verurteilung des anderen, sondern um seine Wahrnehmung und Anhörung. Da taucht z.B. die Idee auf, dass der Ursprung der Oper im afrikanischen Orfuwafemi-Kult liegen könnte – eine Idee, die man bereits bei Christoph Schlingensief finden kann.

Oder es wird neben dem bereits erwähnten Anton Wilhelm Amo noch ein weiterer afrikanischstämmiger Deutscher erwähnt – der preußische Militärmusiker Gustav Sabac al Cher (1868 -1934). Ein ganz interessanter Gedanke ist die Überlegung, dass die großen Entdeckungsreisen im 15. und 16. Jahrhundert, von denen diese Oper am Beispiel Vasco da Gamas erzählt, eigentlich aus wirtschaftlichen Gründen geführt wurden: Die Europäer waren auf der Suche nach Rohstoffen und Absatzmärkten.

Beispielhaft werden Szenen aus der Oper herausgegriffen und Passagen gesungen und gespielt, die genau das belegen. Fast makaber wird es, wenn im Operntext vom heimatlichen Ufer des Tejo Abschied genommen wird, man aber per Video Bilder von einem kenternden Flüchtlingsboot im Mittelmeer gezeigt bekommt. Die Ahnen des ersten Teils – Giacomo Meyerbeer und Sarah Baartman – sind auch wieder dabei. Man erfährt, dass die sterblichen Überreste von Sarah Baartman, die lange Zeit im französischen Naturkundemuseum ausgestellt waren, erst 2002 in Südafrika bestattet werden konnten. Ebenso erwähnt wird der rücksichtslose Umgang mit afrikanischen Kunstwerken, die in der Kolonialzeit in europäische Museen geschafft und dort zum Teil bis heute gezeigt werden.

Insgesamt also ein Abend, der viele Themen anspricht, über die man nachdenken sollte. Themen, die für eine Entkolonialisierung wichtig sind. Mit diesem Zugriff erfolgt aber auch eine weitgehende Dekonstruktion der Oper. Vom Regieteam ist das natürlich gewollt, manch Zuschauer hat damit vielleicht seine Probleme, manch Künstler vielleicht auch.

So wundert man sich nicht, dass gegen Ende des Abends ein Mitglied des Chores seine Maske ablegt und sagt, der Chor wäre unzufrieden. Der Tenor auch, murmelt dieser. Mag sein, sagt darauf einer der Performer (Lionel Poutaire Somé), aber nun habe eben das Regieteam die Bühne übernommen und die Sänger müssten sich da einordnen. Dass dabei aus dem manchmal etwas überholt wirkenden Format der Grand Opéra ein ungewöhnlicher Performanceabend wird, ist einer der spannenden Aspekte an diesem Projekt der Oper Halle.


» L’Africaine II BOO A SAN PKAMINÉ (Versöhnung)
Musikalische Leitung Michael Wendeberg. Arrangements / Komposition Richard van Schoor. Inszenierung, Textbuch und Video Thomas Goerge, Lionel Poutiaire Somé. Ausstattung Daniel Angermayr. Raumbühne Sebastian Hannak. Sound Design Abdoul Kader Traoré. Dramaturgie Philipp Amelungsen / Michael v. zur Mühlen. Mit Matthias Koziorowski, KS Romelia Lichtenstein, Liudmila Lokaichuk, Daniel Blumenschein, Robert Sellier, Ki-Hyun Park, Gerd Vogel, Michael Zehe, Lionel Poutiaire Somé, Abdoul Kader Traoré, Rosina Kaleab, Karmela Shako, Frank Ramirez, Thelma Bouabeng, Serge Fouha, Peggy Klemm, Christina Mattaj, Kristian Giesecke, Andreas Guhlmann, Sebastian Byzdra, Maik Gruchenberg, Till Voss, Hwa Young Chun und Chor und Extrachor der Oper Halle, Staatskapelle Halle.

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