robert borgmann macht oper, carsten rüger macht licht – così fan tutte in berlin

Wenn ein Schauspiel-Regisseur Mozart inszeniert, dann traut sich auch der Schauspiel-Blog mal Musiktheater. Und kam zwar immer noch fachfremd aber doch überraschend beglückt aus dem Premierenabend an der Deutschen Oper Berlin.

© Bernd Uhlig

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So machen sie’s alle? Kaum ist der Liebste aus den Augen, hat SIE auch schon den nächstbesten Gigolo im Arm. Meint zumindest der abgeklärte Intrigant Don Alfonso und treibt die beiden jugendlichen Liebhaber Guglielmo und Ferrando in ein falsches Spiel und nebst ihren Damen Dorabella und Fiordiligi beinah in den Wahnsinn: Verkleidet setzen sie alles daran, unerkannt (Who knows, why this works – but, hey, we’re at the opera …) die Liebste des jeweils anderen zu verführen. Was – nach mehr oder weniger starkem Widerstand – tatsächlich gelingt. So die Story.

© Bernd Uhlig

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Eine recht unopernhaft leere Bühne erwartet die Zuschauer in der Deutschen Oper Berlin. Während der Ouvertüre überspannt ein gelber Vorhang dieselbe in ganzer Breite, darauf in großen Lettern: YOUTH. Los geht’s, als dieser Vorhang (bzw. die Jugend) fällt. Er liegt fortan sehr dekorativ am Boden. Ansonsten gibt es auf der großen, dunklen Bühne nur noch ein großes, na sagen wir, Gestrüpp.

Schon hier wird sicht-bar, aus welchem Stoff dieser Abend ist. Regisseur Robert Borgmann, in Leipzig u.a. bekannt für eine düster-atmosphärische Gespenster-Inszenierung, ist auch für die Bühne verantwortlich und nimmt Mozarts Oper von der optischen Seite. Farben, Lichtreflexe, Spiegelungen sind hier gleichwertige Akteure und nicht nur schmückendes Beiwerk. Mal deutet die einzige Kulissenwand mit Tapete und Spiegel einen Palazzo in Neapel an, gleich darauf verwirren Linien aus Licht. Dann scheint der Bühnenboden wie das stille Wasser eines tiefen Sees, dem keiner bis auf den Grund blicken kann. Das Bühnekarussell im zweiten Teil präsentiert eine Ölpumpe, hohe Stellwände, Spiegel, Stühle und einzelne Buchstaben, die sich am Ende zum Wort SILENCE sortieren. Mehr Installation als Spielraum ist das.

Diese Bilder, die fast unmerklicher Bewegung vor uns auftauchen und wieder verschwinden, verweigern sich geradliniger Interpretation und entwickeln gerade dadurch einen fasznierenden Sog. Sie geben Rätsel auf und versetzen die Darsteller, die mit viel Spielfreude zwischen romantisch und komisch durch ihre abstruse Geschichte stolpern und sich wie vorgeschrieben in den schönsten Gefühlsverwirrungen verfangen, in einen befremdlichen, ja einen dissonanten Raum.

© Bernd Uhlig

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Ein eigentümliches Gesamtkunstwerk der Gegensätze ist das: Düster und lebensfroh, leichtfüssig und schwermütig, witzig und dramatisch. Die Bühne, die sich ebenso beharrlich dreht, wie sie sich gängiger Opernkulissenbebauung verweigert. Die farbintensiven und sprechenden Kostüme (die – nicht nur, aber dankenwerterweise auch – die Zuordnung der Paare selbst vom Rang aus möglich machen ;). Und das Licht! Das Licht, das subtile Stimmungen schafft, die Handlung kommentiert, sie kontert und das bisweilen einfach zauberschön ist. Und für das der Licht-Chef des Schauspiels Leipzig Carsten Rüger verantwortlich zeichnet – Che dire? Magnifico!

Dazu ein Spiel, das die Figuren zwar recht klassisch, aber mit viel Witz und Esprit zeichnet. Die ganz wunderbar-hintertriebene, lasziv-freche & sexy Despina Alexandra Hutters muss hier gesondert erwähnt werden! Dazu Videos, in denen die Gesichter ungeschminkt schon etwas zeigen, von dem die Handelnden auf der Bühne noch gar nicht wissen, das es in ihnen schlummert. Und natürlich Mozarts Musik, die herrlich ist, ganz klar, am herrlichsten aber, wenn sie frisch gegen den Text gesetzt ihre ganz eigenen Pointen hat.

Am Ende sind – wie könnt es anders sein – alle recht desillusioniert und zumindest die abtrünnigen Damen und der Chor sind nicht nur im Alltag sondern sogar in Alltagskleidung angekommen. Dass nach dieser intriganten Nummer noch jemand Lust auf Heiraten hat … Aber vielleicht macht eine Hochzeit ja auch erst jetzt Sinn und hat Aussicht auf Erfolg: wenn nämlich zum einen alle Masken und somit zum anderen die Protagonisten aus dem siebten Himmel der eigenen Erwartungen gefallen sind.


» Così fan tutte
Deutsche Oper Berlin. Musikalische Leitung: Donald Runnicles. Regie & Bühne: Robert Borgmann.
Kostüme: Michael Sontag. Video: Lianne van de Laar. Licht: Carsten Rüger

Nächste Vorstellungen am 1., 8., 11. und 14. Oktober