Mein Freund Harvey | Schauspiel Leipzig

zu kurz gesprungen, hase – die neue schauspiel-komödie kann nicht so recht überzeugen

Dass das hier wohl nicht nur ein lockerleichter Boulevard werden soll, sieht man auf den ersten Blick. Dafür hat das Zuhause der Familie Dowd, das sich später in ein Sanatorium (und zurück) verwandelt, eindeutig schon bessere Tage gesehen: die Oberlichter sind verdreckt und lassen nur noch diffuses Licht ein, Laub weht über den Boden, an den Wänden bröckelt der Putz. Und auch sonst scheint etwas nicht zu stimmen mit diesen Räumen, die - unbemerkt von den Figuren in Mary Chases Komödie - ganz eigene Rollen spielen. Leider ist das aber auch schon ziemlich das Interessanteste in der Inszenierung Mein Freund Harvey am Schauspiel Leipzig.

Mein Freund Harvey @ Rolf Arnold
Mein Freund Harvey @ Rolf Arnold

Ein nicht ganz wirklicher Ort ist das also und wie um diesen unwirklichen Eindruck noch zu verstärken, lässt Regisseur Enrico Lübbe eine Figur durch den Abend geistern, die es im Stück gar nicht gibt. Tilo Krügel mimt einen uralten Diener, für den man das Wort gebeugt hätte erfinden müssen, wenn es es nicht schon gäbe. In solcher Haltung nämlich, wahlweise ein Tablett oder andere Utensilien knapp über dem Boden balancierend, schleicht er so stetig wie gemächlich durch die Szenerie, zeigt im Stile eines Nummerngirls vor dem Vorhang Szenenwechsel an oder schwingt sich auf wackeliger Leiter hinauf zu den in unsinniger Höhe angebrachten Bücherregalen.

Merkwürdigerweise und hübsch hintersinnig scheint ihn keiner zu bemerken. Außer dem grundguten Elwood P. Dowd, um den sich hier alles dreht. Der allerdings kann auch als Einziger einen 2 Meter 10 großen weißen Hasen namens Harvey sehen, mit dem er ein Herz und eine Seele ist, seit er ihn eines Tages auf der Straße traf. Harmlos verschroben, könnte man konstatieren und Mann und Hasen in Frieden Freunde sein lassen. Nur stört der unsichtbare Harvey aber nun vor allem die in ihrer offenbar recht fragilen Normalität, die ihn nicht sehen können. Wie zum Beispiel Elwoods Schwester Veta bei der Suche nach einer aussichtsreichen Partie für Tochter Murtle Mae.

Um der Lage Herr, bzw. Frau zu werden, soll Elwood samt tierischem Gefährten in die Psychiatrie eingewiesen werden, wobei es natürlich zu Verwechslungen und am Ende zu einer Beinahe-Medikation kommt, die – Deus ex machina – ein Taxifahrer im letzten Moment verhindert. Der malt der Schwester nämlich in grauesten Farben ein Bild ihres nach der Behandlung wunderbar normalen, aber kreuzunglücklichen Bruders und sorgt so dafür, dass Elwood und Harvey zusammenbleiben dürfen.

Mein Freund Harvey @ Rolf Arnold
Mein Freund Harvey @ Rolf Arnold

Die Geschichte hat schon in der ersten Verfilmung mit James Steward anno 1950 mehr Hintersinn als Schenkelklopfer und in diesem herrlich-morbiden Bühnenambiente hätte man gut und gerne ein Gruselkabinett der ganz normalen Leute auffahren und aus dem Boulevard eine fiese Parabel auf Egoismus und Ellenbogengesellschaft machen können. Vielleicht war das auch der Ansatz, nur ist man dann auf halber Strecke stehengeblieben. Bei Thomas Braungardts alaaaarmiertem Hau-Drauf-Pfleger Wilson und Katharina Schmidts zwar enervierender, aber eben auch bitterbösen Murtle Mae ist davon ansatzweise etwas zu ahnen und steht im schönen Kontrast zu Michael Pempelforths unerschütterlich sonnigen Elwood.

Meistens aber setzt man eben doch, leicht überdreht zwar, auf die klassisch-gefällige Unterhaltung. Was bestenfalls eingeschränkt gelingt, denn um als ganz normale Komödie gut zu unterhalten, ist es über weite Strecken einfach zu angestaubt umgesetzt und nicht witzig genug. Da wird mehr oder weniger solide Komödienhandwerk gezeigt, dass die Initialzündung durch die eigene Langatmigkeit immer wieder verpasst. Dabei hätte man doch die manchmal zu routinierte Theaterwirklichkeit hinter sich lassen können, wie Elwood die seine, der – eines der schönsten Zitate des Abends – seinen Arzt unbeeindruckt noch von den größten Widrigekeiten aufklärt:

Wissen Sie, Herr Doktor, ich habe mich jahrelang mit der Wirklichkeit herumgeschlagen, und ich bin froh, sagen zu können, dass ich sie endlich überwunden habe.

Der Abend ging dahin … sagt der gutmütige Realitätsüberwinder an anderer Stelle und lauscht verzückt demselbigen hinterher und dem Klang der eigenen Formulierung nach. Solcherart Verzückung will sich hier nur selten einstellen. Etwa, wenn man Tilo Krügels Butler dabei beobachtet, wie er dem Stück stumm und krumm eine besondere, unaufgeregte Bedeutsamkeit einwebt (wobei das schwierig ist, ohne dabei schon vom Zuschauen Rückenschmerzen zu bekommen ;)). Beim Bestaunen der grandiosen Arbeit der Maskenabteilung (ist das wirklich Denis Petković??) und bei der Entdeckung der Bühne von Etienne Pulss, die sich immer wieder schön subtil und en Detail verändert. Über insgesamt ziemlich zähe zweieinhalb Stunden trägt das nicht.


» Mein Freund Harvey
Von Mary Chase. Deutsch von Alfred Polgar. Regie Enrico Lübbe. Bühne Etienne Pluss. Kostüme Bianca Deigner. Dramaturgie Torsten Buß. Licht Ralf Riechert. Mit: Michael Pempelforth, Annett Sawallisch, Katharina Schmidt, Dirk Lange, Denis Petković, Anne Cathrin Buhtz, Julia Berke, Thomas Braungardt, Julius Forster, Christoph Müller und Tilo Krügel.

 

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