Schauspiel Leipzig | 2019/2020

schlachten, uraufführungen und raus in die stadt – die neue spielzeit am schauspiel leipzig

Der Mai ist traditionell der Monat der Spielzeitvorschauen und am letzten Dienstag haben auch Enrico Lübbe und Torsten Buß Presse und Abopublikum in ihre Pläne für die nächste Saison unter dem Slogan Miteinander/Ensemble eingeweiht.

Die Spielzeit 2019/20 wird mit Kampfhandlungen eröffnet: Sicher nicht von ungefähr hat am 3. Oktober Heinrich Kleists Nationalstaats- & Freiheitsdrama Die Hermannsschlacht Premiere auf der großen Bühne. Die Regie liegt bei Dušan David Pařízek, der damit zum ersten Mal in Leipzig arbeiten wird und von dem wir vor einiger Zeit am Schauspiel Hannover eine so prägnante, wie sprachmächtige und überzeugende » Maria Stuart sahen.

Zum Start in der Diskothek gibt es am 27. September mit Frau Ada denkt Unerhörtes von der Schweizer Martina Clavadetscher eine Uraufführung, die sich mit Ada Lovelace, einer der schillerndsten Persönlichkeiten der britischen Wissenschaft des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Regie führt Katrin Plötner, die zuletzt den Schimmelreiter am Hans Otto Theater Potsdam (u.a. mit Guido Lambrecht) und am Nationaltheater Mannheim Hoppla, wir leben! von Ernst Toller inszeniert hat.

Enrico Lübbe präsentiert die Spielzeit 2019/20 © Rolf Arnold

Enrico Lübbe präsentiert die Spielzeit 2019/20 © Rolf Arnold

Die Diskothek bleibt weiterhin ausschließlich der modernen Dramatik vorbehalten. Es sind insgesamt vier Uraufführungen geplant: neben oben erwähnter Frau Ada ist das u.a. ein neuer Text von E. L. Karhu (in dieser Spielzeit: Prinzessin Hamlet). Gordon Kämmerer wird ein Stück einer rumänischen Autorin (Fluss, stromaufwärts von Alexandra Pâzgu, Premiere 24.11.2019) inszenieren und der Theater-Dokumentarist Hans Werner Kroesinger wird sich bei seiner ersten Arbeit in Leipzig dem regionalen Thema Kohle widmen. Außerdem gibt es auch wieder eine Zusammenarbeit zwischen Jugendclub und Ensemble unter der Leitung von Yves Hinrichs.

Märchen-, Nachspiel- und Wartezeit

Auf der großen Bühne geht es dann gleich mit der Weihnachts- bzw. Familieninszenierung des eingespielten Duos Stephan Beer/Georg Burger weiter, das sich nach der Nachtigall das nächste poetische Märchen von Hans Christian Andersen vorgenommen hat. Die Eisjungfrau hat Ende Oktober Premiere und ist mit insgesamt 35 Vorstellungen geplant, wie der Intendant ankündigte.

Dann wird – das hatten wir hier so auch noch nicht – Moritz Sostmann seine Kölner Inszenierung Der gute Mensch von Sezuan mit dem Leipziger Ensemble nach-bauen (Premiere am 23.11.2019). Ferner gibt es eine Medea, die Komödie Mein Freund Harvey in der Regie von Enrico Lübbe und einen Ballettabend. Auf die neuen Arbeiten der Hausregisseure Claudia Bauer (Meister und Magarita, 7.3.2020) und Philipp Preuss (Kafkas Das Schloss, 25.4.2020) müssen wir bis zum kommenden Frühjahr warten. Insgesamt sind inklusive Märchen, Tanztheaterabend und Brecht-Aufguss acht Premieren geplant.

Warten heißt es auch bei den Wiederaufnahmen, die sich wie schon in den letzten Jahren analog zu den Premieren über die ganze Spielzeit verteilen. So machen die beiden frischen Hausregien » Süßer Vogel Jugend und » Prinz Friedrich von Homburg erst einmal ein halbes Jahr Pause (WA Ende Januar 2020). Aus dispositionellen Gründen, heißt es, wegen aufwendigeren Inszenierungen und Probenzwängen. Wobei das dann doch ein wenig verwundert, wird doch gerade die große Bühne in letzter Zeit vorrangig nur von Donnerstag bis Sonntag (und in manchen Monaten sogar nur an acht von dreißig Tagen) mit hauseigenen Produktionen bespielt. Auch scheinen andere Häuser mit ähnlich aufwendigen Bühnenbildern zumindest nicht in dieser Breite auf eine solche Repertoireverknappung zu setzen.

Harzer und Hüller in Penthesilea © Monika Rittershaus

Harzer und Hüller in Penthesilea © Monika Rittershaus

Gerne hingegen warten wir auf das angekündigte Gastspiel aus Bochum: Johan Simons Penthesilea mit Jens Harzer und Sandra Hüller wird in Leipzig zu sehen sein. Als Extras außer Haus sind angekündigt: eine Inszenierung von Ensemblemitglied Tilo Krügel im Kunstkraftwerk, eine Kitsch & Krempel Sonderausgabe im Zoo und ein Sommertheater (Drei Tage auf dem Land, Enrico Lübbe, 18.6.2020) an gleich mehreren Spielorten in der Stadt.

Pünktlich und passend zum Wendeherbst-Jubel(äum) kehrt Claudia Bauers Theatertreffen-Inszenierung 89/90 zurück auf die große Bühne. Lübbes Faust bleibt auch in der kommenden Saison eine der wichtigsten Säulen im Repertoire – Im Spielzeitheft nimmt der gleich mal ganze vier Seiten ein, während allen anderen Neu- und Alt-Produktionen nur jeweils eine zusteht ;). Aber auch  Lazarus und die Leipziger Meuten, Maria Stuart, Der Gott des Gemetzels und Der nackte Wahnsinn werden weiter bzw. wieder zu sehen sein. In der Diskothek wird es zehn Wiederaufnahmen geben – u.a. sind das atlas, disko, die Studioinszenierung Container Paris und Und dann, das als einziges Stück schon seit 2013 im Programm ist und nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.

Im Leipziger Westen und anderswo

Auf der Spinnerei entstehen vier neue, zum Teil interdisziplinäre Produktionen von PerfomerInnen aus Leipzig, Berlin und New York. Dazu ist ein Solo-Gastspiel aus London geplant und She She Pop werden mit ihrem vom Schauspiel Leipzig koproduzierten Oratorium im Dezember nochmals an die Residenz zurückkehren. Thematisch geht es sowohl um lokale als auch globale Lebenswelten: Die Wismut, Kohle, aber auch Einsamkeit im digitalen Zeitalter sollen performativ befragt werden.

Das Tatmotiv

Ein Spielzeit-Motto gibt es auch. Es lautet Miteinander/Ensemble, ist – finden wir, nach dem Ich Ich Ich der letzten Spielzeit – von einer wohltuenden sozialen Wärme und findet sich mit ein wenig gutem Willen sicher auf die ein oder andere Art in den meisten der geplanten Projekte. Eine konkretere inhaltliche Dramaturgie bzw. eine klarere Linie, wofür das Haus stehen will, bleibt dagegen im Spielplan weiterhin nur schwer auszumachen. Es ist doch eher ein recht buntes – böse Menschen würden sagen ein wenig beliebiges – Programm, dass uns von September bis Juni erwartet; mit insgesamt 20 Premieren und 24 Wiederaufnahmen auf allen Spielstätten und in der Stadt.

Frauenpower? Männerwirtschaft?

Die Quote, die Quote: Während die große Bühne weiter fest in Männerhand ist – mit Ausnahme der Quotenfrau-Regie Claudia Bauer und der Komödien-Autorin Mary Chase – geraten in der Diskothek die Herren sogar ins Hintertreffen: Alle drei Uraufführungstexte kommen von Autorinnen, mit Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger ist zudem ein gemischtes Autorenteam am Start. Im Regiefach „Moderne Dramatik“ stehen zwei Regisseurinnen drei Regisseuren gegenüber.

Im Würgegriff: Julius Forster in Wie es euch gefällt am Nationaltheater Mannheim © Florian Merdes

Im Wie es euch gefällt-Würgegriff: Julius Forster am Nationaltheater Mannheim © Florian Merdes

Kleine Veränderungen im Ensemble

Im Ensemble sind vier Abgänge und ein Neuzugang zu verzeichnen. Nicht mehr fest am Haus sind ab Herbst Andreas Dyszewski, Sophie Hottinger und Florian Steffens. Und Andreas Hermann, der sich in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Neu hinzu kommt Julius Forster, ein junger Schauspieler, der zuletzt am Nationaltheater Mannheim und am Schauspiel Stuttgart und daneben auch viel für Funk und Fernsehen gearbeitet hat. Unser Leipziger Schauspielensemble besteht somit in der nächsten Spielzeit aus (nur noch) 22 Schauspielern und Schauspielerinnen.

Bevor es aber auf den Bühnen richtig losgeht, macht ein großes Theaterfest im ganzen Haus den ersten Aufschlag – vier Wochen vor der ersten Premiere am 31. August und mit allen Spielern und Gewerken. Wir sehen uns.


» Miteinander/Ensemble – 2019/20 Schauspiel Leipzig
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