"Der haarige Affe" | Schauspiel Frankfurt/Main

schlag auf schlag im schiffsbauch – premiere für clemens meyers o’neill-übertragung

Eugene O’Neills Stück „Der haarige Affe“ hatte ich bis zum vergangenen Frühjahr noch nie auf der Bühne gesehen, dann fuhr ich nach Hamburg, um mir Frank Castorfs Version anzuschauen. Ein paar Monate später war nun erneut Gelegenheit, das Stück auf der Bühne zu sehen – im Schauspiel Frankfurt. Dort hatte man den Leipziger Autor Clemens Meyer mit einer Neuübersetzung des Stücks beauftragt.

Der haarige Affe © Arno Declair

Der haarige Affe © Arno Declair

Was Clemens Meyer geschaffen hat, ist deutlich mehr als eine Übersetzung. Er erzählt zwar O’Neills Geschichte vom Heizer Yank, reichert sie aber mit vielen eigenen Gedanken – oft auch Gedankensprüngen – an. So, wie man es in einigen seiner letzten Arbeiten erleben konnte, das beste Beispiel für diese Art des Schreibens sind wohl Meyers Frankfurter Poetikvorlesungen. Auch für die Bühne hat er schon ähnliche Texte verfasst, zuletzt bei einer Szene für » Zehn Gebote am Deutschen Theater. Eine bildreiche Sprache voller Assoziationen, der man beim einmaligen Hören gar nicht immer folgen kann, weil es Schlag auf Schlag geht.

Da kommen Erniedrigte und Beleidigte vor oder es wird Wolfgang Hilbig und sein Fasan auf den Briketts zitiert (immerhin war Hilbig auch Heizer und damit ein Kollege Yanks). Meyer bedient sich ausgiebig an Slang und Jargon, z.B. aus dem Naziumfeld. Mildreds reicher Vater, dem das Schiff gehört, auf dem Yank arbeitet, mus bei soviel Reichtum natürlich Jude sein, denn er hat Geld wie Heu – Oi Oi. So kalauert es manchmal, offensichtlich hatte der Übersetzer neben der Arbeit auch viel Spaß mit seinen Wortspielen, die sich oft auch durch ein Springen zwischen englischen und deutschen Satzfetzen ergeben.

Soweit also zur Textgrundlage des Abends. Inszenieren sollte eigentlich der Holländer Eric de Vroedt. Kurzfristig musste dann aber Thomas Dannemann übernehmen, dem Leipziger Publikum durch seinen Hamlet bekannt. Der entschied sich für einige Striche in der Meyerschen Fassung, was den Abend auf eine gut konsumierbare Länge von knapp zweieinhalb Stunden begrenzt. Frankfurts riesige Bühne wird nicht in Gänze genutzt, ein Teil der Zuschauer nimmt auf der Bühne Platz, so dass das Publikum dem Geschehen von zwei Seiten zusieht. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat aber den Bühnenraum in die dritte Dimension erweitert und ein Schiff mit drei Decks auf die Bühne gebracht, das beliebig gehoben und gesenkt werden kann, in Abhängigkeit davon, wo gerade gespielt wird.

Der haarige Affe © Arno Declair

Der haarige Affe © Arno Declair

Die ausgiebigen Regieanweisungen hat man einer Conférencière (Katharina Linder) als Text übertragen, ein Kniff, der sehr gut funktioniert. Auf dem Mitteldeck haben die Live-Musiker um Thomas Mahmoud Platz genommen und geben von hier aus mit ihren Schlagzeugen den Takt vor. So nimmt zwar nicht das Schiff, aber die Handlung schnell Fahrt auf. Im Bauch des Schiffes gibt es Streit, Schlägereien, aber auch wahre Revolutionsreden unter den Heizern (Michael Schütz, Stefan Graf, Nils Kreutinger, Andreas Gießer), deren Chef eindeutig Yank (André Meyer) ist.

Mildred (Luana Velis) und ihre Tante unterhalten sich auf dem Oberdeck über Gott und die Welt, bis Mildred die Idee hat, im Schiff einmal ganz nach unten zu schauen, wo die Heizer arbeiten. Der Moment gibt dem Stück eine entscheidende Wendung – minutenlang stehen sich Yank und Mildred regungslos gegenüber. Yank beginnt nachzudenken, vergißt darüber essen und waschen. Als er schließlich nach oben stürmen will, um Mildred zu suchen, können ihn seine Kameraden nur mit Mühe zurückhalten. Damit enden die Ereignisse auf dem Schiff und damit endet in Frankfurt der Teil vor der Pause. Bis hierhin ein wirklich gelungener und spannend inszenierter Abend.

Leider kann er das Niveau nach der Pause nicht halten. Das Schiff bleibt nun in der Versenkung, die Musiker haben die Schlagzeuge durch elektronische Musik ersetzt. Die erste Szene gelingt noch sehr gut – Yank und Long auf der 5th Avenue. Als Yank am Ende dieser Szene den Götzen des modernen Menschen – ein Smartphone – zertrümmert (O‘Neill ließ ihn noch Kirchgänger attackieren), landet er im Gefängnis. Während bei O’Neill da noch weitere Insassen auftauchen, trifft Yank hier nur einen – sich selbst als „alten Yank“.

So jedenfalls bei Meyer, die Inszenierung lässt den alten Yank von einem Schauspieler im Gorillakostüm spielen. Und leider gibt es bei der Premiere dann eine Panne – Yanks Mikro fällt aus und der Großteil des Publikums versteht von seinem Text nicht mehr viel. Schließlich verlässt Yank das Gefängnis und nun kommt bei O’Neill eine Szene, in der Yank ein Gewerkschaftsbüro aufsucht. Bei Meyer trifft er auf einen „Ersten Sekretär“ und ein buntes Sammelsurium von Bruchstücken rechter und linker Ideologien. Für Yank, der hoffte, irgendwie tätig werden zu können, interessiert sich der Erste Sekretär aber nicht. Dies wird zu Yanks vorletzter Aktion, danach sieht man ihn bei Meyer nur noch einsam, verwirrt und müde vor sich hin taumeln. Er umarmt sich schließlich selbst – es wird eine tödliche Umarmung.

Auf dieses Ende verzichtet die Inszenierung. Die Szene mit dem Ersten Sekretär ist ganz gestrichen und in der letzten Szene greift man wieder auf O’Neills Original zurück – Yank endet im Zoo, wo er auf einen Gorilla trifft, der ihn zerquetscht. Da fehlt die Konsequenz, bis zum Ende nah an Clemens Meyers Übertragung zu bleiben. Oder wollte man dem Gorilla, der als alter Yank nun schon einmal auf der Bühne war, noch seinen Einsatz als echter Affe im Zoo geben? Irgendwie kommt das Ende zu schnell, man hat als Zuschauer das Gefühl, dass etwas fehlt. Hier hätte sich die Regie doch etwas mehr Zeit nehmen sollen. Doch trotz dieses etwas unbefriedigenden Endes – insgesamt gesehen ist der Frankfurter haarige Affe eine spannende und sehenswerte Arbeit geworden.


» Der haarige Affe
Von Eugene O’Neill in einer Übertragung von Clemens Meyer. Regie Thomas Dannemann, Bühne Stéphane Laimé, Kostüme Jelena Miletić, Komposition und Musikalischer Leiter Michael Wertmüller, Live-Musik Thomas Mahmoud (Live-Elektronik, Stimme), Daniel Klein, Max Mahlert, Martin Standke (Perkussion), Dramaturgie Alexander Leiffheidt. Mit Andreas Giesser, Stefan Graf, Nils Kreutinger, Katharina Linder, André Meyer, Michael Schütz und Luana Velis.

Nächste Vorstellungen 12. /16. / 21. / 27. und 30. September 2018, Schauspiel Frankfurt