schnapspfützenleserei ohne erlösung – die hockenden in der diskothek

„die hockenden“ (beides bedeutungsschwanger klein angefangen)? Ah, Problemstück, denkt sich die erprobte Theaterista auf dem Weg in die Diskothek und in der Tat: sperriger Text, die Stimmung düster, latent grelle Ausstattung, die Bühne ein Un(ort), dessen Enge und Tristesse kaum Luft zum Atmen lassen. Wie daraus ein recht intelligent-vergnüglicher Theaterabend wird? Weiterlesen!

Ein Andachtsraum mit das-hat-jemand-mal-für-modern-gehalten-rosa tapezierten Wänden; bunte Kunstblumen-Trauergestecke und Stühle vor dem Altar (?), auf die sich die fünf Insassen (in sechziger Kleidchen und all-time-Modeunfällen – Austattung Tine Becker) hocken und einen Choral anstimmen. Gleich der erste Satz gibt dann das Motto vor: gesprochen wird hier viel, aber gesagt wird nichts. Anders als im wahren Leben ist sich aber jeder dessen bewusst. Das Problem ist, dass das hier kein Problem ist. Also fast keines.

© Rolf Arnold

Messias am Boden der Tatsachen © Rolf Arnold

Denn eigentlich weiß jeder, dass es nichts zu sagen gibt. Und ebensowenig passiert. Außer, dass ab und an eine der drei Dorfkneipen abbrennt. Warum? Nicht der Rede wert. Der einzige Bus kommt nicht aus dem Dorf heraus, man bewegt sich ja – verwurzelt, oder besser: verwachsen, wie man ist – am besten auch gar nicht weg. Wenn da nicht immer diese leise Hoffnung auf Erlösung und Erlöser wäre. Da muss doch jemand kommen und einem sagen, wo es langgeht! Oder zumindest irgendetwas anderes von Bedeutung.

Gott sei dank hat die Kneipe immer auf

Dirk Lange, auf den die Hoffnungen der Fünfe projiziert werden wie die Bildstörungen und blutweinenden Puppenköpfe auf die Bühnenwände, schleicht abwechselnd beunterhost von links nach rechts und beunterhemded von rechts nach links über die Bühne und sagt lange Zeit: gar nix. Als er dann doch den Mund aufmacht, kommen die Worte nicht von ihm, sondern vom Band. Und es sind ganz offensichtlich nicht die, die die hockenden vom Rumhocken erlösen. Er wird daraufhin aber nicht als falscher Prophet gelyncht, sondern zur weiteren Trinkkur am Kneipentresen genötigt – was zur Erkenntnis verhilft, dass sich auch aus Schnapspfützen keine Wahrheit lesen lässt.

Weiter kommt das sehr düstere Stück der sehr jungen Retzhofer-Dramapreisgewinnerin Miroslava Svolikova nicht von der Stelle. Der Inszenierung Mirja Biels gelingt hingegen, wenn auch nicht der Ausbruch, so aber der atmosphärische Bruch dieser Inkarnation des Stillstandes. Mit viel lakonischem Witz schafft sie eine Stimmung, die frappierend heiter und gleichzeitig unterschwellig bedrückend ist und macht die resignierte Problemlosigkeit so zum eigentlichen Problem.

© Rolf Arnold

© Rolf Arnold

Zudem steht ein sehr amüsantes Figuren-Panoptikum auf der Bühne, mit dem man sich kein bisschen langweilt. Besonders Andreas Hermann könnte in seinem Pullunder und der Art, Weisheiten zu verkünden …

Verleben muss man sich noch selber. Den Rest übernimmt dann wieder das Amt

… glatt einer dänischen DOGMA-Komödie entsprungen sein. Anna Keil und Sophie Hottinger loten ihre ungleich-gleichen Schwestern mit den roten Lockenköpfen aufs Schönste zwischen zögernd-hoffnungsfroh und grenzdebil aus. Und Dirk Lange ist als Messias wider Willen zumindest für den Zuschauer eine Erlösung. Sehr schön auch die Idee, unter dem Altar eine verglaste Mini-Hölle zu verstecken, in der beim großartigen Schlussbild alle an den Nebelschwaden der eigenen Lethargie zu ersticken drohen.

Allein die Frage, warum das Ganze, können wie bei so einigen ur- oder erstaufgeführten Texten weder Autorin noch Regie erschöpfend beantworten. Was einen aber in diesem Fall nicht vom Im-Zuschauerraum-Hocken abhalten sollte.


» die hockenden
Von Miroslava Svolikova. Regie Mirja Biel. Mit Anne Cathrin Buhtz, Andreas Dyszewski, Andreas Herrmann, Sophie Hottinger, Anna Keil und Dirk Lange

Nächste Vorstellungen: 21. und 29. April und 4. und 20. Mai, jeweils 20 Uhr, Diskothek Schauspiel Leipzig