Schuld und Sühne | Staatsschauspiel Dresden

mensch oder laus? düsteres oratorium kollektiver menschheitsverbrechen

Nicht von ungefähr bedient sich der neue Sebastian-Hartmann-Abend am Dresdner Schauspielhaus der Dostojewski-Übersetzung Swetlana Geiers, die Verbrechen und Strafe heißt und nicht Schuld und Sühne. Verschiebt sich doch schon durch die Begrifflichkeit der Denk- und Spielraum vom Moralisch-Persönlichen aufs gesellschaftliche Ganze und fragt nach einer kollektiven Ethik anstatt nach individueller Schuld.

Und Dostojewskis Protagonist entwickelt ja tatsächlich eine abstruse Theorie, in der wenige Auserwählte, die außergewöhnlichen Menschen, der Masse an Menschenmaterial vorstehen und dergestalt zu allem, auch zum Verbrechen berechtigt, wenn nicht gar verpflichtet, sind. Auch die Inszenierung strebt ins Allgemeingültige. Von der eigentlichen Romanhandlung des Doppelmörders Raskolnikow lassen Hartmann und Ensemble Nullkommanichts übrig. Vom Text bleiben nur Fragmente; von den Sätzen meist nur einzelne Worte.

Schuld und Sühne, Dresden © Sebastian Hoppe

Nach 17 Minuten im Jahr 1843 – Schuld und Sühne, Dresden © Sebastian Hoppe

Hartmann nimmt also die ganze Welt in den Blick. Und sein Blick ist ausschließlich auf das unsagbare Grauen gerichtet, das das Menschenkollektiv sich über die Jahre angerichtet hat und noch anrichtet. Krieg, Vernichtung, Leid und Elend: Während übergroße Bilder im anklagenden Stakkato auf uns niederprasseln, sich vielfach überblenden und sich mit Großaufnahmen der Spielergesichter ineinander schreiben, bemisst ein Time-Code die ablaufende Spiel-Zeit. Daneben zählt die Weltzeit unaufhaltsam vom Jahre Null bis 2019, immer wieder. Fragt das Programmheft mit Freud und Nietzsche nach der kausalen Abfolge von Schuld und Verbrechen, zieht die Geschichte hier von vornherein alternativlos Kreise, folgt eins dem anderen und das andere dem einen.

Vor dieser, schon in ihrer schieren Menge so eindrucksvollen wie schwer erträglichen Bildkulisse ist ein Haufen kleiner, hilfloser Menschlein zugange: Die neun Spieler rennen, schieben Projektoren, kriechen, taumeln, fallen und rappeln sich wieder auf. Pausenlos sind sie im Auf- und Umbau beschäftigt: sie bauen die Menschheitsgeschichte als trutzige Kirche aus Angst und Grausamkeit, die gleichzeitig Kulisse, Spielort und ihrerseits Projektionsfläche ist. Dazu webt Sebastian Wiese, mit Rechner und Stimme und mitten aus dem Zuschauersaal heraus, einen betörenden Elektrosound, der schon allein dazu geeignet ist, den Hörer gleichermaßen mitzureißen wie wegzutragen.

Schuld und Sühne, Dresden © Sebastian Hoppe

Schuld und Sühne, Dresden © Sebastian Hoppe

Erhebt ein Spieler die Stimme, eilen Mikro und Kamera zu ihm, verstummt er, ziehen sie weiter zum nächsten. Dabei gibt es selten einen ganzen Satz, sondern nur abgehackte Worte. Auch inhaltlich stehen hier nur noch Bruchstücke für sich, deren Beziehung zu Bildern und Spiel sehr im Allgemeinen bleibt und die oft schon rein akustisch schwer zu verstehen sind. Konsequenterweise hätte man den Text auch ganz weglassen können. Die durch die Bank starken Schauspieler – allen voran Fanny Staffa, Linda Pöppel und Luise Aschenbrenner – bedürfen für ihre immense Ausdruckskraft der Worte nicht.


Thomas Pannicke hat die Hartmann-Premiere als „beeindruckende Grenzüberschreitung“ erlebt:

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Einmal mehr zeigt sich hier, dass Hartmanns Arbeiten mehr und mehr zu intensiven, aber in performativen Zustandsbeschreibungen verharrenden Installationen werden. Das Spielerische hat hier nichts mehr verloren; das Miteinander erschöpft sich in den verzweifelten Umklammerungen gequälter Seelen. Aber geht diese Art Inszenierung nun über die Grenzen des Theaters hinaus? Oder bleibt es hinter dessen Möglichkeiten zurück? Ist es eine Befreiung, eine letzte Möglichkeit oder doch ein Verlust, eine Leerstelle?

Brüder und Schwestern, man hat versucht, uns zu erzählen, dass die Zeit linear vergeht. Das stimmt, aber wir glauben es nicht!

Das menschengemachte Elend der Welt in einer Stunde dreissig als reich bebilderte Auswirkungen einer Raskolnikovschen ‚Moral‘? Ist alles so. Muss man nur rausschauen. Und natürlich ist es eben auch nicht genauso. Das will uns zumindest in den letzten zwanzig Minuten Yassin Trabelsi mittels der » Rede zum Unmöglichen Theater glauben machen. Wolfram Lotz‘ wunderbarer, das Theater als Ort der absoluten Freiheit und des unbeirrbaren Glaubens an das Unmögliche feiernde Text ist hier als überdeutlicher Kontrapunkt gesetzt. Wozu, bleibt mehr oder weniger im Unklaren. Zu groß scheint der Bruch zum Bildersturm zuvor. Vielleicht auch, weil dieser Abend eben jenes gar nicht sein will: Theater.

Man verlässt den Saal reichlich benebelt und mit dem unangenehmen Gefühl, nach dem Konsum der falschen Drogen auf einem Horrortrip gewesen zu sein, der zwar Wirklichkeit heißt, aber nirgendwo hinführt und sich bei all seiner unbestrittenen Kraft doch selbst genügt.


» Schuld und Sühne
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski. Regie und Bühne Sebastian Hartmann. Kostüme Adriana Braga Peretzki. Musik Samuel Wiese. Licht Lothar Baumgarte. Video Christian Rabending. Live-Schnitt Thomas Schenkel, Diana Stelzer. Wandzeichnung:  Tilo Baumgärtel. Dramaturgie Jörg Bochow. Mit Luise Aschenbrenner, Moritz Kienemann, Philipp Lux, Linda Pöppel, Torsten Ranft, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger und Yassin Trabelsi.

Next shows: 4. und 10. Juni 2019