shakespeare im pott

Jedes Jahr trifft sich Ende April die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft zu ihrer Jahrestagung mit verschiedenen Vorträgen, Workshops und Theaterabenden.  In diesem Jahr fand die Tagung unter dem Thema «Glaube und Zweifel bei Shakespeare» in Bochum statt, mit Ausflügen an die Theater Düsseldorf und Essen. Gelegenheit also, zu schauen, was die Theater im Pott in Sachen Shakespeare zu bieten haben.

Das Bochumer Schauspielhaus ist reich an Traditionen, in den 80er und Anfang der 90er Jahre war das Theater  regelmäßiger Gast beim Berliner Theatertreffen. Intendant Leander Haußmann (1995-2000) brachte damals viel frischen Wind nach Bochum und mit seinen Hausregisseuren Jürgen Kruse und Dimiter Gottscheff etliche sehr sehenswerte Shakespeare-Inszenierungen auf die Bühne. In den Jahren danach war das Angebot während der Bochumer Shakespeare-Tage nicht überragend, vieles ist schnell in Vergessenheit geraten. Nun ist seit 2010 Anselm Weber Intendant und die erste Inszenierung, die ich gesehen habe, war vielversprechend. Doch dazu später und zuerst der Reihe nach:

Leicht verzettelt: «Coriolanus» in Essen – mit Lisa Jopt und Johann David Talinski

Das Programm der Shakespeare-Tage war in diesem Jahr vielfältig und führte auch an andere Spielorte. Den Auftakt bildete am Freitagabend «Coriolanus» am Grillo-Theater in Essen. «Corialanus» gehört zu den selten gespielten Shakespeare-Stücken, ich persönlich kannte bisher nur eine Fernsehaufzeichnung einer Inszenierung am Berliner Ensemble mit Ekkehard Schall in der Titelrolle. In Essen hatte nun Thomas Krupa inszeniert und sich durchaus einiges einfallen lassen. So saß sich das Publikum auf zwei Tribünen gegenüber, zwischen denen sich das Geschehen abspielte. Das Publikum wurde zum Teil einbezogen, es gab Videosequenzen, Live-Musik, die Schauspieler traten maskiert auf und Coriolanus‘ Gegenspieler Aufidius wurde von einer Frau verkörpert.

Szene aus Coriolanus (c) Schauspiel Essen

Szene aus Coriolanus (c) Schauspiel Essen

Interessant zudem für den Besucher aus Leipzig: Mit Lisa Jopt und Johann David Talinski standen zwei ehemalige Leipziger Schauspielstudenten auf der Bühne. Coriolanus ist ein durchaus interessantes Stück, das noch immer aktuelle, allgemein gültige Fragen verhandelt. (Inhaltsangaben möge jeder selbst nachlesen). Ein insgesamt durchaus sehenswerter Abend, jedoch – wirkliche Begeisterung kam nicht auf, die vielen kleineren gelungenen Dinge in der Inszenierung ergaben kein großes, stimmiges Bild. Ich hatte den Eindruck, als wollte der Regisseur zu viele verschiedene Stilmittel ausprobieren (siehe die Aufzählung oben), wobei er sich ein wenig verzettelt hat. So zumindest meine Einschätzung, das anschließende Publikumsgespräch machte aber auf jeden Fall deutlich, dass der Abend Stoff für Diskussionen bot.

Herausragend: «Was ihr wollt» in Bochum

Der nächste Abend war mein persönlicher Höhepunkt: «Was ihr wollt» in Bochum. Das Stück habe ich schon oft gesehen, zuletzt in der Hartmannschen Adaption am Centraltheater. In Bochum inszenierte Hausregisseur Roger Vontobel, Theaterfreunden spätestens seit seiner Einladung zum Theatertreffen mit dem Dresdener «Don Carlos» kein Unbekannter. «Was ihr wollt» lässt er recht ungewöhnlich beginnen: mit der Hochzeit, die den Leser eigentlich erst am Ende des Stückes erwartet. Zwar wird auch Shakespeare-Text gesprochen, trotzdem bleibt das Gefühl, dass es sich hier um ein Vorspiel als Regiezutat handelt. Die Braut spielt die großartige Jana Schulz, die mit Shakespeare schon diverse Erfahrungen hat. Vor Jahren spielte sie in Hamburg an der Seite von Alexander Scheer die Desdemona und am letzten Samstag konnte man sie auf 3sat in einer Übertragung vom Theatertreffen in «Macbeth» erleben. Die ungewöhnlich verlaufende Hochzeitsfeier nimmt ein nasses Ende, als die Gesellschaft von der Braut mit einem Feuerwehrschlauch von der Bühne gespült wird. Wasser wird zum bestimmenden Element, plötzlich bricht es aus dem Untergrund hervor und füllt ein Wasserbecken, das in der Folge Hauptort der Handlung sein wird. Durchaus ein passendes Bild, bedenkt man, dass Viola und Sebastian nach einem Schiffbruch an die Küste Illyriens gespült werden. Und bei der Erwähnung dieser Namen bin ich beim nächsten bemerkenswerten Regieeinfall: Viola und Sebastian werden von Jana Schulz gespielt. Das Überraschende ist hier nicht die Besetzung dieser Rollen mit einer Schauspielerin, sondern die zu einer einzigen Person vereinigten Geschwister: Jana Schulz gibt sich gar keine Mühe, mal als Mann und mal als Frau beziehungsweise als als Mann verkleidete Frau zu erscheinen, sondern ist durchgängig ein Mensch, der sich zwischen diesen Geschlechtern befindet. Am Ende kommt es nicht zum scheinbaren Happy-End: Der Bogen schließt sich mit dem Bräutigam aus der Eingangsszene, der im Schlussbild die tote Viola in den Armen hält. Ein beeindruckender Abend! Erwähnt seien noch zwei Mitspieler: Michael Schütz, der vor sieben Jahren in Leipzig als Sir Toby zu sehen war, stellte den Orsino dar, Jutta Wachowiak spielt den Narren. Amüsant vielleicht noch die Tatsache, dass sich die meisten Fragen im anschließenden Publikumsgespräch um das Wasserbassin drehten und der Dramaturg berichtete, dass man zur Vermeidung der Wasserverkeimung Algentod hinein gegeben habe, bis man gehört hätte, dass das Zeug auch für Menschen nicht gerade gesundheitsfördernd ist. Ökologische Missstände mittlerweile schon an deutschen Stadttheatern?

Solide: «Hamlet» in Düsseldorf

Den Abschluss des Theaterprogramms bildete ein weiteres vielgespieltes Stück: «Hamlet» in einer Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses vom dortigem neuen Intendanten Staffan Valdemar Holm. In der Titelrolle Aleksandar Radenkovic, auch er vor Jahren Mitglied des Leipziger Schauspielstudios. Die Kritik in Theater heute war nicht gerade überschwänglich. So schlecht wie dort beschrieben, war der Abend aber dann nicht, wenn er auch mit dem Leipziger «Hamlet Vers. 6» nicht konkurrieren kann. Beeindruckend zunächst das Bühnenbild: die große, leere Spielfläche begrenzen drei hohe, goldene Wände. Ansonsten schwankt der Abend zwischen konventionellem Hamlet-Spiel und einigen Regie-Ideen. Sehr gut gefällt mir eine Szene, in der Regisseur Holm den Film «Fanny und Alexander» seines schwedischen Landsmannes Ingmar Bergman zitiert. Dort wird – wir haben es in Sebastian Hartmanns Leipziger Inszenierung gerade erst wieder gesehen – Hamlet geprobt und der kleine Alexander bekommt nach dem Tod des Vaters ähnlich wie Hamlet einen Stiefvater vor die Nase gesetzt. Andreas Wilink merkt in Theater heute an, dass hier nicht Hamlet, sondern Claudius und Gertrud im Zentrum der Aufführung stehen. Erwähnt sei deshalb noch, dass Imogen Kogge die Gertrud spielt.

Ein abschließendes Fazit zu diesem Theaterausflug an Ruhr und Rhein: Zwei gute und ein herausragender Theaterabend, ein bisher persönlich noch gar nicht gesehenes Shakespearestück, ein Wiedersehen mit einigen aus Leipzig bekannten Gesichtern – die Fahrt hat sich gelohnt und etliche Eindrücke müssen erst noch verarbeitet werden.
Der Blick über den Tellerrand lässt aber doch aufs Neue erkennen, was für ein spannendes und streitbares Theater man zu Hause hat – auch wenn es natürlich nicht fair ist, ein Haus nach nur einer Inszenierung zu beurteilen.