shrink city. die unmöglichkeit, das leben zu gestalten

Die nächste Uraufführung unterm Dach. Am Donnerstag hatte Jörg Albrechts Überschreibung 1: My love was a ghost. And your love, your love was leaving this rotten town, ein Auftragswerk des Schauspiel Leipzig, Premiere. In der dunklen Diskothek erwartet den Zuschauer ein futuristisch anmutender Kasten – eine kahle Büroetage in den oberen Stockwerken eines verlassenen Hochhauses? – auf dem Zeilen in Fraktur stehen. Die erste Antinomie eines Abends, der sehr reich an Widersprüchen ist.

Die können auch nicht ausbleiben, wenn Jörg Albrecht (Richtig, der Autor, der wegen unerlaubter Fotos gerade in Dubai festsaß und der zusammen mit dem Regisseur des Abends Steffen Klewar das Künstler Duo » copy & waste bildet), wenn er also Fontanes Effi Briest mit der Geschichte von schrumpfenden Städten und verblühten Landschaften überschreibt.

Dabei finden sich Assoziationen und Verbindungen zwischen der einsamen Frau und der verlassenen Stadt, die oft unerwartet, mal augenscheinlich sind, solche, die sich erst beim zweiten Blick erschließen – oder auch mal gar nicht.

(c) Rolf Arnold

(c) Rolf Arnold

Die drei Schauspieler geben abwechselnd ein Filmteam, das in Industrie- und Lebensraumbrachen das B-Movie Shrink City dreht; und Stadtplaner, die nicht wissen, wie man eine Stadt plant, die sich einmal zum schrumpfen entschlossen hat. Sie spielen Filmszenen  aus der Defa-Verfilmung mit Angelica Domröse und sind Instetten, Crampas und Effi selbst – per Video eingespielt aus Leipzigs Parks und Flüssen. Wir sehen einsame, verlassene Menschen – am eindrucksvollsten hier sicher Michael Pempelforth in seinem langen Monolog – oder sind das die verlassenen, abgehängten Städte selbst?

Alles überlagert sich, wie die Schichten, die Geschichten der Menschen einer Stadt, wie verschiedene Lagen Tapete an der Wand eines Zimmers, das schon viel sah. Daniela Keckeis ist Effi mit strenger Hochsteckfrisur in leeren, alten Räumen und flirrt später als menschlisches Kaleidoskop in nationalsozialistischer Symbolik (Starke Videos von Ian Purnell und Stefan Ramírez Pérez) oben über die Leinwand, während die Schauspielerin unten live und schräg wie die Perspektive unserer Erinnerung selbst Zarah Leanders Warum aus Liebe weinen ins Mikrophon singt. Nazizeit, Sozialismus, Kapitalismus, Postmoderne, Globalisierung werden angerissen und bilden ein Kaleidoskop an Assoziationen, die sich ständig verschieben, zusammenfügen und wieder auseinanderdriften.

(c) Rolf Arnold

(c) Rolf Arnold

Sicher treffen sich Autor und Regisseur bei diesem Reigen auch oft auf Allgemeinplätzen, und es entsteht eine gewisse Beliebigkeit, wenn der Text dann dort nicht so recht weiß, in welche Richtung er will. Aber der Abend bietet noch genug an Denkstoff und er hat Drive, entwickelt seine eigene Dynamik. Erinnerungsschichten werden auf und abgetragen, er sucht, deutet an, bricht und stellt Fragen: Was bedeute Verlassenwerden, warum sind wir nicht in der Lage, mit- statt bloß nebeneinander zu leben? Was hindert uns, Lebensraum und Leben nach unseren Wünschen zu gestalten? Bei Effi war es die moralisch reglementierte Gesellschaft. Und heute die Logik der Märkte. Ja, schon klar. Aber reicht uns das als Erklärung? My love … fordert heraus und es macht durchaus Spaß, diesem Hop-on-hop-off Stadtrundgang aus Raum, Wort, Musik, Film und Spiel zu folgen.

Als einzige Konstante spukt auch in der Welt der leb- und menschenlosen Geisterstädte der Fontan’sche Chinese. Jene bedrohliche und zugleich unwiderstehlich anziehende Geistergestalt, die schon Effi Briest nicht zu fassen bekam.


My love was a ghost. And your love, your love was leaving this rotten town. Jörg Albrecht. UA. Regie: Steffen Klewar. Mit: Daniela Keckeis, Ulrich Brandhoff und Michael Pempelforth.
Wieder am: 13., 19. und 28. Juni und am 3. und 11. Juli jeweils 20 Uhr Schauspiel Leipzig, Diskothek.