back to the roots – signa in kopenhagen

Seit ihrem Auftritt mit „Germania Song“ war ich von SIGNA so fasziniert, dass ich fast keine ihrer folgenden Inszenierungen verpasst habe: Kopenhagen, Köln, Salzburg, Berlin, Hamburg – nur Tallinn war mir dann doch zu weit. In diesem Herbst kehrt SIGNA wieder zu ihren Wurzeln nach Kopenhagen zurück. An einem stürmischen Novemberabend machte ich mich auf den Weg von Leipzig in die dänischen Hauptstadt.

Signa "Ventested" in Kopenhagen. Foto: Arthur Köstler

Signa „Ventested“ in Kopenhagen. Foto: Arthur Köstler

Die Performance „Ventestedet“ heißt in der englischen Beschreibung „The Waiting Place“, was dem Geschehen nicht ganz entspricht, denn es sind fünf intensive Stunden fast ohne Wartezeit. Vor einer Baracke in einem Kopenhagener Gewerbegebiet versammelt sich kurz vor Beginn ein kleine Gruppe Besucher. Merkwürdige Gestalten schleichen um das Haus und auf dem angrenzenden Parkplatz. Sicher sind es Patienten der Klinik. Denn um eine Klinik handelt es sich. Am Eingang begrüßt uns der leitende Arzt Dr. Wächter, in einen Warteraum erfahren wir schließlich, dass es in einer Einrichtung zur Behandlung einer neuartigen Krankheit geht, der „Persistenten pogonothematischen Psychose“, kurz 3P. Diese psychische Erkrankung befällt eine rasant wachsende Zahl europäischer Bürger und ist derzeit nicht heilbar.

Leider besteht Grund zur Annahme, dass auch die Besucher betroffen sind. Die Tests in den kommenden fünf Stunden sollen Gewissheit bringen. Zuerst heißt es, private Kleidung ab- und Anstaltskleidung anzulegen. Lediglich Socken, Unterwäsche, Geld und Zigaretten darf man behalten. In kleinen Grüppchen werden wir neuen Patienten durchs Haus geführt. Und wie immer bei SIGNA gibt es eine skurrile Geschichte, die zwar nicht in jedem Punkt aufgeht, aber doch an vielen Stellen Erklärungen für das merkwürdige Geschehen bietet, das den Besucher umfängt.

Zuerst nimmt uns Transvestit Terry (Andreas Schneiders) in Empfang. Er wohnt mit Bobbie zusammen, einer erst geistesabwesenden Frau, die später wilde Verschwörungstheorien ausbreitet. Als wir das Zimmer verlassen, treffen wir auf Boa (Arthur Köstler in Lendenschurz und Federhaube). Um unsere Krankheit zu verstehen, müssten wir mit den Toten sprechen und dabei könne uns seine Freundin Dania helfen. Wir bekommen Tiermasken übergestülpt, tanzen zu Boas Trommel im Kreis und geraten in eine spiritistische Sitzung.

Eine Totenbeschwörung gibt es auch bei Parisienne (Signa Köstler), die uns in einer Art Gruft ihre als Säugling gestorbene Schwester präsentiert. Diese Situation ist so beklemmend, dass eine junge Frau weinend den Raum verlässt. Im Laufe des Abend begegnen wir immer neuen Patienten, die an merkwürdigen Ticks leiden. In der Arbeitstherapie werden Masken gebastelt, es gibt Musiktherapie, Gymnastik, ich bekomme eine Fuß- und Beinmassage. In Gesprächen will die Ärztin (Mareike Wenzel) herausfinden, welches Sanatorium das richtige ist. Mich wollen sie nach Rumänien schicken, wo ich mich mit Gartenarbeit betätigen soll.

Signa "Ventested" in Kopenhagen. Foto: Arthur Köstler

Signa „Ventested“ in Kopenhagen. Foto: Arthur Köstler

Bis hierher folgt das Geschehen einer gewissen Ordnung. Dann läuft plötzlich alles aus dem Ruder: Pfleger beginnen, Patientinnen sexuell zu belästigen, die Chefärztin macht auf einer Krankenbahre verzweifelte Schwimmbewegungen, Terry turnt völlig nackt herum und macht eindeutige Gesten. Die Klinik wird zum Tollhaus und als man sich fragt, wie das jetzt weitergehen soll, ist der Spuk plötzlich vorbei und alles wie zuvor. Glücklicherweise ist danach eine Gruppentherapiesitzung angesetzt.

Entlassen werden wir letztendlich mit der Aussicht auf eine genaue Diagnose, die uns noch zugehen soll und dem Gebot, in der Zwischenzeit Kopenhagen nicht zu verlassen. Nun ja, das wird mir schwerfallen, denn der Zug zurück nach Leipzig fährt schon am nächsten Morgen. Aber ich habe soviel Vertauen in die Doktoren Peter und Lizzibeta Wächter, dass ich mir sicher bin, dass sie Mittel und Wege finden, um mich auf meinen künftigen Weg als 3P-Patient zu führen.