sind wir nicht alle ein bisschen bad mersdorf?

Tag zwei des Eröffnungswochenendes und nun doch ein wenig von dem beim » Hamlet vermissten Chaos, dass durch die Risse der Ordnung dringt. Hier durch die Ordnung in Gestalt der Kleinstadt Bad Mersdorf, die – wohl immer ein furchtbares Kaff – in Nolte Decars jüngstem Theatertext Das Tierreich bösartigerweise auch noch von den Sommerferien heimgesucht wird.

Ach Rentner, die haben wenigstens alles schon hinter sich!

Sechs Schauspieler springen in die Rollen der 21 Halbwüchsigen, die zwischen Schulumbenennungs-AG, Badesee, Eisdiele und Theatergruppe nicht die Kraft aufbringen, nach einem Sinn, geschweige denn nach einem eigenen Lebensentwurf zu suchen. Regisseur Gordon Kämmerer verpasst ihnen frankensteinig-hohe Stirnen, stopft sie aus bzw. in skurille Kostüme und lässt die Puppen dann in einem bitterböse-heiteren Comic ein eindreiviertel Stunden über die Bühne tanzen. Den „Puppen“ gibt die Kostümierung offensichtlich die nötige Freiheit: zart, grotesk, trocken, komisch, schrill – das Ensemble kann sich hier durch die Bank weg sehen lassen.

Von der Eisdiele zur Theatergruppe, die den Homburg probt, von zarten Annäherungsversuchen auf einem Badetuch zurück auf den Marktplatz: In Nolte Decars Text wechseln Figuren, Szenen und  Schauplätze einander in loser Folge ab. Kämmerer setzt das Geschehen in immer neuen Varianten mit viel Drive, Musik und stetig hohem Tempo zusammen, ohne ihm den doppelten Boden zu nehmen. Durch den es immer wieder durchscheint, das große Nichts. An einem Ort, an dem die Leere des Sommers nicht auch ein Versprechen, sondern bloße Drohung ist.

Man braucht sehr lange um jung zu werden bemerkte einmal Picasso altersweise. Ob das Babet Müller, Heiner Liliencron, den Fürle-Zwillingen, Klaus Nöhler und den anderen je gelingt, darf bezweifelt werden.


Das Tierreich. Mit: Julia Berke, Pina Bergemann, Anna Keil, Dirk Lange, Andreas Hermann und Michael Pempelforth.
Wieder am 8./16. /26. Oktober und 14. und 22. November