Lanzelot | Nationaltheater Weimar/Theater Erfurt

große oper: konwitschny mit müller & dessau in thüringen

Für Leipziger Opernfreundinnen und Opernfreunde gab es 2019 gute Gelegenheit, Inszenierungen von Peter Konwitschny im Bühnenbild von Helmut Brade zu sehen, ohne weit reisen zu müssen. Bei den Händelfestspielen in Halle hatte Händels „Julius Cäsar in Ägypten“ Premiere – eine sehr sehenswerte Arbeit, die weiterhin im Spielplan der Oper Halle steht. Der eigentliche Knüller aber ereignete sich in Thüringen. In einer Koproduktion der Theater Weimar und Erfurt kam Paul Dessaus „Lanzelot“ auf die Bühne, ein Werk, das 1969 uraufgeführt wurde, seit 1972 aber nicht mehr zu sehen war.

Lanzelot @ Candy Welz
Lanzelot @ Candy Welz

Dafür mag der große Aufwand, den diese Oper fordert, ein Grund sein: fast 30 Solorollen, ein riesiger Chor, der stellenweise neunstimmig singt, dazu ein Kinderchor und ein derart umfangreich besetztes Orchester, dass es nicht in den Orchestergraben passt. Aber auch der Inhalt der Oper, der durchaus ganz verschieden gedeutet werden kann, dürfte eine Ursache dafür gewesen sein, dass diese Oper: in der Versenkung verschwand.

Die Handlung basiert auf dem Stück „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, vielen Theaterfreunden bekannt durch die legendäre Inszenierung von Benno Besson am Deutschen Theater. Ein Drache beherrscht eine Stadt, die Bürger der Stadt haben sich mit dieser Herrschaft abgefunden und sich darin eingerichtet. Alljährlich verlangt der Drache als Tribut eine Jungfrau, deren Hochzeit mit dem Drachen zugleich ihr Todesurteil ist. Zur Zeit der Entstehung in den 40er Jahren ließ sich das Stück als Anklage gegen den Hitlerfaschismus lesen. Trotzdem wurde es von der sowjetischen Zensur vorsichtshalber unterdrückt, sicher weil man das Potential sah, das Stück als Kritik an Stalin aufzufassen.

Für die Oper erstellte Heiner Müller unter Mitarbeit von Ginka Tscholakowa das Libretto. Schon allein dieser Text ist es wert, auf der Bühne zum Leben erweckt zu werden. Er funkelt vor Müllers doppelbödigem und zynischem Witz. Dessaus Musik setzt dem die Krone auf, wobei ich den Leser dieser Zeilen um Verzeihung bitte, dass ich mir eine genauere Beschreibung spare: als Musiktheaterlaie fehlen mir die passenden Worte dafür.

Wie man die Oper zu DDR-Zeiten verstehen sollte, kann man im Prolog nachlesen, der zwar auf der Bühne gestrichen ist, aber im Programmheft steht. Es heißt dort „Der Drache … kämpft mit Napalm und mit Care-Paketen…“. Doch zurück zur Handlung: Die Bürger reden sich ein, dass der Drache sich seinen Tribut auch verdient. Schließlich schützt er die Stadt vor anderen Drachen. Außerdem hat er in grauer Vorzeit die Menschen vor der Cholera gerettet, indem er mit seinem heißen Atem den See, aus dem Trinkwasser geschöpft wurde, erhitzt hat. Diese Geschichte zeigt das 1. Bild, das von einer Horde Steinzeitmenschen bevölkert wird. Dann fährt aber kein feuerspeiender Drache aus dem Schnürboden, sondern ein riesiger Tauchsieder, der sogleich einen Kübel Wasser zum Sieden bringt. Eine ebenso einfache wie geniale Lösung, denn nun erhalten alle Steinzeitmenschen einen Tauchsieder für den Hausgebrauch.

Damit ist angedeutet, wie die Regie die Metapher des Drachen deuten will. Es geht nicht mehr um Hitler oder Stalin, sondern um die kapitalistische Konsumgesellschaft. Das setzt sich auch im 2. Bild fort, in dem Elsa, die Drachenbraut, auftritt. Sie trifft vor einem Geschäft, das den bezeichnenden Namen „Müller-Elektro“ trägt und auf eine Firmentradition seit 1969 zurückblickt, auf ihre Freundinnen. Im Programmheft verweist Konwitschny auf den Club of Rome und damit auf die von jenem erwähnten Grenzen des Wachstums. Die Konsumgesellschaft will diese Grenzen nicht anerkennen und gräbt somit fleißig an ihren eigenen Wurzeln.

Lanzelot @ Candy Welz
Lanzelot @ Candy Welz

Lange hat es gedauert, bis die mahnenden Worte des Club of Rome in breiten Gesellschaftsschichten angekommen sind. Als Müller das Libretto schrieb, konnte davon noch keine Rede sein. So mutet es prophetisch an, wenn im Text von einem Beschwerdebuch die Rede ist, in das „Gras und Gebirge, Wälder und Steine, Flüsse und Meere“ jeden Tag neue Seiten schreiben. Und wer liest diese Beschwerden? Menschen vom Schlage eines Lanzelot, der nun die Bühne betritt. Als Drachentöter kommt er in die Stadt, muss aber erstaunt feststellen, dass die Bürger von seinem Plan, den Drachen zu töten, nicht begeistert sind. Nur Elsa, die ihre Stimme in Höhen führt, bei denen wahrscheinlich Gläser zerspringen könnten, stellt sich auf seine Seite. Hier haben sich zwei Menschen gesucht und gefunden haben. Ihr gemeinsames Kind wird in der Schlussszene geboren.

Zuvor aber hat Lanzelot den Kampf mit dem Drachen zu bestehen, bei dem ihn nur wenige Tiere und Arbeiter unterstützen. Der Drache bereitet sich mit Hilfe einiger Militärs auf den Kampf vor. Dabei werden ihm Beispiele für andere Helden gezeigt, die Ungeheuer besiegt haben. Da gibt es eine sehr amüsante Szene, in der Herakles u.a. einen Plüschlöwen zerfetzt. Doch trotz akribischer Vorbereitung – der Drache wird besiegt. Lanzelot kehrt aber zunächst nicht in die Stadt zurück. In einer berührenden Szene schildert er, mit einem Cellisten allein auf der Bühne, den Kampf.

Derweil hat sich der ehemalige Bürgermeister zum Präsidenten ernannt und schickt sich an, unter demokratischem Deckmäntelchen in die Fußstapfen des Drachen zu treten. Das Volk hängt seine Fahne in den Wind. Wie im Libretto vorgesehen, taucht dann Lanzelot auf, aber der Auftritt bekommt bei Konwitschny eine neue Dimension. Denn Lanzelot erscheint in einem Flüchtlingsboot, umgeben von Menschen in Rettungswesten. Die Flucht der Armen und Unterdrückten aus der Dritten Welt nach Europa hat Heiner Müller bereits an anderer Stelle vorhergesehen, hier wird sie auch in der Drachenoper Realität. Die letzte Zeile bei Müller lautet „Der Rest ist Freude – Freude der Rest.“ Die Parallele zu Hamlets „Der Rest ist Schweigen.“ ist offensichtlich. Für Konwitschny aber ist auch dieses doppeldeutige Ende noch zu versöhnlich, Er lässt den Präsidenten die Schüsse auf Lanzelot („Zu früh gejubelt, zu Ende das Fest“), die im Original noch verhindert werden, abfeuern. Doch Lanzelot und Elsa erheben sich wieder, für mich bleibt der Schluss offen.

Damit endet ein beeindruckender, äußerst gelungener Abend. Die Regie holt mit eigenen Ideen und gelungener Umsetzung derselben ein fast vergessenes Stück neu interpretiert in die Gegenwart. Das Bühnenbild ist durchweg überzeugend und geht souverän mit dem Problem um, dass zeitweise zwei große, bewegliche Plattformen integriert werden müssen, auf denen sich Schlaginstrumente tummeln, die man sonst wohl kaum zu sehen bekommt. Überhaupt die Musik: sowohl Sänger als auch Orchester sind ein Genuss! Keine Frage, das dieser Abend stürmischen Jubel im ausverkauften Weimarer Nationaltheater erntet. Weitere Vorstellungen wird es im Mai und Juni in Erfurt geben.


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Oper in 15 Bildern von Paul Dessau. Libretto von Heiner Müller nach Motiven von Hans Christian Andersen und der Märchenkomödie »Der Drache« von Jewgeni Schwarz, Mitautorin Ginka Tscholakowa. Musikalische Leitung: Dominik Beykirch. Regie Peter Konwitschny. Bühne und Kostüm Helmut Brade: Video Igor Fürnberg. Chöre: Andreas Ketelhut, Jens Petereit und Cordula Fischer. Mit: Emily Hindrichs / Christina Rümann, Máté Sólyom-Nagy, Oleksandr Pushniak, Juri Batukov, Wolfgang Schwaninger, Uwe Stickert, Daniela Gerstenmeyer, Andreas Koch, Andreas Karasiak, Ylva Sofia Stenberg, Heike Porstein, Katja Bildt, Jörn Eichler, Uwe Schenker-Primus, Gregor Loebel, Jens Schmiedeke, Jörg Rathmann, Klaus Wegener, Alexander Günther, Oliver Luhn, Henry Helmli, Walter Farmer Hart, Borislav Rashkov, Dmitriy Ryabchikow, Mark Mönchgesang, Jan Rouwen Hendriks / Heiko Mauchel, Susann Günther, Jong-Kwueol Lee und Kilian Bauer / Jasper Jakob Schönig.

Koproduktion des Deutschen Nationaltheater und Staatskapelle Weimar – Staatstheater Thüringen – und dem Theater Erfurt.
Premiere in Erfurt am 16.05.2020

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