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kein wunder geschehe – hawemann lotet in bonn nicht nur familäre schmerzgrenzen aus

Neuer Abend, neue Stadt, neues Theater – nach Sascha Hawemanns Dämonen-Premiere in Dortmund sind wir gleich noch ein Stück weitergereist: Am Bonner Schauspielhaus läuft seit Oktober eine Inszenierungdesselben Regisseurs. Vor Sonnenaufgang (in der Übertragung von Ewald Palmetshofer) ist ebenfalls eine großer Schauspielerabend, aber ein ganz anderer …

die metaphern wegfegen – dostojewski als entfesseltes und fesselndes ensembletheaterfest

Da rennen sie. Von der Bühnenmitte in breiter Front an die Rampe, bremsen abrupt, um gleich zurück zu hasten. Und noch einmal und wieder. In Dostojewskis Dämonen ist jeder angetrieben von den eigenen bösen Geistern, und beinahe keiner weiß, wohin eigentlich in den sich rasch wandelnden Zeiten. Dieses Irren und Suchen ist das Grundmotiv in Sascha Hawemanns Inszenierung, der den 1000-Seiten-Wälzer so größenwahnsinnig wie streitbar und genial auf die Dortmunder Schauspielbühne gestellt hat.

dann wollen wir erstmal einen plan machen – in hawemanns väter und söhne sucht die alte welt nach ihrem verlorenen ort

Auf dem bühnenbreiten Podest im Hintergrund sitzen die Spieler vor gestapelten Koffern wie in der Wartehalle des Lebens. Vorn bringt der alte Diener die Lichterketten links und rechts vom Bühnenportal ein letztes Mal zum Leuchten. Den Rest der Bühne taucht da schon die neue Zeit in grelles Licht, die die heimkehrenden Söhne in die Welt der Väter mitbringen.

du elender, roher, widerwärtiger, lieber mensch!

In einer kleine Szene recht am Anfang fragt der Liliom die Julie, ob sie ihn denn lieb habe. „Nein“, bekommt er zur Antwort. Warum sie denn dann bei ihm bliebe, will er wissen. Die Antwort ist ein trotzig-trutziges „Halt so!“. Und ganz genauso-halt-so! wuppt Sascha Hawemann Molnars Kleine-Leute-Rummelplatz-Drama auf die Bühne des Bonner Schauspielhauses: Ohne Erklärungsversuche, ohne Urteil und Wertung, ohne Kirmeskitsch und Vorstadtbierseligkeit. Ein hartes und rohes So isses und dennoch oder deswegen eines voll Herz und Poesie. 

just for one day – sascha hawemanns furioses iggy-bowie-doppel am schauspiel hannover

Über allem: der Dark Star. Nur durch winziger Löcher schießt er helle Strahlen über die düstere, theatervernebelte Bühne. Aber innen drin brennt es gleißend hell. Ein schönes erstes Bild für Sascha Hawemanns Abend über die Berliner Jahre von Iggy Pop und David Bowie. Denn auch das, was in deren Geschichte dunkel, brüchig und (selbst)zerstörerisch ist, birgt drinnen ein großes Leuchten, eine Strahlkraft, die auch noch 40 Jahre später wirkt.

überaus bunt und unglaublich nah – sascha hawemanns kirschgarten in dortmund

So nah sind wir der Ranjewskaja und den ihren in der Tat noch nicht gekommen. Ist doch Tschechows Kirschgarten ein Stück fürs große Ensemble und die große Bühne. Das große und, so viel sei schon veraten, tolle Ensemble gibt es am Schauspiel Dortmund auch. Sascha Hawemann hat die Geschichte der gutsherrlichen Insolvenzverschleppung aber nun mit viel (russischer) Seele in die intime Studiobühne versetzt.

geächtet: sascha hawemann lässt in hannover die rassismen an-tanzen

Do you remember, the 21st night of September? singen Earth, Wind & Fire am Ende und Jonas Steglich alias Abe alias Hussein tanzt dazu in 70er-Schlaghose und mit dickem Afro-Bob durch das ehemals stylische, jetzt ziemlich kaputte Upper-Eastside-Appartement. Der Sascha-Hawemann-geschulte Zuschauer reibt sich nach 90 furiosen Theaterminuten ein wenig verwundert die Augen: Wo sonst verlorene Seelen durch aus der Zeit gefallene Hotels irren oder sich die Illusionen an den Endstationen dieser Welt treffen, rückt der Regisseur Ayad Akthars Erfolgsstück mit so klugem wie böse-doppelbödigem Trash zu Leibe.