Lazaurus | Deutsches Schauspielhaus Hamburg

turn and face the strange. falk richters bowie-revue am schauspielhaus hamburg

Während sich in Leipzig die Endproben für das Bowie-Musical nähern, waren wir in Hamburg schon mal gucken, was uns Falk Richter da mit Alexander Scheer musikalisch und szenisch angerichtet hat. Und nach 2 1/2 Stunden mit argen Zweifeln sind wir am Ende dann doch alle ein bisschen Heroes.

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

Wie ermattet hängt er im durchsichtigen Plexiglassessel, auf dem eisig-blau leuchtenden Bühnen-Zacken, der mitten in den Zuschauerraum ragt. Im Anzug, die Haare natürlich bowierot, die Rechte klammert sich an den xten Drink, die Linke an die Fernbedienung. Der Mann, der 1976 vom Himmel fiel, hat es auch 2019 nicht zurück auf seinen Heimatplaneten geschafft und führt ein einsames Leben, das fast nur aus Vergangenheit und schmerzlichen Erinnerungen, Alkohol und paranoid-fantastischen Wachträumen besteht.

Alexander Scheer ist in Falk Richters Hamburger Lazarus-Inszenierung ein des Lebens müder Thomas Newton. Leeren Blicks dirigiert er die Welt auf den -zig Monitoren: Elvis, Kennedy, Reagan flimmern da zwischen kopulierenden Löwen, schwarz-weißen Cowboys, 89er Demonstranten und Bildern amerikanischer (Highschool)Massaker. Das ist neben einer zunächst graumausigen, später umso exaltierteren Assistentin das einzige an Realität, was zu ihm durchdringt und ein Nichts gegenüber der (alb)traumhaften Fantasiewelt, die in seinem Kopf entsteht.

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

David Bowie hat Lazarus zusammen mit dem irischen Theaterautor Enda Walsh kurz vor seinem Tod geschrieben: Eine merkwürdige Mischung aus nummernhaft aufgereihten Songperlen, einer Fortschreibung des oben bereits erwähnten Scifi-Dramas, in dem Bowie selbst den auf der Erde gestrandeten Außerirdischen Thomas Newton spielte und dem Ehe- und Lebensdrama der ebenfalls bereits erwähnten Assistentin. Daneben treten auf: der Beelzebub persönlich, ein elfengleiches Mädchen, das, zur Rettung Newtons entsandt, selbst erlöst werden muss, ihre Groupie-Kameradinnen, die Teenage Girls, und einige andere schillernden Nebenfiguren. Die Geschichte bleibt absichtsvoll wirr, auch wenn Lazarus natürlich von Verlust und Schmerz, Tod und Verlorenheit erzählt. Der gesprochene Text touchiert bisweilen schwer den Kitsch, möglicherweise klingt’s im Original besser, in der deutschen Fassung sehnt man nicht nur einmal den nächsten Song herbei.

Was auch immer Bowies Plan war mit diesem letzten Werk  (dass er einen hatte, unterstellen wir mal, wir reden hier schließlich von Bowie), Falk Richter wagt sich hier nicht wirklich an die Entschlüsselung desselben. Dafür nehmen er und seine Bühnenbildnerin Katrin Hoffmann die newton’schen Traumwelten gestalterisch fein auf: Auf der Drehbühne rotiert stetig und langsam ein Fantasiewaldhügel, in dem allerlei überirdische Gestalten und Maskengesichter irrlichtern, die sich – wie in einem Suchbild – erst beim genaueren Hinsehen zeigen. Vorn zeigen Ensemble und Band, was sie musikalisch, stimmlich und spielerisch draufhaben – und das ist einiges! Allen voran Tilman Strauß als teuflischer Valentine und Julia Wieninger als äußerst wandlungsfähige und stimmgewaltige Elly. Und Jonas Hien, der als Ben einen irgendwie unerklärlichen aber sehr sehr komischen Auftritt hinlegt.

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

Lazarus in Hamburg © Arno Declair

Ansonsten ist die Story hier in viel rosa, hellblau und vor allem Glitzer Glitzer Glitzer verpackt und mehr Revival-Show als Vexierspiel oder Entdeckungsreise. Da hilft die Videorealität ebenso wenig wie der Auftritt in Pussy-Riot-Gedächtnis-Häkelmasken und Fuck-Söder-Shirts. Das ist ein wenig halbherzig und als würde man die Bedeutung in der falschen Richtung suchen.

Still don’t know what I was waitin‘ for
And my time was runnin‘ wild
A million dead end streets and
Every time I thought I’d got it made
It seemed the taste was not so sweet

His Hotness Alexander Scheer ist selbstredend eine super Wahl für die Rolle: zart und kraftvoll, nie ganz greifbar, mit einer Portion Wahnsinn und schöner Uneindeutigkeit. Wenn er singt – zum Beispiel im wunderbaren Where are we now? – dann ist da all der Glanz und all der Schmerz und ein herrliches, dunkles Leuchten. Und dabei ist es völlig irrelevant (Gruß an die Kritikerkollegen), ob der Scheer nun klingt wie Bowie. Im Gegenteil, es ist doch gerade das Spannende, dass Scheer klingt wie Scheer und diesen Wahnsinnssongs noch jeder Menge Eigenes mitzugeben hat.

Leider lässt das enge Musical-Korsett diesen Ausnahmespieler, diesen Meister im Balanceakt zwischen absoluter Kontrolle und totalem (künstlerischen) Irrsinn, nicht so recht zum Zuge kommen. Oft sitzt er beobachtend am Rand der Szene, während die anderen mit Bowies Songs glänzen und scheint sich nicht nur in seiner Rolle als Newton zu fragen, was er hier eigentlich nochmal genau soll.

Sei’s drum, das amüsierwillige Hamburger Freitagabend-Publikum liebt es, der Saal steht geschlossen zum nicht enden wollenden Schlussapplaus und beim finalen Song sind wir dann doch alle irgendwie Heroes, wenn auch nur für einen … Abend.

In Leipzig feiert Lazarus am 15. Juni 2019 in der Regie von Hubert Wild Premiere. Und Alexander Scheer himself ist drei Wochen später in der Stadt. Da singt er dann zwar nicht Bowie, sondern mit Andreas Dresen und Band zusammen Gundermann. Aber vielleicht lässt er sich ja zu einem Lied überreden. (5. Juli, Parkbühne am Geyserhaus).


» Lazarus
Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Von David Bowie und Enda Walsh. Nach dem Roman »The Man Who Fell To Earth« von Walter Tevis, Deutsch von Peter Torberg. Regie Falk Richter. Bühne Katrin Hoffmann. Kostüm Andy Besuch. Musikalische Leitung Alain Croubalian. Video Chris Kondek. Licht Hartmut Litzinger. Dramaturgie Rita Thiele.

Mit Alexander Scheer, Gala Othero Winter, Tilman Strauß, Julia Wieninger, Thomas Mehlhorn, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Johanna Lemke, Nina Wollny, Chris Scherer, Ruth Rebekka Hansen und der Band Sonja Beeh, Samantha Wright, Bernadette La Hengst, Hanns Clasen, Alain Croubalian, Stephan Krause, Rebecca Oehms und Kay Buchheim.

Next Shows: 9./10. Juni 2019