und sie, was ist mit ihnen? leo skverers geschlossene gesellschaft

Montag, viertel vor acht und Trauben junger Menschen vor der Baustelle, längst nicht alle bekommen Karten. Drinnen feiert Leo Skverers dritter (und leider letzter) Baustellenabend Premiere. Nach dem anregend-sperrigen Das Missverständnis und der wunderbaren Else hat der nun Satres Geschlossene Gesellschaft in Szene gesetzt. Als szenisches Projekt. Was im besten Falle lustvolles Ausprobieren und Freiheit des Künstlers meint und leider zu oft mach-mal-darf-bloß-nüscht-kosten. In diesem Falle vielleicht beides? Auf jeden Fall war es: groß.

L’enfer, c’est les autres

Die Hölle, das sind die anderen. Wer kennt’s nicht, das Satre-Zitat. Aber nach diesem Abend weiß man, was man schon vorher mindestens ahnte: die Hölle, das sind wir selber. Skverers Geschlossene Gesellschaft ist nach allen Seiten offen; die ist mitten unter uns und gerade deshalb gibt es kein Entkommen. Das Publikum sitzt sich gegenüber, ist sich selbst Spiegel, dazwischen und auf drei freien Stühlen agieren die „Abwesenden“. Tote ist echt so ein unschönes Wort.

Ah, se ela soubesse / Que quando ela passa
O mundo inteirinho  / se enche de graça
E fica mais lindo / Por causa do amor

… beginnt der stumme Diener seinem Kontrabass, Töne und Rhythmus des Girls from Ipanema zu entlocken. Garcin, Inés und Estelle haben soeben das Zeitliche gesegnet und erwarten ganz offensichtlich nicht, im Himmel aufzuwachen. Warum, das wird sich schnell zeigen Es beginnt ein Tanz umeinander, der anfangs noch aufregender sein mag, als man sich den Tod gemeinhin so vorstellt, von dem aber schnell klar wird, das er ganz und gar kein Amüsement ist und vor allem: das er ewig dauern wird.

Drei Spieler. Ein Bassist. Geschlossene Gesellschaft in der Baustelle Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold

Drei Spieler. Ein Bassist. Geschlossene Gesellschaft in der Baustelle Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold

Das ist so großartig gespielt von den drei Schauspielern, die Satres philosophisches Setting auf sechs Beinen derart intensiv zum Leben erwecken, dass man beinah ewig Zuschauen möchte. Ohne Rückzugsort, ohne jede Requisite sind Pina Bergemann, Lisa Mies und Denis Petković ihren Figuren, dem Publikum und sich selbst ausgesetzt. Jeder ist dem anderen Spiegel, in dem der sieht, was nicht zu sehen sein soll. No sortie nirgendwo.

Und auch kein Folterknecht. Ein bisschen heiß ist’s, ok, und als erster wird Inés klar, dass es den auch gar nicht braucht und sie sich viel besser gegenseitig das – nun ja – Leben zur Hölle machen können. Wie die drei sich umkreisen, angreifen, aufeinander spekulieren, sich verbünden, lieben, hassen und verraten! Unter Denis Petković‘ vermeintlich gefassten Garcin schwelt eine geradezu greifbare Energie, die sich Bahn brechen will (und wird); wie Lisa Mies‘ die Fassade ihrer Estelle bröckeln lässt, ist großes Kino und genau wie jenes gleichzeitig tragisch und komisch und packender als in der Rolle der einzig klar sehenden, die anderen gegeneinander ausspielenden und dennoch schmerzhaft ehrlichen Inés haben wir Pina Bergemann am Schauspiel noch nicht gesehen. Wow.

Das ist doch nutzlos, hier fließen doch keine Tränen

Nach und nach verlieren sich die letzten Verbindungen zum irdischen Sein und nein, auch sich oder die anderen umbringen ist nicht, schließlich ist man bereits … abwesend.

Ah, por que estou tão sozinho?
Ah, por que tudo é tão triste?
Ah, a beleza que existe

Und weiter zupft Philipp Rohmer am und streicht seinen Kontrabass von der traurigen Playa Ipanema ins hoffnungsvolle Somewhere Over Rainbow und retour und immer weiter und aufs Neue und zurück auf Anfang und bis in alle Ewigkeit. Ein Stückchen Hölle mindestens nimmt man mit nach Hause aus diesem großen, lebendigen, intensiven, beeindruckendem, szenischen … Projekt? Theaterabend. Wir bleiben. Für immer? Zusammen. Zumindest einmal habt ihr noch die Chance.


» Geschlossene Gesellschaft. Noch einmal am 28. Juni, Baustelle Schauspiel Leipzig