volk ohne bühne – eine streitschrift

Die Diskussion um die Nachfolge von Frank Castorf bestimmt die Kulturfeuilletons der letzten Wochen. Doch das Hin und Her zwischen Castorf, Dercon und Renner verdeckt die eigentlich existenzielle Fragen: die zur Zukunft der Theater, aber auch der Kunst im Allgemeinen.

Everything dies baby that’s a fact. But maybe everything that dies someday comes back

In seinem Song „Atlantic City“ lässt Bruce Springsteen seine Akteure durch eine amerikanische Stadt streifen. Der Alltag besteht darin, in einer kalten und harten Umgebung ihr kleines Glück zu suchen. Dabei wissen sie genau, wie die Gesellschaft funktioniert: Gewinner oder Verlierer!

Volksbühne_Berlin_Winter

Es war einmal ein Land, das über viele Jahre geteilt war. In einem Teil wurde das Theater, in der letzten Phase dieses Landes zum Sehnsuchtsort vieler Menschen. Sie träumten von Freiheit, Revolution und Demokratie. Sie sahen auf der Bühne, die Ritter der Tafelrunde, welche auf der Suche nach dem Gral waren. Aber dieser glücksversprechende Gral existierte nur in der Ritter Phantasie, genauso wie bei den Mächtigen und Herrschenden ihres Landes, die immer vom Paradies erzählten, was die Menschen in der Wirklichkeit nicht sahen.

Aber das Theater teilte ihre Wünsche und Träume und vereinte alle, egal ob alt oder jung, in der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Und schließlich, irgendwann einmal im Herbst, gelangten die Utopien auf die Straße, wurde zu einem Feuer der Gedanken, Meinungen und Illusionen und schließlich gelang es dem Theater und den Menschen das der Vorhang fiel und das Lande sich wieder vereinte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

PROLOG IM HIMMEL
DAS LEBEN IST KEIN MÄRCHEN!!! ALLES KLAAAAR!!! DAS LEBEN IST KEIN WUNSCHKONZERT!!! VERSTANDEN – STILLGESTANDEN!!! KUNST KOMMT VOM KÖNNEN, NICHT VOM WOLLEN! SONST HIESSE ES WUNST!!!

Ich liege auf meinem Bett und träume: Das Theater funktioniert wie ein Märchen. Es gibt die Guten (im Theater) und die Bösen (nicht im Theater) und am Ende gewinnen immer die Guten und alle sind glücklich. Hallo Theater, ihr seid die Guten. Aber da ist sie wieder die Stimme. Ruft: WACH AUF!!! WILLKOMMEN IN DER REALITÄT!!!

OK. OK. Ich wach ja auf! Scheiße! Glotze an. Ist alles so schön bunt hier. Nachrichten. Was gibt neues auf dem blauen Ballon. Terror, Militärputsch, Hunger und Durst, Krieg, Hass und Gewalt. Wirkt sich alles negativ auf den Dax aus, sagt der Mann im TV. Danach die freundliche Frauenstimme: “Sehen Sie nun die neuste Folge unserer Telenovela Sturm der Liebe.“ Nö! Glotze aus.

Also Fahrrad raus und in die Pedale getreten. Hinein in diesen wunderbaren Wald, wo ich immer allein bin. Auf der Waldlichtung halte ich und lege mich ins Gras. Hier sieht die Welt immer so friedlich aus. Während die Wolken dahinfliegen, träume ich vor mich hin. Wann haben sich die Menschen und das Theater eigentlich verloren? Warum will keiner mehr Visionen und Utopien? Warum immer: „Gestern im Musical war’s so schön! Die Helene Fischer sieht aber gut aus. Wie der arme Kommissar Til Schweiger wieder leiden musste.“? Kotz. Würg. Einige schlaue sagen immer, die Kunst ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft. What? Also Männer mit zu viel Testosteron und Schaum vorm Mund auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Dann Lügenpresse rufen lassen. Oder frustrierte Hausfrauen die keifen: Die Flüchtlinge bekommt alles! Was bekommen wir?! Inzwischen soll es Leute die geben, die sagen: Das Problem in unserem Land ist, dass wir den Juden zu viele Moscheen bauen. Nein, danke.

Die Wolken ziehen immer noch. Stelle mir gerade vor, das Schlingensief, Zadek und Müller auf einer Sitzen und rufen: „Klar, früher war’s geiler!“ What about Westberlin? David Bowie, Nick Cave Lou Reed, Einstürzende Neubauten und Hans Neunfels. Für 1.000 DM konnte man ein super Leben führen und die Kunst, Wahnsinn. Klar, war das geiler.
Wie sang Marius: „Ich möcht zurück auf die Straße, möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut.“

Zadek auf der Wolke ruft mir zu: „Verdammt die Lothar als Lulu zusammen mit Tukur. Und dann noch Wildgruber, Fuchs, Hoffmann, Schubert und Redl. Und die Lothar. Die Hälft des Stückes nackt. War halt 68! Und wie der Wildgruber den Text gesprochen hat, immer wie ein Wasserfall. Da konnte es einem schwindelig werden. Wir wollten halt was ändern. Hatten noch Utopien“.

Schlingensief lächelt freundlich: „Ich hab doch schon im deutschen Kettensägenmassaker gesagt. Als Alfred Edel dem Ossi das Messer an den Hals hält und ruft: AB JETZT BEGINNT DER MARKT und IN EINER ZEIT WO ALLES MÖGLICH IST, IST ES EGAL OB ETWAS GUT ODER SCHLECHT IST. Aber ihr Wiedervereinigung und Deutschland, Deutschland über alles. Später immer Christoph will provozieren, Christoph ist ein Enfant terrible. Dieser ganze Müll. Es geht im Theater um Kunst! Alles klar! Ihr könnt nicht ein auf Flüchtlinge machen und dann Regierung und Publikum streicheln. So nach dem Motto: Sei’n Se ruhig, Geh’n Se weiter. Alles in Ordnung.“

Zadek ruft jetzt: „Na ist doch wie nach 45. Wir haben doch nichts damit zu tun. War doch nicht unsere Schuld! Auschwitz, das hat doch keiner gewollt. Heute schöne Supermärkte und Waffen an alle Welt, aber im Theater möchte ich nicht belästigt werden. Hauptsache der Sekt ist kalt. Muss der Afrikaner sich halt mal anstrengen. Jeder ist für sein eigenes Glück selbst verantwortlich. Das sind doch die Phrasen von den Leuten, denen ihr aller vier Jahre wieder an die Macht verhelft. Ich hab es euch schon früher gesagt: Der Kapitalismus ist eine kriminelle Vereinigung!“

Müller auf der Wolke zieht an seiner Zigarre. Er schaut so verschmitzt, wie nur er das kann: „Ich habe mal gesagt: Optimismus ist nur ein Mangel an Information. Aber ich glaube das Theater sollte dagegen steuern Trotz alledem! Everything dies baby that’s a fact. But maybe everything that dies someday comes back. Ich mein reich bleibt reich und arm bleibt arm. Die Revolution frisst ihre Kinder. Aber wer, wenn nicht das Theater sollte Gerechtigkeit leben. Wenn schon die Vorgartenzwerge in den Parlamenten es nicht auf die Reihe bekommen. Dann doch wir. FREIHEIT! GLEICHHEIT! BRÜDERLICHKEIT! Aber all das gibt nur im Paket. Ohne Gleichheit keine Freiheit – alles klar, Genossen. Seht der Fassbinder hat mal gesagt, dass man gegenüber dem Publikum nicht gefällig sein darf. SUPER! Wisst ihr, wir waren damals so gut mit Hamletmaschine und Uli Mühe, weil wir uns an der bestehenden Wirklichkeit gerieben haben. Habt ihr nach euer Wende nur vergessen. Seit lieber Hand in Hand mit dem System marschiert und habt die Liebe vergessen. Leider könnt ihr so nur verlieren. Peter, Christoph war genug Elend für heute. Wolke zieh bitte, bitte weiter.“

Die Wolke zieht weiter. Rauf aufs Fahrrad, in die Pedale getreten. Klar. Warum nicht. Besser DAS THEATER FICKT EUCH als WIR FICKEN DAS THEATER. Logisch. Doofe Frage. Oder? Talking about Revolution.

Zu Hause. Glotze an. Alles so schön bunt hier. Erst Gewalt, Hass, Krieg und und und dann hat Helene wieder Sauerstoffmangel und Rosamunde pilchert vor sich hin. Vielleicht doch ins Theater. WEITERGEHEN! NICHT STÖREN! Na gut schlafen! Und wenn sie sich nicht totgeschlafen haben, dann…

„Everything dies baby that’s a fact. But maybe everything that dies someday comes back”.

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