L’Africaine | Oper Halle

von europa nach afrika – eine oper in vier fortschreibungen

Wer weiß schon, dass mit Anton Wilhelm Amo im 18. Jahrhundert ein promovierter Philosoph afrikanischer Herkunft an der Universität Halle lehrte? Und dass ein Denkmal für ihn nur ein paar Schritte von der Oper Halle entfernt steht? Oder dass mit Karambe Diaby ein in Senegal geborener Hallenser für die SPD im Bundestag sitzt? 

L'Africaine © Falk Wenzel

L’Africaine © Falk Wenzel

Gemeinsam mit der Oper Lübeck und einem afrikanisch-europäischen Künstlerkollektiv hat die Oper Halle ein Kooperationsprojekt mit dem Titel „I like Africa and Africa likes me – I like Europe and Europe likes me“ auf den Weg gebracht. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit den afrikanisch-europäischen Beziehungen passt in eine Zeit, in der Rassismus und Nationalismus wieder auf dem Vormarsch sind. Das Projekt ist eine Koproduktion mit der Oper Lübeck und wird vom Fond Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

In dieser Spielzeit geht es an der Oper Halle um die Oper „L’Africaine“ von Giacomo Meyerbeer. Das europäisch-afrikanische Inszenierungsteam um Thomas Goerge, Lionel Somé und Daniel Angermayr wird diese Oper in der Raumbühne BABYLON einem mehrfachen Übermalungsprozess unterziehen. Nach der ersten, europäischen Version, die jetzt zu sehen war, entsteht zu jedem der vier Raumbühnenblöcke eine Fortschreibung. Am Ende soll im Juni 2019 eine „afrikanisierte“ Africaine stehen.

Man könnte auch sagen, der Geist der Kolonialzeit, der noch in dieser Oper atmet, soll vertrieben werden. Dazu planen die Regisseure eine Reinigung, die an ein Ritual des westafrikanischen Volkes der Dagara angelehnt ist. Dieses Ritual wird in genau vier Stufen vollzogen: Auseinandersetzung mit den Ahnen, Versöhnung, Reinigung und Verwandlung.

Am Beginn stand also die Auseinandersetzung mit den Ahnen. Einer der Ahnen ist in diesem Fall natürlich Giacomo Meyerbeer. Dass als Ahnin außerdem noch Sarah Baartman, auch bekannt als „Vénus hottentote“, eine Rolle spielt, bekommt man wohl nur mit, wenn man das Programmheft liest. Diese Frau vom Volk der Khoikhoi wurde im Europa des frühen 19. Jahrhunderts aufgrund anatomischer Besonderheiten als Kuriosität ausgestellt – eine Praxis, die auch in den sogenannten Völkerschauen üblich war und belegt, dass Bewohner der Kolonien in Europa nur als Menschen zweiter Klasse galten.

Auf der Opernbühne in Halle tauchen Meyerbeer und Baartman als Puppen oder Totemfiguren auf, als sinnbildliche Ahnen der in der Oper auftretenden Europäer und Afrikaner. Die Handlung der Oper führt zurück ins Zeitalter der großen Entdeckungsfahrten. Vasco da Gama tritt auf, er hat von seinen Erkundungsfahrten an der westafrikanischen Küste zwei Sklaven – die titelgebende Afrikanerin Sélica und ihren Diener Nélusco mitgebracht. Sie sollen ihm als ortskundige Führer bei der Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung dienen. Nach Auseinandersetzungen mit der Inquisition sieht man schließlich Vasco da Gama auf einer weiteren Expedition nach Afrika, auf der sein Schiff von Eingeborenen geentert wird.

L'Africaine © Falk Wenzel

L’Africaine © Falk Wenzel

Nun wird die Handlung allerdings etwas unglaubwürdig, denn die Eingeborenen beten zu Brahma, sind also Hindus. Nach den opernüblichen Verwicklungen reisen schließlich Vasco da Gama und seine europäische Geliebte Ines per Schiff zurück nach Portugal, während Sélica, die eine Prinzessin ist, in Vasco da Gama verliebt war und ihn vor dem Tod gerettet hat, ihrer Liebe entsagt und durch Einatmen des Duftes des giftigen Manzanillabaumes den selbstgewählten Tod findet.

Exotisch ist das alles, wenn auch ein geographisches Chaos herrscht. In der „Auseinandersetzung mit den Ahnen“ wird diese Handlung weitgehend original präsentiert. Freunde der klassischen Oper werden sich wohl an kleinen Zufügungen, wie z.B. fünf afrikanische Möbelpacker und ein Hase mit Schluckauf, nicht weiter stören. Die afrikanischen Performer greifen vor allem per Video ein und sind fast durchgängig auf den Bildschirmen zu sehen, auf denen man auch den deutschen Text der Oper nachlesen kann.

Hält man die Augen offen, kann man aber noch allerhand entdecken, dass über die Meyerbeersche Oper hinausgeht. So stehen Schilder herum, auf denen man z.B. lesen kann: „Jeder Herero wird erschossen.“ Nélusco trägt die Kleidung eines Guantanamo-Häftlings und die Performer haben kurz vor Schluss noch einen realen Auftritt und bestatten schließlich Sélica. Wie man bei diesem ersten Schritt in der Überarbeitung dieser Oper vermuten konnte, dominiert hier noch das Original. Man kann davon ausgehen, dass sich der Abend bei künftigen Aufführungen immer weiter davon entfernen wird. Für alle, die sich das nicht entgehen lassen wollen, bietet die Oper Halle ein spezielles Abo an.


» L’Africaine 
von Giacomo Meyerbeer. Musikalische Leitung Michael Wendeberg. Musikal. Arrangements / Komposition Richard van Schoor. Inszenierung, Textbuch und Video Thomas Goerge, Lionel Poutiaire Somé. Ausstattung Daniel Angermayr. Raumbühne Sebastian Hannak. Mit: Matthias Koziorowski, Romelia Lichtenstein, Liudmila Lokaichuk, Daniel Blumenschein, Robert Sellier, Ki-Hyun Park, Gerd Vogel, Michael Zehe/Magnús Baldvinsson, Lionel Poutiaire Somé, Abdoul Kader Traoré, Rosina Kaleab, Karmela Shako, Jona Bergander, Thelma Bouabeng, Serge Fouha, Peggy Klemm, Mattaj L’Huissier, Kristian Giesecke, Andreas Guhlmann, Sebastian Byzdra, Maik Gruchenberg, Till Voss und Hwa Young Chun.

Folge II am 16. und 25. Januar, Folge III am 24. und 29. März und Folge IV am 21. und 29. Juni und am 7. Juli 2019