Räuber-Ratten-Schlacht | Schauspiel Hannover

waschhausratten und schweigefüchse – alex eisenachs letzter aufschlag in hannover

„Das ist kein Zufall, das ist gut gebaut“, heißt es in einer Szene, an der ein Requisit genau an der Stelle und in dem Moment auftaucht, wo es gebraucht wird. Genauso verhält es sich mit dem ganzen Abend: unglaublich klug verwebt er seinen Schiller mit Hauptmann und Heiner Müller zu einer deutschen Tragödie und lässt Gedanken, Bilder, Erkenntnisse und Fragen auf den Punkt genau an den richtigen Stellen aufblitzen. Er wechselt so behände Zeiten und Räume, dass es einen schwindelt. Und Sprachen, auch wenn es sich dabei immer um Deutsch handelt.

Räuber Ratten Schlacht © Katrin Ribbe

Räuber Ratten Schlacht © Katrin Ribbe

Die titelgebende Ratte (Mit zauberhaften Wiener Schmäh: Andreas Schlager) ist heuer ein sehr reinliches Tier. Immerfort wäscht sie Deutschlandfahne um Deutschlandfahne, während ein antiker Chor die Schuldfrage stellt. Nur die schwarz-weiss-rote mit diesem kantigen Symbol in der Mitte will einfach nicht sauber werden. Nach dieser starken Eingangsszene geht es äußerst munter und sehr durchdacht weiter: vom Franz im Moorschen Schlosse in Paulinens Mietshaus-Elend, vom von der Geschichte entzweiten Brüderpaar Müllers auf Harro Hassenreuters Dachboden, auf dem dann wieder der hehre Schiller …

Durch das Nach-, oder besser: das Ineinander, entstehen ganz erfrischend-neue Assoziations- und Erkenntnisräume in Sachen Deutsch-, aber auch in Sachen Mensch-Sein. Brutal geht es meistens zu, mit Verrat und Krieg, die Revolution frisst ihre …, böhmischem Wald und Landwehrkanal. Die Macht (des Kollektivs) gegen die Freiheit des Einzelnen. Und, als einzige tröstliche Aussicht, jene, dass die Menschheit in dreitausend Jahren nur noch eine 10 Zentimeter dicke Sedimentschicht sein werde.

Franz bedrängt Amalia, Jette John setzt die schwangere Pauline unter Druck, Soldaten werden zu Kannibalen, der Kleinbürger erschießt seine Familie und irgendwo bügelt einer stoisch weiter die Deutschlandfahnen. Der Reigen der Geschichte(n) dreht sich weiter und weiter und hinterlässt dabei mehr und mehr Trümmer und Leichen. Die beiden bekittelschürzten Weltgeschichtsputzfrauen (Jakob Benkhofer und Günther Harder) rauchen lieber ein Kippchen, statt ihrer Arbeit nachzugehen. Lohnt eh nicht, den Dreck wegzuräumen. Bald kommt der nächste, die nächste Sauerei, das nächste Opfer.

Räuber Ratten Schlacht © Katrin Ribbe

Maximilian Grünewald und Jakob Benkhofer in Räuber-Ratten-Schlacht © Katrin Ribbe

Das alles ist klug, aber nie verkopft. Ist genau gearbeitet und lässt dennoch Raum für herrlichste Improvisationen. Ist irre komisch, aber mitnichten eine Komödie. Niklas Kraft und Sven Michelson legen einen schlagzeuglastigen, treibenden Beat darunter, einen donnernden Dauerherzschlagsound, der einen gleich ganz körperlich mitnimmt und nicht wieder aus den akustischen Fängen lässt.

Den Spielern sieht man in jeder Szene an, dass das ihr Abend ist, dass hier etwas gemeinsam erschaffen wurde. Lisa Natalie Arnold ist ein fantastischer,  hochperrückter und Smoothie trinkender Franz, Carolin Haupt zeigt ein unglaubliches Spektrum und blitzschnelle Wandlungsfähigkeit: von Hauptmanns verlorener Pauline zur widerständigen Amalia bis zum schwarz beflügelten Engel der Geschichte. Susana Fernandes Genebra ist in der Rolle der Jette John in einem beeindruckenden Wechselbad der Emotionen. Die Herren Schlager und Hartmann laufen im Impro-Wettstreit um das knödeligste Sendungsbewusstsein – Schweigefuchs! – zur komödiantischen Höchstform auf. Günther Harder überzeugt auch dann noch als Karl Moor, wenn er in einer Nylonschürze steckt und Lockenwickler trägt. Wenn Jakob Benkhofer als Mädchen irgendwo zwischen Hauptmanns Walburga und müllerscher Germania die Kleinbürgerhochzeitsgeschichte wie nebenbei erzählt, läuft es kalt den Rücken herunter. Und gleich noch ein bisschen kälter, wenn Max Grünewald, der seine Figuren den ganzen Abend in feinster Schwebe hält, ihn gleich drauf im langen, transparent-roten Kleid an die Wäsche will. Was gewissermaßen aber auch schon wieder komisch ist.

Ein Abend, den man mehr als nur einmal hätte sehen müssen, weil es bestimmt noch viel mehr zu entdecken gibt. Ein Abend, den man auch gut mehr als einmal hätte sehen können, weil er verdammten Spaß macht. Dafür ist es nun leider zu spät. Nicht zu spät ist es für eine tiefe Verneigung vor diesem so scharfsinnigen wie uneitlen und spielfreudigen Regisseur und eine letzte vor diesem großartigen Ensemble!


» Räuber-Ratten-Schlacht
Mit Friedrich Schiller, Gerhard Hauptmann und Heiner Müller. Von Alexander Eisenach. Bühne Daniel Wollenzin. Kostüme Lena Schmid. Musikalische Leitung Sven Michelson. Dramaturgie Johannes Kirsten. Mit Lisa Natalie Arnold, Jakob Benkhofer, Susana Fernandes Genebra, Maximilian Grünewald, Günther Harder, Henning Hartmann, Carolin Haupt und Andreas Schlager. Live-Musik Sven Michelson und Niklas Kraft.