Antigone | Deutsches Theater Berlin

wer nur mit worten liebt, ist nicht mein freund

Leichtfüssig beginnt dieser Abend in der Box des Deutschen Theater Berlin. Lisa Hrdina und Jonas Sippel tanzen zunächst passend zu Another One Bites the Dust als Krähen auf dem staubigen Leichenacker. Hernach erzählen die beiden schrägen Galgenvögel fein launig erst einmal die ganze, tragische Vorgeschichte des antiken Dramas dieser Antigone. Falls wir die nicht mehr so ganz auf dem Schirm hatten …

Von Laios und Ioskaste hören wir. Von einer Sphinx, die um Theben schleicht. Und vom Vatermörder Ödipus, der schließlich die grausame Prophezeiung aller Verhinderungsversuche zum Trotze erfüllt. Nein, this is not the beginning – jeder trägt hier schon schwer an der Vergangenheit und ist unlösbar an die Verfehlungen der Ahnen gebunden.

Antigone © Arno Declair

Antigone © Arno Declair

Denn nach Ödipus Abgang streiten sich seine Söhne um den Thron in Theben. Was beiden das Leben kostet. Allerdings starb nur einer in Ehre, auf der ‚richtigen‘ Seite. Dem anderen, Polyneikes, verweigert Onkel und Statthalter Kreon die göttergebotene Bestattung. Wogegen sich die Schwester, Antigone, auflehnt und schon beginnt das nächste, tödliche Drama, an dessen Ende eben jenem Kreon nichts bleiben wird, außer der eigenen Schuld.

Allein der Trotzige ist blind.

Der Haupteil dieser Antigone hätte musikalisch durchaus mit Queens Don’t Stop Me Now weitergehen können, denn er ist vor allem eine fulminante Kreon-Show. Die Regie wechselt aber von Rock’n’Roll zum ernsthaften Dramen-Ton und setzt Chor und die Spieler jetzt sehr klassisch-rhythmisch in Szene.

Und setzt ins Zentrum nicht so sehr die titelgebende Antigone, sondern vielmehr König Kreon. Machtgewinn und Machterhalt, Staatsräson um jeden Preis, Einsamkeit und Geliebt-werden-wollen: wie einen Tanz gibt Manuel Harder den Kampf mit dem Thebener Thron (und den mit sich selbst): kraftstrotzend und aufbrausend in einem Moment, im nächsten lauernd-freundlich mit einer verhaltenen, subtilen Gefährlichkeit: Keine Frage, wer hier die Schritte auf dem Parkett bestimmt.

Antigone © Arno Declair

Nora Schemm als Antigone © Arno Declair

Nicht um ein Feind,
um ein Freund zu sein,
bin ich geboren.

Fast statisch, ganz präzise (Durch)Haltung und damit auch formal ein Gegenpol, steht dem Nora Schemms Antigone im blutroten Abendkleid gegenüber. Anklagend, ungefiltert brechen die Worte förmlich aus ihr hervor. Aber sie bleiben in ihrem Pathos zu oft seltsam blutleer. Allein mit Worten, so scheint es, können hier weder Figur noch Spielerin diesem Kreon Paroli bieten. Vor allem letzteres führt zu einem etwas unglücklichen Ungleichgewicht und das ist schade, denn Schemm hat eine beeindruckende Bühnen-Präsenz, die immer dann besonders aufleuchtet, wenn sie das starre Sprach- und Spielkorsett ein wenig aufschnürt. Wenn sie ihre Schwester Ismene bedrängt und buchstäblich beim Schopfe packt, sich beinah zärtlich die rote Farbe auf den Körper malt oder stumm den letzten Gang antritt, dann ist ganz viel erzählt.

Wer hingegen mit diesem Kreon ganz gern ein Tänzchen wagt, ist Jonas Sippel, ebenfalls aus dem Ensemble des inklusiven Rambazamba-Theaters. Mit einer schönen Nonchalance und einer ganz eigenen Art kluger Durchtriebenheit scheint der ungeliebte Überbringer schlechter Nachrichten die Volten auf dem gefährlich glatten politischen Parkett zu kennen, ja, seinem Herrscher sogar manchmal einen (Tanz)Schritt voraus zu sein.

Ebenfalls gar nicht starr, wenn auch präzise und wirkungsvoll choreographiert ist der Chor. Bernd Freytag hat eine ganz wunderbar heterogene, ausdrucksstarke Truppe zusammengetrommelt, die – als Kommentator, Volk, Erzähler, Ankläger – eine erstaunliche Vielstimmigkeit bei gleichzeitigem Einklang erzeugt.

Antigone © Arno Declair

Antigone © Arno Declair

Ein fein komponierter, ein sehr energetischer Abend in der Box und doch bleibt er ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück: mit seinen so besonderen und ganz verschiedenen Spielern und Stimmen hätte er durchaus das Zeug gehabt, gewohnte Erfahrungswelten und gelernte Verständnisebenen auch mal aufzubrechen. Ganz am Schluss die Replik auf den Anfang: Jonas Sippel wischt mit Facility-Manager-Equipment das eben reichlich vergossene Blut weg, im doppelten Sinne programmatisch begleitet von Freddy Mercurys I Want To Break Free …


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Eine Koproduktion des Rambazamba Theaters und des Deutschen Theaters Berlin
Regie: Lilja Ruprecht. Bühne / Kostüme Paula Wellmann. Leitung Chor Bernd Freytag. Musik Romain Frequency. Dramaturgie Meike Schmitz. Mit Manuel Harder, Zora Schemm, Juliana Götze, Aaron Smith, Lisa Hrdina, Hieu Pham, Jonas Sippel, Christiane Dutack-Jankowski, Hoang Tran Hieu Hanh, Cherry C. Lewis, Anne-Sophie Pied (Gesang), Guenter Schmidt und Waltraut Wollin.