when another madness reigns – antú romero nunes macbeth am wiener burgtheater

Unser erster Besuch in der Wiener Burg, unsere erste Inszenierung von Antú Romero Nunes und wir sind schon ziemlich neugierig: Nur anderthalb Stunden soll die ganze Tragödie dauern, nur drei Spieler sind dafür auf der Bühne.

Macbeth © Reinhardt Werner/Burgtheater

Macbeth © Reinhardt Werner/Burgtheater

Bühnenbildner Stéphane Laimé hat den an sich schon sehr beeindruckenden Burgtheater-Zuschauersaal detailgetreu mit Balkon, Lampen und allem drum und dran auf der Bühne einfach weitergebaut. Das hat optisch durchaus Etwas und man hat dann auch länger Zeit, interpretatorische Überlegungen zum Warum anzustellen, während bei vollem Saallicht eine weißbehemdete, langhaarige Jungmädchenschar – immer hörbar kreischend aber sichtbar nur durch ein offenes Portal in der hinteren Wand – hinter der Bühne hin und her rennt. Wandeln sie also eigentlich mitten unter uns, die Shakespear’schen Könige, Teufel und Geister? Oder sind wir – quasi in Verkehrung des Zitats All the world s a stage? alle immer und überall nur Zuschauer? Diese hier räumliche Ambivalenz zieht sich in der Folge recht schön durch den ganzen, kurzen Abend – ohne sich am Ende irgendwie zu erklären oder zu entscheiden.

Da flieht also die reine Unschuld vor der Grausamkeit der Macht. Oder sind es schon die gemeuchelten Kinder und Kindeskinder der Lady MacDuffs? Als nach diesem Prolog die drei Spieler die Bühne betreten, sind wir gleich mitten in der unheilvollen Weissagung der drei Hexen:

Heil dir Macbeth,
der König wird DANACH!

Die drei Spieler sind hier im fließenden Rollenwechsel sowohl die Hexen und Mr. und Mrs. Macbeth und König Duncan. Starke Spieler in großartigen Kostümen sind das. Mit hohen Stirnen, splissigen, langen, blonden Sauerkrautperückenhaaren und geröteten Augen kommen sie daher wie Untote oder wie Aliens. Unter den blutroten Roben tragen sie enge, mit Adern bemalte Suits, die so bildlich unter die Haut gehen.

Macbeth © Reinhardt Werner/Burgtheater

Lady (Macbeth) in Red – Christiane von Poelnitz © Reinhardt Werner/Burgtheater

Merlin Sandmeyer ist als König Duncan, man kann’s nicht anders sagen, eine coole (Rampen)Sau – lässig-schnoddrig, mit trockener Komik aber immer auch ein bisschen unheimlich, denn die Tiefe, die in dieser Figur steckt, schwingt mit. Was für ihn gilt, gilt für Ole Lagerpusch (den wir aus Berlin, aus Martin Laberenz‘ Inszenierung des Geizigen am Deutschen Theater kennen) umso mehr. Als Zerissenen gibt er seinen Macbeth, bedrohlich, wenn nah dem Wahnsinn, verzweifelnd wenn allein, Wachs in den Händen seiner ehrgeizigen, skrupellosen Frau.

Bei ihm ist alles Furcht und Liebe nichts

Christiane von Poelnitz beim Lady Macbeth sein zuzuschauen, ist – last but not least – die reine Freude. Schon wie sie das danach der Prophezeiung haucht – man kann die mordlustigen Pläne hinter der hohen Stirn förmlich Gestalt annehmen sehen. Groß auch, wie das Paar Macbeth mit Worten und Gesten, zum Teil auch nur mit scharfen Atemzügen miteinander ringt. Das ist ein so intellektueller wie körperlicher Zweikampf, ein Umarmen und Umkreisen – beinahe wie zwei Stimmen einer einzigen Figur. Eine überraschend große, zupackende, kraftvolle Körperlichkeit hat das dieses Paar und setzt damit einen Kontrapunkt zum sonst eher artifiziell angelegtem Spiele.

Macbeth © Reinhardt Werner/Burgtheater

Macbeth © Reinhardt Werner/Burgtheater

Nunes komprimiert seinen Shakespeare, gleichzeitig loopt er die Königsmordszene und setzt einen jeweils anderen Macbeth – hier schwach, da bedrohlich – in das Kammerspiel. Aus dem toten König ersteht Banquo, Macbeths nächstes Opfer und tritt im Nebelfluss der Zeit – der mittlerweile eindrucksvoll durch die Türen des Königschlosses über die Bühne fließt – wirkungsvoll auf der Stelle.

Könich bist du,
alles has(s)t du …

Eindrücklich wird es noch einmal gen Ende, als Ole Lagerpusch seine Maske ablegt, die rote Bühnenwandverkleidung abreißt und so quasi doppelt das jeweilige Dahinter sichtbar macht. Und auf einmal ist dieser Macbeth ein so sympathischer wie gleichzeitig furchterregender Typ. So einer, von dem du weißt, er wird dir gleich die Kehle durchschneiden, aber erstmal streicht er dir ehrlichen Herzens tröstend übers Haar, weil du Angst hast. Und das alles nur mit (Körper)sprache. Chapeau.

Love is on top, fucking pain

Ganz am Schluss gibt Lady Macbeth sich selbst den Todeskuss – effektvoll umrundet vom bühnenfüllenden Mädchenchor, der Woodkids Song Central Park zunächst nur flüstert und dann mit glasklaren Stimmen singt – eine Art Feier der reinen Schönheit der Grausamkeit? On the edge to Kitsch? Vielleicht, aber auch (be)rührend und ziemlich intensiv. Bei allem ästhetischem Genusse bleibt die leise Frage nach Gehalt und Warum. Vielleicht ja einfach, weil er’s kann? Manchmal ist das ja aber auch genug – zumindest für einen kurzweiligen, intensiven, schauspielerstarken und fokussierten und sehr unterhaltsamen Theaterabend.


» Macbeth
William Shakespeare. Regie Antú Romero Nunes. Bühnenbild Stéphane Laimé. Kostüme Victoria Behr. Musik Johannes Hofmann. Licht Norbert Joachim. Mit Ole Lagerpusch, Christiane von Poelnitz und Merlin Sandmeyer. Sängerin und Pianistin Paloma Siblik. Musiker Lenny Dickson, Tommy Hojsa, Alexander Wladigeroff und der Post und Telekom Musik Wien unter Christian Schranz und dem  Kinderchor The Vivid Voices.

Nächste Vorstellung: am 30. Mai 2018, Burgtheater Wien