Zum Tod von Dieter Jaßlauk | 1934 - 2019

wir können alle nur lernen, pflichtfach: wahrhaftigkeit

Im letzten Oktober ist der Dieter Jaßlauk im Alter von 85 Jahren gestorben. Philipp Preuss, in dessen Inszenierungen von Der Sommernachtstraum und Peer Gynt der Leipziger Schauspieler zuletzt spielte, schickte eine Grußbotschaft zur Gedenkfeier ins Leipziger Schauspielhaus, vor allem aber nach oben, zu Dieter.

Ja hier,
check, check,
hallo Halle.

Ach so, gibt gar kein Mikrophon. Ach so doch. Ne doch nicht. Eigentlich wollte ich ja jetzt bei euch sein. In Leipzig. Leider ist ein Todesfall dazwischen gekommen, also noch ein Todesfall. Also nicht meiner. Ramallahs Oma ist letzte Woche gestorben. Und wir müssen genau heute, jetzt in Bregenz sein, weil da die Beerdigung ist. Natürlich habe ich mir überlegt, ob ich nicht nach der Beerdigung noch nach Leipzig hoch kommen kann, eine Tour de Pompes Funébres quasi, flexibel mit dem Flixbus, aber das ist selbst für uns Österreicher etwas zu, na ja, krude. Deswegen spricht, also liest, der liebe Kollege Felix diese wenigen Wörter.

Felix hat Dieter ja genug gefuxt und getriezt mit seinen Improvisationen und Extemporés, nur dass der Dieter als Aase sich nicht fuchsen liess, weil er immer noch fuchsiger und ausgefuchster war als der ausgefuchste Felix und jetzt muss sich der Felix an diese Wörter halten. Und alles brav ablesen. Schön. Das hätte den Dieter gefreut. Aber der Reihe nach.

Noch mal auf die Bühne: In "Ein Sommernachtstraum" anno 2015 © Rolf Arnold
Noch mal auf die Bühne: In „Ein Sommernachtstraum“ anno 2015 © Rolf Arnold

Ich habe den Dieter kennengelernt als Handwerker, im tatsächlichen Sinn. Wir haben noch einen Maurer gesucht. Für den Sommernachtstraum. Und Enrico hat von dem älteren Kollegen geschwärmt und gemeint, na vielleicht macht das der Dieter. Ich habe ihn angerufen und wir haben uns im Café getroffen. Vis a vis im Telegraph. Dieter war eine Legende, eine Leipziger Legende und ich war einigermaßen nervös. Ich wusste ja gar nicht, ob Dieter da mitmachen will.

Wir hatten ja viel vor: Gewandhausorchester, Drehbühne, der Sommernachsttraum als Alptraum, ein irrwitziger Wald, dazu ein verwirrter russischer Avantgardekomponist namens Kornelius Wladimir Heidebrecht, Hektoliter Elfenblut, zusätzlich Videowahnsinn in Cinemascope. Ich war mir eigentlich sicher, dass Dieter da nicht mitmacht, wenn er noch bei Verstand ist. Ich hab ihm also alles aufgezählt, hab das Konzept gepitcht und gepitcht und ja, auch gepitcht, und ich meine, er kannte ja noch seine wirklich extrem komplizierten Kolleginnen und Kollegen noch gar nicht, von denen wollte ich erst gar nicht anfangen. Jedenfalls, ich hab das Konzept verteidigt mit Philosophie, Soziologie, mit Freud und Lacan und allen Geschützen der theatergeschichtlichen Bedeutung, die uns in dieser Schlacht bevorstanden. Worauf Dieter mich nur etwas mitleidig lächelnd anschaute und meinte: „Nu, werden wir schon machen, was soll sein?“ – sollte das Felix nicht in leicht sächsischem Duktus gesprochen haben, dann bitte vorstellen – Ja und so war Dieter ein Handwerker im Sommernachtstraum geworden.

In seiner damaligen Antwort lag schon alles: Mut, Loyalität, Herzensgüte und ein Schalk, der den anderen und vor allem sich selbst nicht all zu ernst nahm, und den anderen damit am allerschönsten und allermeisten respektierte und eben mehr als nur ernst nahm. Dieter war also Tom Schnauz, Kesselflicker. Und wenn man meinte, niemand hätte je vorgehabt eine Mauer zu bauen, dann hat man Dieter nicht gekannt. Was war er für eine Mauer. Eben eine, die er selbst wirklich steigen und fallen sah, wie der Kollege und Jungregisseur Peter Squenz richtig bemerkte. Und war die Liebe zwischen Pyramus und Thisbe schon eine atemberaubende amour fou, dann hat man noch nie eine solche Wand der Liebe wie Dieter gesehen. Eine love wall, eine mur d’amour. Ja es gab schon viele Mauern: den Limes, die Chinesische Mauer, den Hadrianswall, die Berliner Mauer und jetzt eben Tom Schnauz.

Und deshalb geht die Wand jetzt ab "Ein Sommernachtstraum" © Rolf Arnold
Als Wand hab ich erfüllet meinen Zweck. Und darum geht die Wand jetzt einfach weg.:  „Ein Sommernachtstraum“ © Rolf Arnold

Ramallah, die gerade neben mir sitzt, – ich soll schöne Grüße ausrichten, was ich jetzt aber sicher nicht machen werde, das kann Felix für mich machen – meint, ich soll die Geschichte mit dem Bühnenbild erzählen. Und ja, nach der ersten Probe, das wissen die Kollegen ja noch gar nicht, war klar, dass Dieter als Mauer, alle gegen die Wand gespielt hatte. Was also tun? Ramallah hat in den Werkstätten angerufen, um die Holzwände, die eigentlich als Rückwand geplant waren, zu verstärken, aber keine Chance. Nächste Probe: die Mauer hatte alle anderen noch mehr an die Wand gespielt. Krisensitzung mit allen Gewerken, sie haben es euch nie erzählt. So entstand also die Idee mit dem eisernen Vorhang als letzte Möglichkeit die Premiere zu retten, eine Notlösung. Es gab keine andere Möglichkeit mehr. Nur der eiserne Vorhang konnte garantieren, dass die Dietermauer nicht alle an die Wand spielte und somit von der Bühne fegte. Carsten hat zusätzlich noch einen extra Entfolger für Dieter gebaut und so hat es ja dann auch glücklicherweise gerade noch funktioniert. Und als Dieter beim Szenenabgang seine Steine fallen liess, die er bei sich hatte – Method Acting! -, dachte ich, dass ihm die wohl auch vom Herzen fielen, als er seinenEinzelapplaus auf dieser, seiner, schönen Bühne bekam. Wieder bekam. Und er dabei strahlte wie ein Weihnachtsbaum.

Ich soll nun den Zettel an Zettel übergeben, worauf der liebe Denis sagt: Ja lasst mich den Zettelleser auch noch spielen. Um dann fortzufahren: Das waren die schönen Erinnerungen. Es muss aber wohl auch zu einigen schweren Verwerfungen während dieser Produktion gekommen sein. Während den jeweiligen Spielpausen soll es neben der Bühne zu, ja man muss es so sagen, ziemlich scheußlichen Szenen gekommen sein. Wann wenn nicht hier und jetzt ist die Zeit und der Ort für das öffentliche Waschen von Schmutzwäsche.

Ich sage nur: unerlaubtes Glücksspiel, ich sage nur: Skat. ich sage nur: Spielsucht. Tagelang waren die Kollegen nicht von ihrem Skattisch weg- und auf die Bühne zu bringen. Tommi, unser Inspizient, hat Dieter und Seb oft wochenlang eingerufen, keine Chance. Tommi ist bis heute heiser davon. Es soll bei diesen, wie soll man es nennen, Seancen, auch um sehr, sehr, sehr viel Geld gegangen sein. Wie wir alle wissen, hat Seb kurz nach dieser Produktion ja unser Haus Richtung reichem Westen verlassen. Um dringend Geld zu verdienen, wie damals gemunkelt wurde. Dieter ist auch umgezogen, in eine neue Villa. Zufall? Und wieso hatte Andreas Herrmann plötzlich kein Auto mehr? Und was hat die serbische Wettmafia mit all dem zu tun?

Ich kann und will dazu nichts sagen, wie auch immer: es war tatsächlich eine sehr schöne, mutige, große Produktion, der geplante Alptraum ein geglückter Theaterkunsttraum. Und Dieter so glücklich zu sehen, hat uns alle glücklich gemacht. Ihm wäre das jetzt wahrscheinlich viel zu kitschig hier, er hätte eher existentialistisch-ironisch gebrummt: „Ja schlimm, alles sehr schlimm“, oder:

Als Wand hab ich erfüllet meinen Zweck. Und darum geht die Wand jetzt einfach weg.

© Rolf Arnold
Mutter und Sohn. Jaßlauk als Aase mit ihrem Peer (Felix Axel Preißler) © Rolf Arnold

Die nächste Premiere war Peer und Dieter Aase und Peer in alt, kurz vor seiner allerletzten Schlittenfahrt in den Sorus Morus Palace. Es war eine der allerschönsten Arbeiten. Dieter buk tonnenweise Kuchen für seinen schlecht erzogenen Sohn und ließ es schäumen vor Geduld. Ja geduldig, fundamental und voll Urvertrauen spielte er die immer liebende Mutter – ich weiss gar nicht wie viel Liebe ein Mensch geben kann, woher er die nimmt, wie sie unerschöpflich aus ihm fließt und doch in ihm ruht wie ein Bergsee, an dem man nie verlassen ist, weil man sich immer auf ihn als Rückzugsort verlassen kann.

Ich will auch gar nicht soviel über die Arbeit sprechen, hier sind die Kollegen, die durchaus mitglänzen durften in Dieters Sonne, sicher detaillierter und näher dran gewesen. Ich will nur kurz über eine Probe erzählen, die viel von Dieter erzählt: Es ging um eine Gruppenszene und Dieter war am Stich-Wort. Die anderen jungen Kollegen wollten ihm erklären, was er zu tun hatte, wohin er gehen sollte, was er denken, wie er schauen sollte. Ja darauf geschissen. Dieter unterbrach, er meinte nur: „Nu lasst mich doch mal proben, lasst mich doch einmal machen.“ Und er probte und er spielte und er machte und er probte und es war genial.

Nun sind wir genug gefahren - Dieter Jaßlauk als alter Peer Gynt © Rolf Arnold
Nun sind wir genug gefahren – Dieter Jaßlauk als alter Peer Gynt © Rolf Arnold

So war er. Immer vorbereitet, um nicht vorbereitet sein zu müssen, vorbereitet, um frei zu sein, um zu entdecken, um zu spielen, um zu sein. Das schwierigste überhaupt auf der Bühne: sein. Ohne Vorgefasstheit, fassadenlos, fassungslos. Wie heisst es so unschön: Vor nichts hat der Mensch soviel Angst wie vor seiner Freiheit. Dieter war einer der Mutigsten. Es gab in seinem Spiel keine Wertung, keine Absicht, keine vorgefertigte Aussage, kein Reiseziel, keine Betriebsanleitung. Es war sein Spiel, technisch perfekt und durchlässig wie ein Instrument aus Wetter: jetzt und hier. Körper. Stimme. Raum. Augen. Blick. Ich weiss nicht einmal, ob das die berühmte alte Schule ist und wenn ja, dann soll diese alte Schule auch die neue werden. Wir könnten alle nur lernen, Pflichtfach: Wahrhaftigkeit.

Dieter Jaßlauk auf dem Weg zu seiner letzten Vorstellung © Denis Petković
Dieter Jaßlauk auf dem Weg zu seiner letzten Vorstellung © Denis Petković

Ich habe mich dann wahnsinnig für Dieter gefreut, als wir in Dresden den Peer spielen durften und er mir auf dem Dachbalkon erzählte, dass das seine Heimatstadt ist und er immer hier spielen wollte, es aber nie reichte, und dass sich mit diesem Abend nach langer, langer Reise ein Traum erfüllte. Oder eben ein Lebensweg die Runde machte. Was sollte man dazu sagen? „Kismet“. „Mazel“. „Nu, was soll sein?“ Ich denke Dieter genoss da in Dresden auf dem Balkon seine Dresdener Zigarette nach seinem Gastspiel nach seiner Arbeit nach seinem Erfolg in seiner allerletzten Rolle als alter Peer Gynt wirklich in vollen Zügen. Jedenfalls lächelte er vielsagend wie eine Sphinx.

Und lieber Dieter, ich erinnere mich auch an einen Abend in der Kantine. Das musst Du Dir jetzt noch anhören – „Och, was denn nu schonwieder? Nu mach mal hinne“ – Wir haben ja eigentlich gar nie soviel miteinander gesprochen, eigentlich eher so wie 2 Finnen mit Halsentzündung, aber Du hast du mir einmal erzählt, wie froh Du bist, dass Du mich und ich Dich, also wir uns gefunden hätten, dass ich Dir soviel Raum und Respekt gebe, Du hast dich ehrlich bedankt und Du hast erzählt, dass Du soviel Probleme früher im Theater gehabt hättest, jahrzehntelang, dass sie Dich soviel auf Linie bringen wollten und Dir sagen wollten, wie Du was wie zu spielen hättest und was Du sagen dürftest und was nicht und Du so langsam am Abstellgleis gelandet und eben lange nichts mehr zu sagen gehabt hättest. Und da hast Du mir eines der schönsten und traurigsten Komplimente gemacht, die man als Regisseur wohl bekommen kann: Philipp, warum nicht schon früher? Darauf, lieber Dieter, kann ich dir jetzt und hier nur antworten: Warum nicht länger? Warum nicht länger, Dieter?

Jetzt wird’s hier aber arg rührselig und wir müssen hier in Österreich ja noch zum anderen Leichenschmaus. Ramallah meint, Du sollst ihrer Oma schöne Grüsse ausrichten, ich bin mir aber nicht sicher, ob das nicht etwas pietätslos ist, aber was weiss man schon als Fremder, nicht wahr? Du hast es jedenfalls gut, jetzt sitzt du da oben im Ensemble der Allerbesten, isst Kuchen in der Sora Moria Kantine, geniesst ein Wässerchen und wir sitzen hier auf dem Trockenen. Ist das etwa fair? Aber wenn es hier unten regnet, weiss ich wenigstens, dass Du da oben sitzt, einen Skat klopfst und sie gerade heulen, weil du wieder und wieder gewinnst…

Bis denne, Philipp


Vorgetragen zur Gedenkfeier für Dieter Jaßlauk auf der Hinterbühne des Schauspiel Leipzig am 6. Dezember 2019 von Felix Axel Preißler und Denis Petković.

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