Die Edda | Schauspiel Hannover an der Volksbühne

wisst ihr, was das bedeutet?

Da wird ein langgeplantes Gastspiel zum Vorsprechen für eine ganze Stadt: Der designierte Schauspieldirektor der Volksbühne Thorleifur Örn Arnarsson hat sich am Osterwochenende – nur ein paar Tage nach der Vorstellung der kommenden Spielzeit – mit seiner Inszenierung „Die Edda“ vom Schauspiel Hannover an der Berliner Volksbühne vorgestellt. Wir sind neugierig hingefahren und haben einen Abend gesehen, in dem zwischen hehrem Pathos, allerhand Sagenhaften und derben Theateralbernheiten so ziemlich alles drinsteckt.

Zunächst haut uns aus der Undurchsichtigkeit dicken Theaternebels Susana Fernandes Genebra die ebenfalls nur schwer durchschaubare Geschichte der nordischen Sagenwelt um die Ohren. Von Riesen und Zwergen ist die Rede, von Göttern und Wimpern, aus denen neue Welten entstehen. Je weiter sie eindringt in diesen Kosmos, desto vergeblicher die Mühe, dem Ganzen zu folgen. Eigentlich könnte es auch Isländisch sein – zur atmosphärischen Dichte und Gewaltigkeit dieses ersten Teils würde es allemal passen.

Wisst ihr, was das bedeutet?

Nein, wissen wir nicht, ahnen hier aber schon: Nichts und alles. Gott und Welt. Leben und Tod. Geburt und Zerstörung. Und alles von vorn. Denn nicht umsonst sind die Geschichten der Edda in sich überschneidenden Kreisen erzählt und nicht hübsch linear von Anfang bis Ende. (Lernen wir in der Pause in einem ernsthaft-charmanten Kurzvortrag vorm Eisernen)

Okay, ein paar Namen sind uns – Marvel sei Dank – doch ein wenig geläufig: Göttervater Odin tritt auf und Thor nebst Hammer und natürlich Loki, ansonsten ist es aber recht dankenswert (und vor allem sehr witzig), dass Christoph Müller uns als Theaterreiseführer ein wenig durch Personage und Kulisse führt und so den Abend aus hehren Götterhimmeln mit übergroßen Lebensbäumen gleichsam auf die profane (Probe)bühne zurückholt.

Dort steht ein Karren, an den Seiten hat das Produktionscatering opulente Tafeln mit Torten und Trauben gedeckt, im Hintergrund sind ein Gerüst und diverse Leitern erkennbar: keine Welt, sondern eine Weltenbaustelle taucht langsam aus dem Nebel auf. Die Spieler gehen verkleidet als Nackte zum großen Götterdämmerungskarneval: sie stecken in leicht faltenwerfenden, bemalten Hautanzügen und ergänzen diese je nach Rolle mit silbernen Anzügen, dicken Pelzen oder breiten Superman-Schultern. Und nicht nur in den Kostümen, sondern auch im Spiel geht es nun mit viel Power und sehr geerdet weiter.

There is a crack in everything
That’s how the light gets in …

Thor! Das ist der Hammer! So ist kein Kalauer zu doof für den herrlich absurden und hochenergetischen Schlagabtausch, den sich Sarah Franke als Thor und Philippe Goos als Loki da auf der Vorderbühne und im Zuschauerraum liefern! Dann wieder stellt sich letzterer fast feierlich als Der Andere vor: ein faust’scher Geist und Riss in der Welt, durch den und in dem alles andere erst möglich wird.

Dazu dreht sich im Bühnenhimmel, Runde um Runde, ein Leuchtstoffröhrenkarussell. Es werden Hammer gestohlen, Halbgöttinnen zwangsverheiratet und fröhlich Riesen gemetzelt (oder waren es Zwerge?), bis zur Pause hin die Rasse der (nordischen) Krieger anleihentlich aktueller US-Politik Make Asgard Great Again! brüllt. So gekonnt wie überzogen wechseln Regie und Team vom Allerhöchsten ins Niedrigste, von großer Ernsthaftigkeit zu totalen Albernheiten. Und wieder zurück.

Ein wunderbares Ensemble ist hier am Werke – da können die ewigen Nörgler noch so laut Provinz! schreien – mit Lust an Skurrilitäten und heiligem Ernst und mit der Professionalität des übergangslosen Wechsels zwischen beidem.

I’m standing on the stage
Of fear and self-doubt
It’s a hollow play
But they’ll clap anyway

Der dritte Teil des Abends, den Musiker Gabriel Cazes gänsehautintensiv mit dem Arcade-Fire-Song My Body Is A Cage beginnt, könnte sich von den beiden ersten nicht deutlicher unterscheiden. Das Welten-Baugerüst ist in die Drehbühnenmitte gefahren und lässt Umdrehung für Umdrehung immer neue Details entdecken. Dröhnende Schläge an selbiges geben einen metallischen, mitreißenden Rhythmus vor. Und der harte Gegensatz zu den zunehmend groteskeren Bildern intensiviert noch einmal den berührenden Text des Autors aus dem Off, in dem er von (s)einer besonderen und schmerzlichen Vater-Sohn-Beziehung erzählt.

Totenfluss und Fährmann stecken da drin und das ewig Weibliche. Die dickschwänzige Wölfin, die auch Romulus und Remus nährt und die Lust am Bösen. Trolle, Schnaps und Armageddon. Und wieder ist Philippe Goos‘ Loki der rote Faden, dessen kaltheiße Wut alles vorantreibt und alles zerstört. Und wenn die Bühnenarbeiter in Windeseile den ganzen Aufbau abgebaut und alle Requisiten weggetragen haben, ist er es, der sich auf der nun kahlen Bühne windet.

Da stirbt nichts. Da war nie was. Da stirbt alles.

… sind die letzten Worte, dann leuchtet nur noch der Schriftzug vid vitum það öll vor unschuldigem Weiss. Kennen wir doch alles. Wir wissen, was kommt. Und doch wird es von Neuem beginnen. Ein neuer Wimpernschlag der Geschichte, eine neue Unendlichkeit im Augenblick. Alles zugleich und eins nach dem anderen: Alles auf Anfang.


» Die Edda
Neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason. Regie Thorleifur Örn Arnarsson. Wolfgang Menardi. Kostüme Karen Briem. Musikalische Leitung Gabriel Cazes. Dramaturgie Judith Gerstenberg / Johannes Kirsten. Übersetzung Damiàn Dlaboha. Mit Johanna Bantzer, Susana Fernandes Genebra, Sarah Franke, Iza Mortag Freund, Philippe Goos, Maximilian Grünewald, Mathias Max Herrmann, Sophie Krauß, Wolf List, Christoph Müller, Hagen Oechel, Andreas Schlager + Live-Musik Gabriel Cazes

Noch 2x in Hannover zu sehen:
Sonntag, 5. Mai, 17 Uhr und Samstag, 1. Juni 18:30 Uhr