zu leicht fürs leben – starke frauen in thalheimers endstation sehnsucht am berliner ensemble

Diese Wahnsinnsfrau! Wie sie zittert, wie sie bebt, kämpft. Wie sie berechnend sein will und immer unberechenbarer wird. Wie sie die Fassade zu wahren sucht wo es doch drunter brodelt: Wut, Angst, Leidenschaft, Desillusionierung, Lebenshunger! Cordelia Wege startet als Blanche so dermaßen energetisch den letzten Versuch, das Leben in den Griff zu bekommen. Und das an einem Ort, an dem sie schon dem Namen (auch wenn das nur im Deutschen funktioniert) nach scheitern muss: An der Endstation Sehnsucht.

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Wie ist ihr Gewicht?
Ich bin zu leicht fürs Leben.

Kofferbewehrt und im weissen Hochzeitskleid steht sie oben auf Olaf Altmanns Bühne, die die Endstation fast schon ein bisschen zu direkt versinnbildlicht. Die vierte Wand ist aus bühnenfüllendem, rostigem Metall, in das ein einen schräg nach unten verlaufender Schacht geschnitten ist. Niedrig ist dieser Stollen im Gefühlsbergwerk, da bleibt nicht viel Luft nach oben. Und er endet abrupt: Endstation. Da rutscht man naturgemäß viel leichter rein bzw. runter, als dass man wieder hinaufkommt: mühsam steifbeinig, wenn überhaupt, und so gar nicht elegant. Desillusion auch hier. Und so landen die Williams’schen Figuren trotz wiederholtem Hochkämpfens am Ende immer in der Sackgasse: Mit dem Rücken zur Wand.

Die Dinge sind hier also schon in Schieflage, bevor das Spiel beginnt: Die eine Tochter aus gutem Hause hat sich im Prekariat eingerichtet. Für die zweite, Blanche, ist es die letzte Zuflucht nach dem Verlust des Zuhauses und damit des schönen Lebens.  Wie einen Katalysator setzt Tennessee Williams seine Blanche in die von Gewalt und Rohheit bestimmte Beziehung Stellas und Stanleys und erzählt dabei neben der gesellschaftlichen Schieflage auch viel über jene der Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau. Und auch, wenn bei Thalheimer neben dem einen auch mal die andere nicht nur rein räumlich oben auf ist –  das ist – wie wir nicht erst seit #metoo wissen – bis heute ein stetiger Kampf.

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Ganz langsam, widerwillig, aber auch neugierig geht Blanche hinunter und hinein in eine ihr fremde Welt. Überhaupt nimmt sich der Abend viel Zeit, ohne im mindesten seinen Rhythmus oder gar an Spannung zu verlieren.

Verbittert, sarkastisch ist Cordelia Wege unterwegs und zugleich lichterloh brennend und voller Desire auf ein selbstbestimmtes Leben. Mit einem Lachen, das unversehens in Hysterie kippt. Unausgesprochen, aber unter der Oberfläche immer fühlbar zutiefst verletzt in ihrem Frau-, nein, in ihrem Mensch-Sein. Und selbst als alternde Ophelia im Unterkleid und Prinzessinnenkrone nie lächerlich. Die kriegt man nicht zu fassen, auf die will keines der üblichen Blanche-Ettiketten so recht passen. Eine Wucht!

Ihr gegenüber eine ebenso starke Spielerin und tolle Frau.Sina Martens Stella zwischen liebevoll-sorgend und abgeklärt-resigniert ist eine, für die das Leben halt schon okay ist. Die aber ganz genau so träumt – nur ohne sich wachen Verstandes irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Aber auch eine mit ehrlicher Liebe zu Mann UND Schwester und großem Herzen für die Fehler der anderen. Eine die proletarisch losplautzen kann und im nächsten Moment minutenlang schweigend-schief an der Rampe steht, scheinbar regungslos ins Publikum blickt und auf das Geschehen hinter ihrem Rücken lauscht. Un damit so wahnsinnig viel Unsagbares erzählt – allein mit dem Leuchten in den Augen und der schieren körperlichen Präsenz.

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Endstation Sehnsucht Berliner Ensemble © Matthias Horn

Andreas Döhler macht derweil den Macker – wobei man ihm den reuigen, zu Kreuze kriechenden Gatten irgendwie eher abnimmt als den rücksichtslosen Besoffski. Ein Stanley, angelegt jenseits einer Testosteronschleuder mit unterschwellig-dräuendem, animalischem Sex unter der brüchigen Oberfläche. Brutalität und Zärtltichkeit, Vulgarität und proletarischer Scharfsinn – die großen Leidenschaften haben bei ihm etwas ganz Beiläufiges, Alltägliches.

Im letzten Augenblick unseres gemeinsamen Lebens …

Kommen die anderen Figuren hinzu, öffnet sich der hermetisch abgeschlossen Raum durch Farben und Licht ein klein wenig. Wobei die Milieu-Szenen der Männer beim Kartenspiel, aber auch das Werben Mitchs (bei Peter Moltzen fest auf dem Boden der Tatsachen und dennoch mit einer schönen Dünnhäutigkeit versehen) gegenüber der starken Hautpakteure schon fast zwangsläufig ein bisschen abfallen.

Ein SchauspielerInnen-Fest eben, ein Abend, der das bekannte Stück auf eine schräge Ebene ab-hebt, aber doch psychologisch fein gezeichnet ist – ohne etwas überzustülpen zu wollen und ganz aus wunderbaren den Spielern heraus, die gerade in der Künstlichkeit dieser zwischenmenschlichen Versuchsanordnung trotzig immer wieder eine große Menschlichkeit behaupten.

Ich muss hier irgendwie raus.
Das ist eine Falle.

… sagt Blanche gen Ende. Und das gelingt. Wir wissen leider, wie.


» Endstation Sehnsucht am Berliner Ensemble
Von Tennessee Williams. Regie Michael Thalheimer. Bühne Olaf Altmann. Mit Cordelia Wege, Sina Martens, Andreas Döhler, Peter Moltzen, Kathrin Wehlisch, Sven Fleischmann, Henning Vogt, Max Schimmelpfennig, Marie Benthin und Rayk Hampel

NEXT SHOWS: 6., 7. und 8. Juni und am 6. und 7. Juli