Macbeth | DNT Weimar

zwischen shakespeare, hitler und müller in der weimarer puppenstube

In der vergangenen Woche wäre Heiner Müller 90 geworden. Sicher ist es ein Zufall, dass ein paar Tage später seine Bearbeitung von Shakespeares Macbeth auf dem Spielplan des Deutschen Nationaltheaters Weimar stand, aber es ist ein schöner Zufall.

Macbeth DNT Weimar © Candy Welz 1

Macbeth DNT Weimar © Candy Welz

Die Inszenierung von Christian Weise hatte bereits beim Kunstfest Weimar 2018 Premiere. Heiner Müller hat keine bloße Übersetzung, sondern eine Bearbeitung des Shakespeare-Stoffs geschaffen. Neu sind bei ihm einige kurze Szenen, in denen er einen Blick auf Soldaten, Bauern oder Diener wirft. Da gibt es einen Bauern, der zu Tode geschunden wird, weil er seine Pacht nicht zahlen kann, da wird einem Diener, der eine unbedachte Antwort gibt, die Zunge herausgeschnitten. Von diesen Szenen bleibt in der Weimarer Fassung nicht viel übrig.

Wenn z.B. Macduff am Morgen nach dem Königsmord Einlass ins Schloss begehrt, so wird der etwas langsame und redselige Pförtner bei Müller von Macduffs Schwert durchbohrt, in Weimar wird der englische Originaltext gesprochen.

Um auf eine Spieldauer von zwei Stunden zu kommen, wurden einige Nebenfiguren gestrichen. Daraus ergeben sich merkwürdige Konstellationen. So wird Banquos Sohn Fleance zu einem Baby und man fragt sich, wie es dem gelingt, den Mördern zu entfliehen. Der Bericht von den unheimlichen Erscheinungen in der Mordnacht wird hier entgegen dem Original von Lady Macbeth gesprochen, die doch eigentlich den Anschein erwecken möchte, in dieser Nacht tief und fest geschlafen zu haben. Die Rolle des Donalbain, zweiter Sohn von König Duncan, ist gestrichen. Unklar bleibt, warum Malcolm, der andere Sohn, behaupten muss, dass er sowohl nach England als auch nach Irland (eigentlich das Ziel Donalbains) fliehen will. Immerhin ruft diese Szene Sebastian Hartmanns Macbeth-Inszenierung in Erinnerung, in der Max Brauer tatsächlich Malcolm und Donalbain als Doppelrolle spielte.

Doch genug gemäkelt, all das sind wirklich nur Kleinigkeiten, die den Genuss an einem großartigen Abend überhaupt nicht trüben können. Im Programmheft wird Karl Marx mit der Aussage zitiert, dass sich Geschichte als Farce wiederholt. Die Farce zu Macbeth gibt es in der Literatur: König Ubu von Alfred Jarry. In Weimar erinnern die Gestalten auf der Bühne an dieses Stück. Alle Schauspieler stecken in Fatsuits, so dass die Figuren durch unförmige Bäuche, hängende Brüste, baumelnde Geschlechtsteile und deformierte Köpfe charakterisiert sind (Kostüme: Lane Schäfer).

Sehr gelungen ist das Bühnenbild von Julia Oschatz. Als sich nach einer kurzen Einleitungsszene der Eiserne Vorhang hebt, blicken wir nicht auf eine Szenerie im schottischen Hochland, sondern auf Orte, die uns aus Weimar vertraut sind. Natürlich gibt es da einen Blick ins Goethe-Haus, zudem das Nationaltheater, in dem vor hundert Jahren die Weimarer Republik begründet wurde, das Bauhaus ist mit einer Kücheneinrichtung dabei, das Dach der Anna-Amalia-Bibliothek darf in einer Szene sogar effektvoll abbrennen, Gauforum und Krematoriumsöfen erinnern an die Zeit des Hitlerfaschismus, angedeutete Plattenbauten an die DDR. Auch ein Zimmer des Liszthauses ist zu sehen, dort sitzen passenderweise die Musiker, die diesen Abend live begleiten. Und als besondere Reminiszenz an den Autor des Abends entdeckt man auch das Weimarer Shakespeare-Denkmal.

Macbeth DNT Weimar © Candy Welz

Macbeth DNT Weimar © Candy Welz

Die Rollen von Macbeth und Lady Macbeth teilen sich Susanne Wolff und Corinna Harfouch, der Rollentausch etwa in der Mitte des Stücks ist schnell vollzogen, da sich die sekundären Geschlechtsmerkmale leicht abnehmen lassen. Wie der Verweis auf eine Farce bereits ahnen lässt, erinnert die Inszenierung oft eher an König Ubu als an einen klassischen Macbeth. Da prügelt sich das Ehepaar Macbeth in bester Slapstick-Manier und unter Zuhilfenahme einer Klobürste, da sitzt Macbeth gern auf der in der Mitte der Bühne stehenden Toilette. Der tote Duncan (Bernd Lange) darf noch einmal auferstehen und die geheimnisvollen Worte der Hexen singen „Foul is fair and fair is foul.“

Nach dem Mord an Banquo (Oscar Olivo) tritt dieser als Geist aus seiner Rolle, bringt das erwähnte Marx-Zitat, lästert über Donald Trump und berichtet von Schamanismus-Seminaren, um schließlich in einem der Buchenwald-Öfen zu landen. An der Stelle darf dann auch Corinna Harfouch als Macbeth aus ihrer Rolle treten, zunächst im schnarrenden Hitler-Duktus über Weimar sprechen und dann im ostdeutschen Dialekt bedauern, dass doch Buchenwald nicht die ganze Geschichte gewesen sei, dass man da doch auch mal einen Schlussstrich machen müsse, schließlich habe man ja eine Idee gehabt und da müsse man doch erst einmal aufräumen.

So sehr hier auch formal eine Farce gespielt wird – wer genau hinhört, dem läuft es bei diesem Text kalt den Rücken herunter. Schließlich treten auch noch Macduff (Krunoslav Šebrek) und Malcolm (Thomas Kramer) auf, letzterer mit einer schwarz-weiß- roten Armbinde, die zwar kein Hakenkreuz trägt, aber doch sehr daran erinnert.

Hier ist der Abend wieder ganz bei Heiner Müller, bei dem Macduff nach dem Sieg über Macbeth getötet wird und Malcolm eher als neuer Tyrann denn als Hoffnungsträger einer friedlicheren Zukunft erscheint. „Mein Tod wird eure Welt nicht besser machen.“ sagt Macbeth dort am Ende, diesen Satz hat man in Weimar nicht gestrichen. Ein volles Haus und viel Beifall zeigen, dass die Weimarer mit dieser ungewöhnlichen Inszenierung etwas anzufangen wissen.


» Macbeth am Weimarer Nationaltheater
Regie Christian Weise. Bühne und Video Julia Oschatz. Kostüme Lane Schäfer. Musik Jens Dohle. Dramaturgie Beate Seidel. Mit Corinna Harfouch, Susanne Wolff, Bernd Lange, Oscar Olivo, Krunoslav Šebrek, Thomas Kramer und den Musikern Jens Dohle und Steffen Illner.

Nächste Aufführung am 15. Februar 2019